Luther-Predigten, Zitate und Sprüche

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

Moderatoren: Der Pilgrim, Leo_Sibbing

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 14.11.2012 06:06

Die sichtbaren Dinge verachtet man

Wie ist Gott ein so reicher Gott! Er gibt genug. Aber wir achten dessen nicht. Adam schenkte er die ganze Welt. Das genügte ihm nicht; um den einen Baum war es ihm zu tun, da mußte er fragen, warum Gott ihm den verboten hätte. So geht es auch heute. Gott hat uns in seinem offenbarten Wort genug zu lernen gegeben. Darum kümmern wir uns nicht und suchen nach seinem verborgenen Willen, und können ihn doch nicht erfahren. Deshalb geschieht es uns recht, wenn wir deshalb zugrunde gehen.

[WA 5224
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6688
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 02.12.2012 07:05

Martin Luther


Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten solle

(1522)

[WA 10, 1, 1, 8–18]


Es ist eine verbreitete Gewohnheit, daß man die Evangelien nach den Büchern zählet und nennet und sagt: Es gibt vier Evangelien. Daher ists gekommen, daß man nicht weiß, was Paulus und Petrus in ihren Briefen sagen und ihre Lehre gleichsam als Zusatz zur Lehre der Evangelien geachtet wird, wie auch eine Vorrede des Hieronymus sich hören lässet. Danach ist es eine noch ärgere Gewohnheit, daß man die Evangelien und Briefe gleichsam wie Gesetzbücher ansieht, darinnen man lehren soll, was wir tun sollen, und darin die Werke Christi uns nicht anders als ein Vorbild vor Augen gestellt werden. Wo nun diese zwei irrigen Meinungen im Herzen bleiben, da kann weder Evangelium noch Brief mit Nutzen und christlich gelesen werden, wir bleiben eitel Heiden wie vorher.

Darum soll man wissen, daß es nur ein Evangelium gibt, aber durch viele Apostel beschrieben. Ein jeglicher Brief des Paulus und Petrus, dazu die Apostelgeschichte des Lukas ist ein Evangelium, wenn sie auch nicht alle Werke und Worte Christi erzählen, sondern das eine sie kürzer und weniger als das andere enthält. Ist doch auch der großen vier Evangelien keines, das alle Worte und Werke Christi enthält. Das ist auch nicht notwendig. »Evangelium« ist und soll nichts anderes sein als eine Rede oder Erzählung von Christus. Gleichwie unter den Menschen (auch) geschieht, wenn man ein Buch von einem König oder Fürsten schreibt, was er getan und geredet und erlitten hat zu seiner Zeit: das kann man auf mancherlei Weise beschreiben, der eine in der Länge, der andere in der Kürze. So soll das Evangelium sein und es ist nichts anderes als eine Chronik, Geschichte, Erzählung von Christus, wer der sei, was er getan, geredet und erlitten habe, was der eine kurz, der andere lang, der eine so, der andere so beschrieben hat. Denn aufs kürzeste umschrieben ist das Evangelium eine Rede von Christus, daß er Gottes Sohn und Mensch für uns geworden, gestorben und auferstanden, ein Herr über alle Dinge gesetzt sei. So viel nimmt Paulus in seinen Briefen vor sich und führt das aus, läßt alle die Wunder und das Leben Christi, die in den vier Evangelien beschrieben sind, hintanstehen und umfaßt damit doch genügend und reichlich das ganze volle Evangelium, wie das im Gruß an die Römer (Röm. 1, 1-4) klar und fein zu sehen ist, da er sagt, was das Evangelium sei, und spricht: »Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift, von seinem Sohn, der ihm geboren ist aus dem Samen Davids nach dem Fleisch und verklärt ist als ein Sohn Gottes in der Kraft nach dem Geist der Heiligung aus der Auferstehung von den Toten, der da ist Jesus Christus, unser Herr« usw.

