Tägliche Lesung aus der Dogmatik von Eduard Böhl

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Jörg
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§ 75. Die Erwählungslehre

Beitragvon Jörg » 07.02.2017 16:56

3. Die Lehre von der Erwählung wird ferner noch bestätigt durch die heilige Geschichte. Weshalb wurde Abraham und seine Nachkommenscllaft vor anderen erwählt? Etwa weil die Heiden dieser Erwählung nicht würdig waren? Nun dann beweise man, daß die Nachkommen jener Heiden zur Zeit der Apostel sich wirklich würdiger erwiesen – und stoße um die Rechtfertigung aus dem Glauben, den νόμος διακαιοσύνης von dem Paulus Röm 9,31 redet. Wie in der alten Haushaltung, so hatte Gott auch in der neuen nicht sein Absehen auf Massenbekehrungen; nach Mysien z.B. ward die frohe Botschaft nicht gebracht durch Paulus, so sagt Apg 16,6-8. Und wie viele Völker liegen jetzt in der Finsternis und im Todesschatten, und zwar seit Jahrhunderten? Fürwahr, es läßt sich für dieses Phänomen kein anderer Grund anführen, als daß es also in Gottes freiem Ratschluß lag. Gott vermag auch aus Steinen dem Abraham Kinder zu erwecken, sagt Johannes der Täufer, Mt 3,9. Ist es nicht freie Gnade, daß Gott diesen oder jenen überhaupt zum Menschen machte, und nicht zum unvernünftigen Tiere? so fragt Calvin. Was nun von dem wahren Samen Abrahams gilt, daß er erwählt wurde vor den übrigen Völkern, die übergangen sind, das gilt auch von den einzelnen Erwählten im Vergleich mit anderen, die übergangen wurden; die Schwierigkeit ist in beiden Fällen die gleiche. Was wir in Bezug auf das wahre Israel im Prinzip zugeben müssen, nämlich daß eine Erwählung vor anderen hier stattfand, 2.Mose 19,5; 5.Mose 4,7; Ps 147,20; Jes 43,21, das brauchen wir nur auf die Menschen im Einzelnen anzuwenden. Von Fall zu Fall wiederholt sich da nur das Gleiche, was im Großen in der Erwählung des Samens Abrahams mit Übergehung der Heiden (s. Apg 14,16) einmal geschehen war.

Es ist noch nötig, anhangsweise auf den Differenzpunkt, der zwischen den Reformierten und Lutheranern im Punkte der Erwählungslehre besteht, einzugehen. Er ist zu wichtig, um in der Dogmatik übergangen werden zu können. Es ist hier die merkwürdige Erscheinung eingetreten, daß die Lutherische Kirche ganz orthodox vom menschlichen Verderben lehrt, aber seit der Formula Concordiae die Erwählungslehre zu verhüllen strebt.(329)
zu.329. Bis 1560 stimmt die Aussage Calvins in einem Briefe an Zerkint (Opp. omnia XVII, S. 238) mit der Wahrheit völlig überein, wo er über Bemängelungen der Prädestinationslehre folgendes schreibt: Antehac nemo litem movebat (de praedestinatione), imo asperas loquendi formas, quas mitigare conatus sum, (er meint diejenigen Luthers in De servo arbitrio) cupide iactarunt nonnulli (in Bern), qui me nunc invidia gravant etc. Dem Calvin wurde 1543 von Melanchthon die Beantwortung der grimmigen Angriffe des Pighius von Kampen auf die Prädestinationslehre Luthers, Melanchthons und Calvins selber übertragen. Er entledigte sich dieses Auftrags zunächst raptim in einer Schrift Contra Pighium; sodann eingehender 1552 in dem sogenannten Consensus Genevensis. Auch Lasco wollte sich in diesem Lehrstück durchaus nicht von Calvin trennen lassen (Opp. II, S. 676; ed. Kuyper) und vergebens suchten später Arminianer und neuerdings Dr. Heppe Bullinger von Calvin zu unterscheiden (dagegen s. Schweizer, Centraldogmen 1, S. 289 ff.)


