Wie manche Theologen meinen?

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Gast

Wie manche Theologen meinen?

Beitragvon Gast » 12.05.2007 10:27

Hallo,

in der letzten Zeit habe ich etwas im Buch „Biblische Glaubenslehre“ von Jacob Thiessen gelesen. Der Untertitel lautet dazu: „Eine systematische Theologie für die Gemeinde“. Obwohl dies ein recht ordentliches Buch ist, bringt es auch wie viele andere Bücher von anderen Autoren so seine fragwürdigen Tendenzen an den Tag. Hierzu möchte ich mich kritisch äußern, ohne den Autor in seiner Stellung und Reputation anzugreifen, obwohl die nachfolgenden Textpassagen für mich einen komischen Beigeschmack nach sich ziehen.

Auf Seite 141 lesen wir zum Thema Wiedergeburt:

„Jesus wundert sich darüber, dass Nikodemus nicht weiß, wovon er spricht (Joh 3, 10). Doch woher sollte Nikodemus das wissen? Jesus geht davon aus, dass ihm die Lehre von der Neugeburt aus dem Alten Testament bekannt sein sollte. Deshalb müssen wir im Alten Testament die Grundlage für diese Lehre Jesu suchen. Allein so können wir auch die Antwort auf die Frage finden, was Jesus unter „Wasser“ versteht. Versteht er darunter die Taufe oder das Wort Gottes (vgl. Eph 5, 26; 1.Petr 1, 23; Jak 1, 8), wie manche Theologen meinen? Ist die Taufe Voraussetzung für die Rettung?“

Auf der nächsten Seite sehen wir dann eine Verbindung zu Hesekiel 36, 25-27

( Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.)


und :


„Mit dem „reinen Wasser“ wird zweifelsohne auf die reinigende Wirkung des Blutes Jesu hingewiesen (vgl. 1. Petr 1, 2; 1. Joh 1, 7; Heb 9, 13-14; 10, 19-22; 12, 24), wie das symbolisch durch die Wassertaufe zum Ausdruck gebracht wird (vgl. Röm 6, 3 f.).“



Wahrscheinlich gehöre ich wohl zu den ‚manchen Theologen’, die etwas meinen und zwar bin ich nämlich genau dieser Auffassung, dass es sich eben beim Wort „Wasser“ in Johannes 3, 5 tatsächlich um das ‚Wort Gottes’ handelt. Zur besseren Wiedergabe hier der betreffende Bibelvers:

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.


Also, ich bin der Meinung, dass der Autor Jakob Thiessen hier den Bogen überspannt und zu sehr in die Richtung hineingeht, das Alte Testament als Auslegungsinstrument für das Neue Testament zu nehmen. Obwohl dies im Normalfall richtig ist – dem stimme ich zu – muss der Regelfall auch Ausnahmen haben. In 1. Korinther 10, 6.11 sehen wir ja diesbezüglich genau die Begründung für den Normalfall :

Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir nicht nach Bösem gierig sind, wie jene gierig waren.
Alles dies aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist.


Aber sollte diese Regel aus den o.g. Bibelversen auch für Erklärungsversuche zu erklärungsbedürftigen Wörtern im NT herhalten? Ich denke nicht!

Nach meiner Auffassung verkennt Jakob Thiessen einerseits die Aussagen der Protagonisten und zum anderen das Wort Gottes selbst.

Nunmehr ist aber offensichtlich, dass die vom Autor benutzte Bibelpassage in Hesekiel 36, 25-27 durch den Bibelvers 16 eingeleitet wird, wonach geschrieben steht: „Und das Wort des Herrn geschah zu mir so: …“ Demnach muss davon ausgegangen werden – auch wegen des nachfolgenden Personalpronomens ‚Ich’ - dass Gott hier persönlich und direkt spricht. Der Erklärungsversuch von Jakob Thiessen ist daher nach meiner Auffassung für Hesekiel 36 richtig, wenn er dies in Verbindung mit dem reinigenden Blut von Jesus bringt. Dazu könnte aber auch das Wort, der Gnadenstrom und der Heilige Geist gerechnet werden (vgl Joh 7, 38-39).

Dagegen halte ich aber den Bibelvers in Hesekiel 36, 25-27 für einen schlechten Versuch, das Wort „Wasser“ in Johannes 3, 5 zu erklären.

In Johannes 3 schreibt Johannes über Jesus und Nikodemus in der indirekten Rede, d.h. es liegt in diesem Fall die sinngemäße Wiedergabe der Worte von Jesus vor, wobei allerdings Johannes der Schreiber ist. Der Zweck des Johannes-Evangeliums ist nunmehr aber, weil es explizit aufgeschrieben wurde, in der Aussage „damit ihr glaubt“ (vgl. Joh 19, 35 und Joh 20, 31) zu erkennen. Daher wären nach meiner Meinung Hesekiel und Johannes nicht kompatibel, weil sie nämlich für unterschiedliche Adressaten geschrieben wurden.

Sofern allerdings das Wort „Wasser“ nur Grundlage für das Blut Jesu bzw. die reinigende Wirkung des Blutes von Jesus sein soll, so frage ich mich, wie Abraham glauben konnte, denn er hat ja den Kreuzestod von Jesus und das Vergiesen des Blutes von Jesus nicht auf Erden miterlebt? War Abraham nicht wiedergeboren?

Mit Eph 5, 26; 1. Petr 1, 23; Tit 3, 5 sehe ich ausreichenden Grund für meine Annahme, dass das Wort „Wasser“ als das ‚Wort Gottes’ auszulegen ist.

Hilfreich ist hierzu auch 1. Johannes 5, 6-8, weil insbesondere hier Wasser und Blut nebeneinander stehen und somit unterschiedliche Aussagen implizieren. Als Begründungsargument könnte des Weiteren auch noch Johannes 19, 34 herhalten, wo geschrieben steht, dass, nachdem der Soldat den verstorbenen Körper Jesu durchbohrte, Wasser und Blut herauskam.

Diese Ausführungen möchte ich nunmehr zur Diskussion stellen und verweise abschließend auf Jakobus 1, 18.21 und frage Euch, wie haben diese Bibelverse ihre Existenzberechtigung, wenn man nicht bei Johannes 3, 5 das Wort „Wasser“ als das Wort Gottes auslegen könne. Bezüglich des Buches von Jakob Thiessen hätte ich gerne eure Einschätzungen, sofern ihr es auch gelesen haben solltet.

Ich wünsche mir eine sachliche Diskussion, die sich am Sachthema orientiert. Ping-Pong-Wortgefechte möchte ich hier bitte nicht sehen. Daher achtet bitte auf eure Argumentation. Vielen Dank.


Olly

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