Da siehst du, daß das Evangelium eine Erzählung von Christus ist, Gottes und Davids Sohn, gestorben und auferstanden und zum Herren gesetzt, was die ganze Summe des Evangeliums ist. Wie nun nicht mehr als ein Christus ist, so ist und kann nicht mehr als ein Evangelium sein. Weil auch Paulus und Petrus nichts anderes als Christus auf vorgesagte Weise lehren, so können ihre Briefe nichts anderes als das Evangelium sein. Ja, auch die Propheten, dieweil sie das Evangelium verkündigt und von Christus geredet haben, wie Paulus hier (Röm. 1, 2) vermeldet und jedermann wohl weiß, so ist ihre Lehre da, wo sie von Christus reden, nichts anderes als das wahre, lautere, rechte Evangelium, als hätten es Lukas oder Matthäus beschrieben. Wenn z.B. Jes. 53, 2 ff. sagt, wie er für uns sterben und unsere Sünde tragen sollte, hat er das lautere Evangelium geschrieben. Und ich sage fürwahr: wenn jemand nicht diese Meinung vom Evangelium fasset, der wird nimmer in der Schrift erleuchtet werden noch den rechten Grund erfassen können.

Zum andern (ist zu beachten): daß du nicht aus Christus einen Mose machest, als tue er nicht mehr, als daß er Lehre und Beispiel gebe, wie die andern Heiligen tun, so als sei das Evangelium ein Lehr- oder Gesetzbuch. Darum sollst du Christi Wort, Werk und Leiden auf zweierlei Weise auffassen: einmal als ein Vorbild, dir vor Augen gestellt, dem du folgen und auch so tun sollst, wie 1. Petr. 2, 21 sagt: »Christus hat für uns gelitten und uns ein Vorbild gelassen«. So wie du siehest, daß er betet, fastet, den Leuten hilft und Liebe erzeiget, so sollst du auch dir und deinem Nächsten tun. Aber das ist das Geringste am Evangelium, wodurch es auch noch nicht »Evangelium« heißen kann. Denn damit ist dir Christus nicht mehr nütze als ein anderer Heiliger. Sein Leben bleibt bei ihm und hilft dir noch nichts, und in Kürze: die Weise macht keinen Christen, es macht nur Heuchler. Es muß noch sehr viel weiter mit dir kommen, obwohl das jetzt lange Zeit hindurch die allerbeste Weise zu predigen gewesen ist (wenn sie auch selten genug war).

Das Hauptstück und der Grund des Evangeliums ist, daß du Christus zuvor, ehe du ihn dir zum Vorbild fassest, aufnehmest und erkennest als eine Gabe und Geschenk, das dir von Gott gegeben und dein eigen sei. So daß du, wenn du ihm zusiehest oder - hörest, daß er etwas tut oder leidet, nicht zweifelst, er selbst, Christus, sei mit solchem Tun und Leiden dein, worauf du dich nicht weniger verlassen kannst, als hättest du es getan, ja als wärest du derselbe Christus. Siehe, das heißt das Evangelium recht erkannt, das ist die überschwengliche Güte Gottes, die kein Prophet, kein Apostel, kein Engel je hat voll beschreiben, kein Herz je genugsam bewundern und begreifen können. Das ist das große Feuer der Liebe Gottes zu uns, davon wird das Herz und Gewissen froh, sicher und zufrieden, das heißt den christlichen Glauben predigen. Davon heißt solche Predigt »Evangelium«, das besagt auf Deutsch so viel wie eine »fröhliche, gute, tröstliche Botschaft«, von welcher Botschaft die Apostel die zwölf Boten genannt werden.

Davon sagt Jes. 9, 6: »Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben«. Ist er uns gegeben, so muß er unser sein, so müssen wir uns auch seiner als des Unseren annehmen. Und Röm. 8, 32: »Wie sollte er uns nicht alle Dinge mit seinem Sohn schenken?« Siehe, wenn du Christus so auffassest, als eine Gabe, dir zu eigen gegeben, und nicht daran zweifelst, so bist du ein Christ. Der Glaube erlöset dich von Sünden, Tod und Hölle, macht, daß du alle Dinge überwindest. Ach, da kann niemand genug von reden, da ist die Klage, daß solche Predigt in der Welt verschwiegen wird, obwohl das Evangelium doch alle Tage gerühmet ist.