Während nämlich die Konkordienformel im Abschnitt „de libero arbitrio“ so stark wie keine andere Konfession über den natürlichen Menschen urteilt, indem sie ihn kurzweg mit einem Klotz und Stein vergleicht, tritt daneben S. 671 (Ausg. von Hase) eine nicht völlig kongruente Behauptung auf. Es wird nämlich gesagt, daß der natürliche Mensch dennoch einigermaßen die Freiheit hätte, sich dem äußerlichen Anhören des Wortes zu unterstellen oder nicht. Es stünde dem Menschen diejenige Bewegung des Leibes frei, die zum leiblichen Gehen und Hinhören nach den Gnadenmitteln, also nach Wort und Sakrament, nötig sind; von dem guten Gebrauch, den der Mensch von dieser ihm gelassenen Freiheit in rein äußerlichen Dingen macht, hängt nun sein Heil einigermaßen mit ab. Bei dieser ängstlichen und jedenfalls schiefen Darstellung der Dinge konnte man später nicht stehen bleiben. Schon Hunnius330 bringt bei der Bekehrung den Willen des Menschen mit ins Spiel, indem, wie er sagt, bei dem einen weit mehr Hindernisse, die das Fruchtbringen des Wortes hemmen, vorhanden sind, als bei anderen. Damit aber wird schon die Entscheidung auf die größere oder geringere Anstrengung in der Beseitigung der Hindernisse der Sünden, die auch ihnen vermeidlich sind – gelegt. Und noch deutlicher sagt Hunnius: die einen ließen sich viel unlieber zur Treue bringen, als die anderen (Schweizer a.a.O. S. 575). Es kam leider ein polemisches Interesse hinzu. Man hatte von den reformierten Brüdern im Punkte des Abendmahls sich losgesagt und nun ging man weiter; man suchte nach anderen Haken in der reformierten Lehre und fing an erst ganz behutsam, dann offen, auch mit der Prädestinationslehre zu brechen.
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§ 75. Die Erwählungslehre

Beitragvon Jörg » 13.02.2017 17:16

Spätere lutherische Dogmatiker nach den arminianischen Streitigkeiten (1609-1619) gingen noch weiter. Sie vindizieren dem Menschen ein non resistere daß er also sich der Gnade gegenüber nicht-abweisend verhalten könne, oder aber sie abweise, und danach habe dann Gott seine Erwählung gerichtet, ganz gegen die Konkordienformel, welche es weit von sich wirft, daß die „electio“ ex praevisa fide geschehen sei. Philippi (IV,1. S. 70ff.) hat es fertig gebracht, zwischen dem non resistere und Annehmen zu unterscheiden. Es spielt bei ihm die göttliche Gnade aber die traurige Rolle des Hausherrn, der in sein eigenes Haus nicht hinein kann, das er sich doch teuer genug erkauft, weil ein Hausbewohner ihm die Tür zuhält. Über den Vorsatz, das Widerstreben des natürlichen Menschen zu überwinden, kommt die Gnade nicht hinaus. Dem natürlichen Menschen bleibt immer noch das Widerslreben oder Nichtwiderstreben gegen die sein natürliches Widerstreben zum Akt des Annehmens umwandelnde (d.h. nach S. 77, Anmerkung: umwandeln wollende) Gnade. Es bleibe dem Menschen das traurige Vorrecht, die Neusetzung der (durch Adam verlorenen) Gabe zu hindern, und zwar gleich beim ersten Anfang. Es ist dabei ein leeres Spielen mit Worten, wenn Philippi (S. 73) diesen Synergismus des Menschen einen Synergismus des durch die Gnade befreiten Willens nennt. Denn derjenige Wille, der gleich beim ersten Anfang die Neusetzung der Gabe hindern kann, dem der heilige Geist nichts abringen kann, er lasse es denn zu, ist toto coelo verschieden von jenem Willen, der sich im Moment der Bekehrung pure passive verhält. In Philippis Polemik gegen Quenstedt (S. 77) offenbart es sich: daß er nicht einmal den ersten Eindruck, den die Gnade (im Anfang) macht, für inevitabel hält. Auch hier verfehlt die Gnade des ersten Eindrucks nur deshalb nicht, weil und insofern die Person ihm sich nicht entzieht.