Wenn du nun Christus so zum Grund und Hauptgut deiner Seligkeit hast, dann folget das andere Stück, daß du ihn auch dir zum Vorbild fassest, und dich auch so deinem Nächsten zu dienen ergebest, wie du siehest, daß er sich dir ergeben hat. Siehe, da gehet dann Glaube und Liebe im Schwang, ist Gottes Gebot erfüllet, der Mensch fröhlich und unerschrocken, alle Dinge zu tun und zu leiden. Darum siehe eben darauf: Christus als eine Gabe nähret deinen Glauben und macht dich zum Christen. Aber Christus als ein Vorbild übet deine Werke. Die machen dich nicht zum Christen, sondern sie gehen von dir aus, der du schon vorher zum Christen gemacht bist. Wie sehr nun Gabe und Vorbild sich voneinander unterscheiden, so sehr unterscheiden sich auch Glaube und Werke. Der Glaube hat nichts eigenes, sondern nur Christi Werk und Leben. Die Werke haben etwas Eigenes von dir, sollen aber auch nicht dein eigen, sondern des Nächsten sein.

Darum siehst du: »Evangelium« ist nicht eigentlich ein Buch der Gesetze und Gebote, das von uns unser Tun fordere, sondern ein Buch der göttlichen Verheißungen, darin er uns alle seine Güter und Wohltat in Christus verheißet, anbietet und gibt. Daß aber Christus und die Apostel uns viel guter Lehre geben und das Gesetz auslegen, ist unter die Wohltat zu rechnen, wie ein anderes Werk Christi (auch), denn recht Lehren ist nicht die geringste Wohltat. Darum sehen wir auch, daß er nicht greulich dringt und antreibt, wie Mose in seinem Buch tut und wie des Gebots Art ist, sondern lieblich und freundlich lehret, nur sagt, was zu tun und zu lassen sei, was den Übeltätern und Wohltätern begegnen wird. Er treibt und zwingt niemand, ja, er lehret auch so sanft, daß er mehr aufmuntert als gebietet, er fängt an und sagt: »Selig sind die Armen«, »selig sind die Sanftmütigen« (Luk. 6, 20; Matth. 5, 5) usw. Und die Apostel gebrauchen auch allgemein die Worte: Ich vermahne, ich bitte, ich flehe usw. Aber Mose, der spricht: Ich gebiete, ich verbiete, drohet und schrecket daneben mit greulichem Strafen und Bußen. Nach dieser Unterrichtung kannst du die Evangelien mit Nutzen lesen und hören.

[Martin Luther: Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten solle (1522). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3369-3376
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 05.12.2012 04:59

Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten solle

(1522)

[WA 10, 1, 1, 8–18]

Wenn du nun das Evangelienbuch auftust, liesest oder hörest, wie Christus hier und dahin kommt oder jemand zu ihm gebracht wird, sollst du darin die Predigt oder das Evangelium vernehmen, durch welches er zu dir kommt oder du zu ihm gebracht wirst. Denn das Evangelium predigen ist nichts anderes, als daß Christus zu uns kommt, oder wir zu ihm gebracht werden. Wenn du aber siehest, wie er wirkt und jedermann hilft, zu dem er kommt und die zu ihm gebracht werden, sollst du wissen, daß solches der Glaube in dir wirke, und er deiner Seele ebendieselbe Hilfe und Güte durchs Evangelium anbietet. Hältst du hier stille und läßt dir Gutes tun (d.h., wenn du es glaubest, daß er dir wohltue und helfe), so hast du es gewiß, so ist Christus dein und dir zur Gabe geschenkt. Danach ists not, daß du dir ein Vorbild daraus machest und deinem Nächsten auch so helfest und tust, damit du auch ihm zur Gabe und zum Vorbild gegeben seiest. Davon sagt Jes. 40, 1, 2; »Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, daß ihre Dienstbarkeit ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden« usw. Diese zwiefachen Güter sind die zwei Stücke in Christus: Gabe und Vorbild, welche auch durch das doppelte Stück des Erbteils, welches das Gesetz dem ersten Sohn Mose zueignet (vgl. 5. Mose 21, 17), und durch viele andere Bildreden angedeutet sind.

Trotzdem ist es Sünde und Schande, daß es mit uns Christen dahin gekommen ist, und daß wir so unfleißig im Evangelium gewesen sind, daß wirs nicht allein nicht verstehen, sondern auch überhaupt erst bedürfen, daß man uns mit anderen Büchern und Auslegungen zeige, was drinnen zu suchen und zu erwarten sei, sintemal die Evangelien und Briefe der Apostel darum geschrieben sind, daß sie selbst solche Wegweiser sein und uns in die Schrift des Alten Testaments, der Propheten und des Mose weisen wollen, daß wir allda selbst lesen und sehen sollen, wie Christus in die Windeltücher und in die Krippe gelegt sei, das ist: wie er in der Schrift der Propheten enthalten sei. Da soll unser Studieren und Lesen sich üben und sehen, was Christus sei, wozu er gegeben sei, wie er versprochen sei, und wie sich alle Schrift auf ihn beziehe, wie er selbst Joh. 5, 46 sagt: »Wenn ihr Mose glaubet, so glaubet ihr auch mir, denn von mir hat er geschrieben«, ebenso Joh. 5, 39: »Suchet in der Schrift, denn sie ists, die von mir Zeugnis gibt«. Das meint Paulus im ersten Kapitel des Römerbriefs, wo er gleich zu Anfang im Gruß sagt (Vers 2), das Evangelium sei von Gott durch die Propheten in der heiligen Schrift verheißen. Daher geschiehts, daß die Evangelisten und Apostel uns immerdar in die Schrift (hinein) verweisen und sprechen: »so stehts geschrieben«, ebenso: »das ist geschehen, daß die Schriften der Propheten erfüllet würden« usw. Und Apg. 17, 11, da die Thessalonicher das Evangelium mit allem Verlangen hörten, sagt Lukas, daß sie Tag und Nacht in der Schrift studiert und geforscht hätten, obs so wahr wäre. Mitten in der Einleitung seines Briefes (1. Petr. 1, 10-12) sagt Petrus ebenso: »Nach dieser eurer Seligkeit haben die Propheten geforscht, die von dieser Gnade in euch geweissaget und gesucht haben, auf welche und welcherlei Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war, und durch sie die Leiden, die in Christus sind, zuvor bezeuget hat, und die Herrlichkeit danach, welchen es offenbaret ist. Denn nicht ihnen selbst, sondern uns haben sie solche Dinge dargetan, welche jetzt unter euch durch den heiligen Geist gepredigt sind, der vom Himmel gesandt ist; welche Dinge auch die Engel zu schauen begehren«.

Was will Petrus hiermit, als uns in die Schrift (hinein) führen? Als wollte er sagen: Wir predigen und öffnen euch die Schrift durch den heiligen Geist, daß ihr selbst lesen und sehen könnt, was drinnen ist, und von welcher Zeit die Propheten geschrieben haben, wie er auch Apg. 3, 24 sagt: »Von diesen Tagen haben alle Propheten geredet, von Samuel an, die da jemals geweissagt haben«. Darum sagt auch Lukas 24, 45, daß Christus den Aposteln das Verständnis aufgetan habe, daß sie die Schrift verstanden. Und Christus sagt Joh. 10, 2 ff.: Er sei die Tür, durch ihn müsse man hineingehen, und wer durch ihn hineingeht, dem tut der Türhüter (der heilige Geist) auf, daß er Weide und Seligkeit findet. So daß (schließlich und) endlich wahr ist, daß das Evangelium selbst Wegweiser und Erklärer in der Schrift ist; gleichwie ich mit dieser Vorrede gern das Evangelium zeigen und Unterricht (darin) geben wollte.