Wir finden kaum Worte, um Philippis Kreuz- und Querzüge nach Gebühr zu taxieren, womit er der rechten Lehre von der Erwählung zu entgehen und einen ganz unmöglichen Mittelweg zwischen Pelagianismus und Augustinismus einzuschlagen gesucht hat. Er muß wohl darauf gerechnet haben, daß ihn niemand kontrollieren werde, sei es aus nur allzu leicht errungenem Einverständnis, sei es aus Unlust, um solchem Gerede wirklich Stand zu halten. Sonst würden wir ernstlich um Philippis klaren Verstand besorgt sein, von dem er doch an anderen Stellen genügende Proben geliefert hat.(331) Prof. Frank in Erlangen steht im Wesentlichen auf dem Standpunkt des Synergismus nach der Bekehrung, d.h. er statuiert die Möglichkeit eines Wiederabfalls oder Nichtabfalls der zunächst unwiderstehlich Berufenen. „Diese neue sonderliche Sünde (die nicht mehr die des natürlichen Menschen ist) sei vergleichbar der Sünde des ersten Menschen, ein neuer Sündenfall.“ (System II, S. 331.) Ähnlich lautet die römisch-tridentinische Lehre. Andere neuere Dogmatiker reden noch ungenierter als jene beiden. Thomasius „Christi Person und Werk“, Th. I, S, 449 schreibt dem natürlichen (331). In der Lutherischen Kirche Amerikas hat sich eine Opposition gegen diese Abweichung von der Erwählungslehre erhoben. Pastor Walther hat mit siegreichen Gründen die Lehre Luthers wieder auf den Leuchter gestellt und die Zustimmung der Missouri-Synode erlangt. Menschen die Fähigkeit zu, sich durch die Gnade bestimmen zu lassen, auf die Gemeinschaft mit Christus einzugehen oder nicht. Dieses Eingehen geschieht durch den Glauben; er nennt dieses Eingehen die formale Rezeptivität: das ist Synergismus. Es soll zwar diese „facultas non resistendi“ kein meritum sein; aber wie schon Melanchthon gegen die Sophisten sagt im locus de peccato, es gibt kein bonum meritorium und non meritorium, es gibt eben nur ein bonum meritorium. Wer da wirkt, dem wird sein Lohn zuteil werden. Bei Ebrard, dem sogenannten reformierten Dogmatiker, steht es um die Erwählung sehr schlimm § 325,344,447, gerade als ob Luther, Calvin u. A.(332) niemals geredet hätten, und als ob die Kontrolle solcher Behauptungen seitens der reformierten Kirche nie mehr zu befürchten sein werde. Und dennoch waren Luther und Calvin Prädestinatianer, gerade wie Augustin (Prosper und Fulgentius), deren Sätze die Kirche sanktionierte,(333) wenn sie in der Praxis auch dem Pelagius leider vieles nachgab.
zu.332 332. Luther schreibt an Amstorf: Provoco regem (Henricum VIII.) Erasmum et ipsum denique Satanam, cupiens, ut solidis scripturae argumentis librum meum de servo arbitrio refutent.
zu.333. Auf der Synode von Orange 526; hier setzte die Kirche in mehreren Sätzen fest, was auch in Zukunft immer wieder als Panier der rechten Lehre (von Gnade und Freiheit des Willens) aufrecht erhalten worden ist (vgl. Forbesius a Corse, lnstructiones theologicae, liber VIII; bes. Kap 3, § 15; Thomasius a.a.O. I, S. 418 ; Philippi, Dogmatik IV, 1. S. 34).
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§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Beitragvon Jörg » 20.02.2017 17:22