Aber siehe zu, wie feine, zarte, fromme Kinder wir sind! Auf daß wir nicht in der Schrift zu studieren und Christus allda zu lernen brauchten, halten wir das ganze Alte Testament für nichts, als das nun zu Ende sei und nichts mehr gelte; obwohl es doch allein den Namen hat, daß es »heilige Schrift« heißt, und Evangelium eigentlich nicht »Schrift«, sondern »mündlich Wort« sein sollte, das die Schrift vortrüge, wie Christus und die Apostel getan haben. Darum hat auch Christus selbst nichts geschrieben, sondern nur geredet, und seine Lehre nicht »Schrift«, sondern »Evangelium«, das ist: eine »gute Botschaft« oder »Verkündigung« genannt, das nicht mit der Feder, sondern mit dem Munde betrieben werden sollte. So sind wir schnell bereit und machen aus dem Evangelium ein Gesetzbuch, eine Gebotslehre, aus Christus einen Mose, aus dem Helfer nur einen Lehrer. Was sollte nicht Gott über solch dummes, verkehrtes Volk verhängen? Es ist billig, daß er uns in des Papstes Lehre und Menschenlügen hat kommen lassen, weil wir seine Schrift fahren ließen, und anstatt heiliger Schrift eines lügenhaftigen Narren und bösen Betrügers Dekretalen lernen mußten. O wollte Gott, daß bei den Christen doch das lautere Evangelium bekannt wäre, und diese meine Arbeit nur möglichst bald nutzlos und überflüssig würde, so wäre gewiß Hoffnung, daß auch die heilige Schrift in ihrer Würdigkeit wieder hervorkäme. Das sei zur Vorrede und zum Unterricht aufs kürzeste genug gesagt, in der Auslegung wollen wir mehr davon reden. Amen.

[Martin Luther: Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten solle (1522). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3376-3380



Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 23.12.2012 06:30

Eine Adventspredigt von Martin Luther

Und dies ist das Zeugnis des Johannes, da die Juden zu ihm sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: lch bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Er sprach: Ich bins nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Da sprachen sie zu ihm: Was bist du denn? daß wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des Herrn!« wie der Prophet Jesaja gesagt hat.
Und es kamen, die gesandt waren von den Pharisäern. Die fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet? Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennet. Der ists, der nach mir kommen wird, des ich nicht wert bin, daß ich seine Schuhriemen auflöse. Dies geschah zu Bethanien jenseits des Jordan, wo Johannes taufte. (Johannes 1, 19-28)


Dies ist der rechten hohen Evangelien eins, von dem höchsten Artikel unsers Glaubens. Darin wird nicht gelehrt von den Zehn Geboten, was wir tun sollen, oder von guten Werken, wie in etlichen andern Evangelien geschieht; sondern von Christus, wer er sei und was er getan habe. Das vornehmste und nötigste Stück in diesem Evangelium ist, daß der Evangelist sagt: Johannes der Täufer sei ein Zeuge gewesen und habe von Christus Zeugnis gegeben. Auf das Wort »Zeugnis« kommt es ganz an. Bei uns Deutschen ist das Wort »Zeugnis« nicht eindeutig, aber »Zeugnis« heißt hier eine Predigt oder Rede von Christus. So will nun der Evangelist lehren, daß es alles um das Stück zu tun ist, daß man die Predigt Johannes des Täufers höre, daß sein Zeugnis vorhanden sei und seine Predigt von Christus in der Kirche bleibe.