§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Die Verwerfung ist die Kehrseite und notwendige Konsequenz der Erwählung. Sie wird ausdrücklich gelehrt in Stellen, wie Röm 9,18.21; 2.Tim 2,20; Jud 4; Spr 16,4; zu folgern ist sie aus Mt 25,41; 7,23; 1.Joh 2,19.334 Die Verwerfung ist zunächst als eine Übergehung gewisser Menschen bei der erwählenden Tätigkeit Gottes zu definieren. Positiv betrachtet ist diese Übergehung eine Verwerfung, ein Majestätsrecht Gottes, demgemäß er nicht alle erwählt, wenn auch alle in der gleichen Verfassung vor seinen Augen liegen, nämlich als Kinder des Zornes von Natur (Eph 2,3). Die Schrift redet deutlich von diesem Geheimnis, und die Sache selbst ist in der Tat etwas ganz Offenbares. Die Verwerfung wird auch von keiner der christlichen Konfessionen in Abrede gestellt, wo es sich handelt um Heiden, Türken, kurz solche, die von Christus nie zu hören bekamen.(335) Bestritten wird sie nur, sofern sie auch auf die christliche Kirche selber angewandt wird, und zwar von der römisch-katholischen Kirche seit dem Tridentinum, und der Lutherischen seit der Konkordienformel a. 1580. Die Augustana und Apologie stehen noch auf dem Boden der Prädestinationslehre, aber ohne die Verwerfung ausdrücklich hervorzuheben. Ein lebendiges Interesse hat nur die reformierte Kirche für diese Lehre sich bewahrt, und sie ist also auch darin Erbin der alten echten katholischen Wahrheit.(336)
zu.335. Vgl. Luther, Catech. maior II, 66: Quicunque extra Christianitatem sunt – in perpetua manent ira et damnatione. Neque enim habent Christum Dominum, neque ullis Spiritus sancti donis et dotibus illustrati et donati sunt.
zu.336. Vgl. besonders Fulgentins I. I. ad Monimum. Dort heißt es z.B. Kap 7: Praedestinationis enim nomine non aliqua voluntatis humanae coactitia necessitas exprimitur, sed misericors et iusta futuri operis divini sempiterna dispositio praedicatur. Proinde potuit sicut voluit , praedestinare quosdam ad gloriam, quosdam ad poenam. Kap 13: In sanctis igitur coronat Deus iustitiam, quam gratis ipse tribuit, gratis servabit, perfecit. Iniquos autem condemnabit pro impietate et iniustitia, quan in eis ipse non fecit. In illis enim opera sua glorificat, in istis autem opera non sua condemnat. Kap 19: Proinde quia initium malae voluntatis superbia est, quae ex Deo non est, perspicue claret non ex Deo esse hominibus interitum malae operationis (das moralisch Böse), sed a iusto iudice retribui malis interitum ultionis. Non eos Deus iudicio perderet, nisi per suas iniquitates ipsi periissent. Iniquitas igitur, quia in Deo non est, utique ex Deo non est. In Summa sagt Fulgentius: Quos praedestinavit ad poenam, non praedestinavit ad culpam. In diesem Punkt verteidigte er seinen Lehrer Augustin.
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§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Beitragvon Jörg » 27.02.2017 16:33

In der Tat stößt die Lehre von der allgemeinen Gnade auf unüberwindliche Schwierigkeiten, welche die älteren Kirchenlehrer zur Genüge gegen Pelagianismus und Semipelagianismus dargetan haben. Die Stellen, welche die allgemeine Gnade lehren sollen, sind,(337) wie wir § 52 sahen, falsch erklärt. Die Rechtfertigung aus dem Glauben allein, um Christi willen, fordert einen avsebh,j, Röm 4,5. Ansprüche auf das Leben bei Gott und in der Herrlichkeit Gottes hatte einst Adam; diese gingen aber verloren, und seitdem hat kein Mensch mehr Ansprüche von Natur, sondern nur aus Gnade durch Christus. Nicht die tätliche Sünde bewirkt ja die ewige Verdammnis, sondern dieselbe ist von vornherein Strafe der ersten Sünde Adams und mit ihm seiner Nachkommen. Und sehr fein macht Paulus Röm 9,22, wo er auf die Auslegung des Bildes vom Töpfer kommt, geltend: daß die Gefäße des Zornes fertig seien zum Verderben, und nicht etwa eigens von Gott erst fertig gemacht würden. Der Zorn Gottes bleibt nur auf ihnen und braucht nicht erst über sie zu kommen: Joh 3,36; Eph 2,3. Dagegen von den Gefäßen, welche Gegenstand des göttlichen Erbarmens sind, heißt es, daß Gott sie zuvor zubereitet habe zur Herrlichkeit (V.23).(338) Damit sagt aber Paulus, daß Gott die Verworfenen in ihrem selbstverschuldeten Zustande, in welchem er sie findet, beläßt. Die Schuld des Zustandes fällt allein den Menschen zur Last dies habe der Mensch mit sich selbst auszumachenwährend dagegen alles Lob für die Herrichtung von Gefäßen des Erbarmens von Paulus in V.23 Gott beigemessen wird.
zu.337.Augustin in Ev. Joh, tract. 47.48.95; ferner besonders Prosper, Lib. de ingratis Kap 11-14; 17.34; vgl. Forbesius 1. c. VIIl, Kap 18.
zu.338. Vgl. 2.Tim 2,21: zu jedem guten Werk zubereitet

Wie aber verhält sich Gott bei dieser Verwerfung? Hält er den Menschen die Herzen zu, die sonst etwa seinem Wort sich willig öffnen würden? Gewiß nicht. Wir müssen vielmehr nach der Schrift so urteilen: Gott trägt in großer Langmut auch die Gefäße des Zornes, die übrigens reif sind zum Verderben: Röm 9,22, auf denen sein Zorn bereits lastet: Joh 3,36. Und so gab Gott denn gleich nach dem Fall das Evangelium (1.Mose 3,15) und schloß niemand aus. Das Evangelium ist da – man glaube ihm – und man wird sich errettet sehen. Aber wer glaubet dieser Predigt? Jes 53,1; Röm 10,16. – In der heiligen Geschichte lernen wir Folgendes über diesen Gang der Verwerfung. Wir sehen hier, daß die Verwerfung im Leben sich realisiert, und zwar immer an solchen, mit denen Gott lange Geduld gehabt. Das Evangelium ist verkündet, aber es findet keine Aufnahme. Das gute Gesetz Gottes ist Israel gegeben – es wird als ein fremdes geachtet nach Hos 8,12. Immerdar finden wir die gleiche Erscheinung, daß der Kreis der Kinder Gottes enger wird und wiederholt nur einen zu umschließen scheint (Röm 11,3). Und so ist auch das Verfahren, das Gott in der heiligen Geschichte einhält, konstant dasselbe : Seth wurde erwählt, dann Noah, Abraham, David, Serubabel, endlich Christus, welcher der Erwählte katV evxoch,n ist. Jes 42,1. Und zu diesen Einzelnen kommen dann andere hinzu – aber erst der Einzelne dann „die Vielen.“ Gott war es allein, der immer dazwischentreten und einen oder dann Etliche erwählen mußte, auf daß das Geschlecht, das den Glauben bewahrt, einen Fortbestand habe. Die Menschen also Israel zunächst – wollen inzwischen viel lieber ihre eigene Gerechtigkeit behaupten und selbst Gott gegenüber den Beweis antreten, daß sie gerecht seien. Röm 9,31. Darüber lassen sie jedoch außer acht die Gerechtigkeit Gottes: die via regia des Glaubens in Christum, V.32. Sie bleiben in den Werken hängen und stoßen sich an dem Stein, der als Grundstein daliegt, anstatt sich auf demselben aufzuerbauen. Der Verlauf der Geschichte Israels zeigt: daß sie bei all ihren Bemühungen nur immer weiter vom Ziel sich entfernten. Und gleichwie im A.T., so geht es auch weiter in der Kirche. Die Verwerfung realisiert sich also im Leben der Menschen, und gar nicht etwa durch besonderes göttliches Zutun; durch die Schuld Gottes geht kein Sterblicher verloren. Nicht etwa so verhält es sich, daß Herzen, die sonst willig sich der Gnade geöffnet hätten, bei der Verstockung zugeschlossen würden. So ist auch die Verstockung, von der 2.Mose 4,21; 7,3; 10,20; 14,4.8.17; Jes 6,9; Mt 13,15; Joh 12,39f.; 2.Kor 2,16 reden, kein Akt der Grausamkeit Gottes, sondern an allen genannten Stellen geschieht dieselbe also, daß Gott sich an den Gewissen der zu verstockenden aufs ernstlichste bezeugte – sei es durch Zeichen und Wunder, sei es durch das Wirken der guten Predigt des Wortes auf die Widerstrebenden.Was war noch an diesen Widerstrebenden zu tun, das Gott nicht getan hätte? (s. Jes 5,4.)
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§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Beitragvon Jörg » 07.03.2017 17:00