Die Juden senden zu ihm Männer aus dem Hohen Rat, Priester und Leviten von Jerusalem und lassen ihn fragen, ob er Christus, Elias oder ein Prophet sei. Aber Johannes bleibt beständig dabei und sagt, er sei deren keiner. Da sagen sie zu ihm: »Was bist du denn? Was sagst du von dir selbst?« Er antwortet: »Ich bin eine rufende Stimme in der Wüste«, ich bin eine Stimme, die da ruft und schreit: »Richtet den Weg des Herrn«, das bin ich. Da habt ihr, was ich bin, ich bin ein Zeuge und ein Prediger von dem Mann, der da Christus heißt, ich bin nicht der Mann selbst, ich will nicht Christus, noch Elias, noch ein Prophet sein; ich lasse mir an der Ehre genügen, daß ich eine Stimme und Prediger von dem Mann bin. Der Mann ist nicht weit, den ihr sucht, der da Christus und der in 5. Mose 18, 18 verkündigte Prophet und der rechte Mann ist. Wollt ihr aber wissen, wer er sei, so höret mich: Ich gehe vor ihm her und bereite ihm den Weg, er folgt mir auf dem Fuße nach. Hört ihr meine Predigt, so werdet ihr ihn treffen; hört ihr meine Predigt nicht, so werdet ihr ihn verfehlen.

Hier siehst du ein fein, schön, herrlich Exempel, mit dem Johannes alle die zurückstößt, welche die christliche Kirche haben regieren wollen, wie da der Papst und andere getan haben, welche selbst Christus sein wollen. Johannes der Täufer ist höher und heiliger als alle Päpste, dennoch spricht er zu den Juden: Ich weiß euch nicht zu helfen noch zu raten, auch mir selbst nicht; sondern ich weiß und kenne einen, der mir und euch helfen kann. Ich bin nicht wert, daß ich ihm den geringsten Dienst tue. Lasset uns alle zu dem Mann gehen. Ich taufe und predige von dem Mann: das ist der Mann, er ist mitten unter euch; hänget euch an ihn, ich wills auch tun. So weiset Johannes der Täufer die ganze Welt von sich zu dem Mann, welcher ist und heißt Christus, und sagt: Es steht in dem Propheten Jesaja (40, 3) geschrieben, daß einer in der Wüste schreien soll: »Richtet den Weg des Herrn«. Das bin ich. Ich bin der vornehmsten Prediger einer; aber ich soll nicht der Herr, sondern die Stimme vor dem Herrn sein. Ich bin der Prediger, der das predigt: Weichet, der Herr kommt, macht des Herrn Steige richtig, tut Steine, Holz und alle Hindernisse aus dem Wege, macht Platz, hier kommt der Herr. Solcher Prediger bin ich, ich bin nicht der Herr selbst, sondern ich lehre, daß der Herr kommt.

So rufen und schreien wir auch in unserer Wüste, dürfen auch nicht aurhören zu rufen, sondern müssen stets und ohne Unterlaß die Menschen zu Christus weisen. Denn dies Zeugnis von Christus will der Teufel nicht leiden, legt sich mit aller Macht dagegen und hört nicht auf, bis daß ers zu Boden stoße und dämpfe. Dazu sind wir Menschen noch schwach und verkehrt und können an allen Heiligen eher festhalten als an Christus. Im Papsttum hat man von dem Dienst der Heiligen gepredigt, daß man sich auf ihr Verdienst verlassen sollte. Und ich selbst habe auch so geglaubt und gepredigt. So ganz ist der Mensch von Natur geneigt, von diesem Zeugnis Johannes des Täufers abzufallen.

Darum ists vonnöten, daß man immerdar anhalte und dies Zeugnis des Johannes von Christus einpräge. Denn es kostet Mühe und Arbeit, bei dem Wort und Zeugnis zu bleiben, daß man im Tode sagen könne: Ich soll und muß sterben. Aber ich habe einen Heiland, von welchem Johannes der Täufer zeuget, auf den verlasse ich mich und sonst auf keine Kreatur, weder im Himmel noch auf Erden. Daß man aber auf den Mann, zu welchem allein Johannes der Täufer weiset, so fröhlich sterben könnte, wie auf menschliche Satzungen, da wird nichts draus. Ebenso, daß man so stark auf die heilige Taufe bauen könnte wie auf eigene Werke, das ist hoffnungslos. Das kommt daher, das sage ich, daß wir Menschen alles andere leichter glauben und unser Vertrauen und Herz drauf setzen können. Allein dem Mann Christus, welcher allein alles ist und in welchem und durch welchen wir alles haben, können wir nicht vertrauen. Geld und Gut ist ein vergänglich Ding, dennoch kann man sich darauf verlassen, daß man um Geldes und Gutes willen mordet, stiehlt und raubt und Leib und Leben waget. Man wird fröhlich, wenn mans hat und traurig, wenn mans nicht hat. Aber auf Johannes des Täufers Zeugnis und Predigt kann man nichts tun noch wagen. Ist das nicht eine böse, verkehrte Art?

Darum klagt der Evangelist Johannes in seinem Evangelium, daß Johannes des Täufers Zeugnis von Christus gepredigt und gelehrt werde, aber die Welt nehme es nicht an. Ja auch die, welche es hören und billig Freude, Hoffnung und Trost davon haben sollten, gaffen auf etwas anderes und lassen dies Zeugnis fahren. So gehts in der Welt. Hat jemand einen Hut voll Taler, machen ihn die so stolz, daß er nicht weiß, ob er auf dem Kopf oder auf den Füßen gehen soll. Sagt man ihm aber von Christus, so spricht er: Was ist das? Ei, so schlage auch Tod, Donner und Blitz in die Welt, daß man angesichts dieses Zeugnisses Johannes des Täufers so schlafen will! Bauern, Bürger, Adel, Herren, Knechte werdens allesamt überdrüssig zu hören und zu lernen. Sie sagen: Was, Zeugnis! Was, Evangelium! Was, Christus! Hätten wir Joachimstaler und schöne Weiber!

Das sieht man hier an den hochgelehrten Leuten auch: Sie gucken auf Johannes den Täufer, ob er Christus, Elias oder ein Prophet sei; denn sie hätten gerne Christus, Elias, Propheten, wie sie wollen. Ja, da hat unser Herrgott Lust zu! Das Gegenteil hat er, meine ich. Es heißt: Lieber Mensch, du sollst Christus so annehmen, wie ihn Gott sendet, nicht wie du ihn haben willst. Ich wollte mir wohl auch gern einen Christus machen, wie michs gut dünket, drei Tage fasten oder etwas anderes tun und danach sagen: Das gefällt Gott wohl, dadurch will ich selig werden. Aber Christus will das nicht. So warten die Juden auf Christus, er solle als ein weltlicher König mit viel Rossen, Wagen und Reitern kommen, und warten auf Elias, er solle mit einem feurigen Wagen kommen, und die Propheten sollen mit viel und großen Wunderzeichen kommen. Nein, nicht so. Gott sendet Johannes mit dem Zeugnis und mit der Lehre und sagt: Werdet ihr Johannes mit seinem Zeugnis haben, so werdet ihr Christus vor der Tür haben; darum nehmet Johannes mit seinem Zeugnis an. Aber die Juden habens nicht tun wollen, ja, sie haben des Johannes mit seiner Taufe gespottet, darum haben sie auch Christus selbst verspottet.

So gehts dem Zeugnis des Johannes noch heutigen Tages: sein Wort und seine Predigt wird verachtet. Wir predigen: der Herr ist da, nehmt ihn an, aber da wird nichts draus, ja, Christus und sein Evangelium wird weggeworfen. Darum schickt unser Herrgott den Verächtern seines Evangeliums auch so viele Rotten, daß sie Christus verlieren. So wirds in der Welt gehen: wenn unsere Bürger, Bauern, Adel nun genug Taler haben, wird ihnen das widerfahren, daß Prediger kommen werden, die ihnen Christus werden verleugnen helfen. Johannes der Täufer schüttelt die Juden von sich und sagt: Ich bin nicht Christus, ich bin nicht Elias noch ein Prophet. Aber diese Verächter, die Johannes mit seinem Zeugnis nicht annehmen wollen noch unserer Predigt glauben, werden andere Prediger bekommen, die werden sagen: Ich bins. So gehts und kanns nicht anders gehen, wenn das Wort weg ist. Wir predigen jetzt, aber ihr hört nicht; wenns hernach hinweg ist, so ists dahin.