Gott sagt ihnen an, was geschehen wird, wenn sie nicht glauben; er deckt ihnen ihre Sünden auf; er läßt sie anlaufen, zu Schanden werden, und sein Geist ringt mit ihrem Geiste und schlägt ihnen die falschen Stützen aus der Hand; so z.B. bei Pharao die Stütze, die er in der Kunst seiner Zauberer fand; diese können mit Mose nicht Schritt halten. Der Menschengeist aber erweist sich lange mächtiger, als der Geist Gottes; er klammert sich an die selbsterwählten Behelfe und Stützen an, auch nachdem sie sich als hinfällig erwiesen. So klammerte sich Israel ans Gesetz an, seit dem Exil, nachdem es zuvor – in den Blütezeiten wenig Rücksicht auf das Gesetz genommen. Währenddem die Menschen also handeln, tut Gott ihnen Gutes und sucht durch seine Güte sie zur Buße zu führen, Röm 2,4; vgl. Agp 14,17; 17,27. Ja, er beruft sie, Mt 20,16; 22,14; sie werden der Gemeinde Christi zugezählt, wie es einst bei Israel schon 5.Mose 32,5.6.9.19.20 der Fall war; zuweilen haben sie auch einen gewissen Glauben, Apg 8,13,und tun Wunder, Mt 7,22; vgl. Hebr 6,4f.; Mt 13,20–22; Lk 8,13; Joh 12,42.43.(339) Und nur von diesen Verworfenen gilt auch, was die heilige Schrift vom Wiederabfall der Berufenen sensu lato sagt, z.B. Apg 8,21; Hebr 6,6; 10,26; 2.Petr 2,22. Ein eklatantes Beispiel für diese Menschenklasse ist Judas Ischariot. Ihn hatte Jesus zum Apostel erwählt, Lk 12,16; Mk 3,13; hatte ihm Macht gegeben über die bösen Geister; er tat Wunder und predigte das Evangelium vom Reiche Gottes. Mt 10.
zu.339. lrreführend aber wäre es z.B. mit V. Oettingen, De peccato in spiritum sanctum p. 49.146 hier die Sünde wider den heiligen Geist als das die ewige Verdammnis erst verdienende einzuflechten; wonach also der Verworfene sich diese Verdammnis erst durch hartnäckige Abweisung der Gnade zuzöge. Damit wird die Lehre von der Erbsünde alteriert. Es handelt sich ja hier nur darum, ob bei diesem oder jenem der hartnäckige Widerstand, in dem er von Natur liegt und seine Schuld (wie seine Verdammnis) nur täglich größer macht, durch Gottes Gnade gebrochen werden wird, oder aber nicht. Diese neueren Theologen haben immer ihre liebe Not, sich auch nur notdürftig auf den Grundlagen der lutherischen und reformierten Dogmatik zu erhalten (vgl. auch den Tadel Ritschls R. u. V. III, S. 349).
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§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Beitragvon Jörg » 14.03.2017 17:29

Auch hatte er manche geistliche Erfahrung in der Umgebung des Herrn gemacht; er war, gequält durch Gewissensbisse, zur Erkenntnis mancher köstlichen Wahrheit gekommen. Jedoch war dies alles ein bloßes Gewissenswerk, entstanden aus vorübergehenden Schrecken vor dem zukünftigen Gericht; es war aber nicht des heiligen Geistes Werk. Jesus, der Heilige Gottes, duldete ihn neben sich, er ertrug ihn;(340) ja, Judas muß dem Anscheine nach ein ausgezeichneter Apostel gewesen sein: denn beim letzten Passamahl noch glauben die Jünger, eher sich selber anklagen zu sollen, als daß sie an Judas dächten. Mt 26,22. Und so wird denn an Judas offenbar, daß kein Fleisch, stehe es auch dem Lichte äußerlich noch so nahe, vor der Verwerfung sicher ist. Dabei scheint zwischen der Bekehrung der Verworfenen und der Erwählten oft nur ein sehr geringer oder kein Unterschied obzuwalten. Das Werk des Gewissens, wo dasselbe gestachelt wird durch das Gesetz, ahmt oftmals des heiligen Geistes Werk täuschend nach, Mt 7,22; 25,44. Und doch ein gewaltiger Unterschied waltet ob zwischen Erwählten und Verworfenen. Der Erwählte verdammt sich und preist Gottes Gerechtigkeit; wogegen der Verworfene sich selbst behauptet und seinen Herrn und Gott verrät, wie Judas. Jener, der Erwählte, ist ein Sünder in sich selber – er ist der Letzte – dieser, der Verworfene, dünkt sich heilig er ist der Erste. Oft bleibt es dem Endgericht erst vorbehalten, ans Licht zu bringen, wer der Rechte war. – Was nun Judas tat, das war einerseits nach dem Ratschluß Gottes, Joh 13,18; 17,12; dennoch aber wehklagt Jesus über ihn, Mt 26,24, und zwar wegen seines schweren Verrates, womit er des Heilands Liebe von sich gestoßen. Nicht mit kaltem Blut, sozusagen, sondern mit tiefem Mitgefühl klagt Jesus über ihn. Ähnlich ist das Verhältnis zwischen David und Saul, sowie David und Joab. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Verwerfung im Leben sich vollzieht und hier weit verständlicher und erträglicher dazustehen kommt, als in der hageren Theorie, oder der toten Abstraktion des Systems. – Es bleibt nunmehr noch die Berichtigung des Verständnisses einiger Bibelstellen übrig, die man gegen die Erwählungs- und Verwerfungslehre anführen zu müssen gemeint hat. Es sind das Bibelstellen, welche die Universalität der Gnade zu enthalten scheinen.
zu.340,Vgl.Röm.9.22

Einen Teil derselben, nämlich 1.Tim 2,4; Joh 3,16 und ähnliche, haben wir ausführlicher schon § 52 erledigt. Wir sahen dort, daß der Ausdruck „Welt“ Joh 3,16 keinen Universalismus lehre, sondern alles dasjenige umspannen soll, was die frommen Juden für das Verächtlichste (Apg 10,11-15) hielten. Für „Welt“ gebraucht Paulus auch einmal „Juden und Griechen“ Röm 1,16. Juden und Griechen enthält eine Zusammenfassung der Völker der damals bekannten Welt; solche Zusammenfassung soll die Exklusivität der Juden bekämpfen, nicht aber einen krassen Universalismus lehren. In Röm 11,32 ist nach dem Urtext eine in Gottes Ratschluß feststehende Gesamtheit gemeint, tou,j pa,ntaj steht dort (ähnlich wie Phil 2,21); so viele ihrer nämlich dem guten Ölbaum in bleibender Weise einverleibt sind, s. V.17ff. – Gal 3,22 steht statt „alle“ die „Glaubenden“; dies beschänkt das Wörtlein „alle“ in Röm 11,32. Röm 5,18 bewiese das Wort „alle“ zu viel, falls man es ohne Einschränkung faßte; es findet seine Beschränkung an dem Ausdruck „die Vielen“ V.19. (341) In 1.Tim 2,4 und Tit 2,11 werden allerlei Klassen von Menschen (wider die falsche Ausschließlichkeit) durch „alle“ zusammengefaßt. Was nun Stellen betrifft wie z.B. Hes 33,11; 18,23.32, wo es heißt, daß Gott an dem Tode des Sünders oder des Sterbenden kein Wohlgefallen habe, so soll diese Stelle dem reuig zurückkehrenden Israeliten Mut machen; der letztere soll nicht zweifeln an seinem Gott; sie enthalten ein Stück Paränese nach rechter Auslegung. Das Gegenteil zu vermuten das also Gott ein Wohlgefallen an solchem Tode hätte wäre ja in der Tat Wahnwitz. Übrigens wird der Verworfenen Schuld um so größer dadurch, daß sie an einem solchen Gott begangen wird.
zu.341. Οἱ πολλοί bedeutet bei Demosthenes: das athenische Volk (s. Papes Griech. Wörterbuch s. v. πολύς)
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§ 76. Die Verwerfung (Reprobatio)

Beitragvon Jörg » 21.03.2017 17:33

Wenn es ferner heißt in 2.Petr 3,9: „Gott wolle nicht, daß etliche verloren gehen, sondern alle zur Buße gelangen,“ so empfängt dieses „alle“ seine Einschränkung durch das vorangehende Wort „uns“. Gott heißt es da ist langmütig in bezug auf uns, und will nicht, dass etliche nämlich von uns also Erwählte, wie Petrus z.B., verloren gehen, sondern, dass alle sich bekehren. Diese Bekehrung selber ist ja aber Gottes Werk; z.B. 2.Tim 2,25; Jer 31,18; Klgl 5,21. Eine Lehre endlich vom Wiederabfall der Heiligen, die manche auf Grund von Hebr 6,4-6 annehmen, gibt es nicht nach der richtigen Deutung dieser Stelle. Dieselbe geht auf die reprobi, die alles das von Gott empfangen, was er auch solchen gibt, die nicht sein sind. Der Apostel erklärt hier, dass ein Abfall von Christus jenes Verderben nach sich ziehe, welches ein Land, an dem alles geschehen, zuletzt erführe – es wird zur Wüste und verfällt dem Fluch. Zugleich ist aber der Apostel der Überzeugung, dass es mit den hebräischen Christen besser stehe, und sie mit dem Heil in engster Verbindung ständen V.9. Demgemäß müssen alle jene V.4-6 angegebenen Merkmale eine derartige Auslegung zulassen, wonach sie auch bei solchen vorkommen können, die im Grunde der Sache bei allem Glauben dennoch dem Heile abgewandt bleiben. Unsre älteren Theologen zählen ganz richtig alle jene V.4-6 genannten Merkmale als Bestandteile einer bloßen sanctitas foederalis auf, die man haben kann, ohne doch die sanctitas spiritualis et invisibilis zu besitzen.(342) Vgl. Calvin, Instit. III, Kap 23 ganz, Kap 24, § 12-16.
zu.342. Vgl. Calvin und Beza zu Hebr 6,4f. und Forbesius a Corse, Inst. Theol. X, 10,23 (vgl. VIII,22); das fwtisqe,ntej wurde auf die Taufe bezogen. Vgl. F. Gomari Opp. II, S. 281f. Ein Beispiel war Simon Magus.

Wo man nun dergestalt die Erwählungslehre und die Lehre von der Verwerfung als schriftmäßig anerkennen muss, braucht man sich nicht zu scheuen, beide Lehren auch gelegentlich der Gemeinde zu verkündigen. Beide Lehren sind eine starke Waffe wider den allerwärts sich breit machenden freien Willen. Aus apologetischen Gründen davon zu schweigen, hieße klüger sein wollen, als Gott. Bescheidenheit wäre hier nichts als Menschenfurcht und versteckter Unglaube. Felsenfest stehen beide Lehren in der heiligen Schrift. Sie dienen zur Bezeugung dessen, dass die Heilsordnung, unter welche die wahren Christen auf Erden gestellt sind, von der Hand eines Gottes ausgeht, der Vater ist über alle, die ihn anrufen, der aber auch gerecht sein muss, eben weil er Gott ist.

Eine Lösung der bei diesen Lehren sich erhebenden Schwierigkeiten zu geben, kann nicht in unserem Plane liegen, weil nicht in unserer Macht. Wir würden dabei auch nur zu leicht an der Klippe der Philosophie scheitern. Wir überlassen es lediglich der heiligen Schrift, die Grenzen zwischen dem göttlichen und menschlichen Willen zu ziehen – die Spekulation reißt uns sofort in den Strudel, der zum Abgrund führt. Das Letzte, was man allen Einwürfen entgegen zu halten hat, ist das Wort des Paulus: Wer bist du, o Mensch, daß du mit Gott rechtest? Röm 9,20 Und wenn wir dann sein Bild vom Töpfer und Ton Röm 9,21 recht auf uns anwenden, so werden wir die Hand auf den Mund legen und auf eine Lösung im Jenseits warten.
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