Deshalb kommts darauf an, daß man am Beispiel Johannes des Täufers lerne, dies Zeugnis von Christus zu behalten. Denn sobald dies Zeugnis und diese Lehre hinweg ist, so hebt man von Stund an von Menschenwerken und falscher Heiligkeit zu predigen, so daß man den Menschen mit äußerlichem Gepränge eine Nase macht. Alsdann hört aller rechte Trost auf und wird der rechte Weg zur Seligkeit verfehlt. Denn wenn Johannes mit seinem Zeugnis schweigt, so ist der Himmel zu und müssen die Menschen zur Hölle fahren. Denn es ist kein anderer Weg zum Himmel und zur Seligkeit als dies Zeugnis des Johannes von Christus.

So behandelt dies Evangelium den hohen Artikel von Christus, daß wir ihn annehmen sollen, ihn küssen und herzen, uns an ihn hängen, uns von ihm nicht reißen noch ihn uns nehmen lassen. Das ist das Hauptstück christlicher Lehre, und darauf steht der Grund unserer Seligkeit. Wenn man das Hauptstück hat, so folgen alsdann die guten Werke, daß man fromm, den Eltern gehorsam, der Obrigkeit untertan sein und ein jeder in seinem Stande dem Nächsten dienen soll. Wenn mans so unterscheidet und eine jede Lehre an ihrem Ort gelten läßt, so ists recht. Die Zehn Gebote lehren, was in diesem Leben gut ist; aber um von jenem Leben zu reden, soll allein das Zeugnis des Johannes gelten. Da heißts: Ich bin nicht wert, daß ich seine Schuhriemen auflöse; weiter: Dieser ists, der mit dem Heiligen Geist und mit Feuer tauft (Matth. 3, 11). Das ist: Christus, der mitten unter euch getreten ist, wird mit dem Heiligen Geist eure Herzen erleuchten und anzünden, für euch sterben und euch das ewige Leben geben. Zu diesem Leben gehören die Zehn Gebote, aber zu dem ewigen Leben gehört das Evangelium und dies Zeugnis des Johannes von Christus.

Das ists, daß Johannes so fest gestanden und bekannt und nicht geleugnet hat. Gott gebe, daß wir auch so feste stehen und solch Zeugnis nicht ändern, weder im Predigen noch im Hören. Es ist auch sehr nötig. Denn von Natur sind wir dazu geneigt, daß wir leicht anderen Dingen zufallen. Alles, was in der Welt ist, das ist eitel Anfechtung und Hindernis wider dies Zeugnis des Johannes. Geld, Gut, Weib, Kind, falsche Heiligkeit sind eitel Hindernisse, die uns aufhalten oder auch gar von diesem Zeugnis wegführen. Darum vermahne ich euch auch, daß ihr zusehet und euch die Lehre nicht nehmen lasset. Eßt und trinkt, wie ihr wollt; laßt euch allein nur diese Lehre nicht nehmen. Gott wolle uns dabei gnädig erhalten, Amen.

[Martin Luther: Vierter Sonntag im Advent. Joh. 1, 19-28. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 5081-5089
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 25.12.2012 06:05

Eine Weichnachtspredigt von Martin Luther

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig- Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß ers stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Jesaja 9, 1-6)


Das ist ein recht güldenes Kapitel, darin der Prophet Christus mit trefflichen, herrlichen Worten abmalt, was er für eine Person und Herr sei, nämlich daß er mich und dich und alle, die an ihn glauben, trägt mit allen unsern Sünden, Jammer und Herzeleid. Und das hat er nicht allein zu der Zeit getan, da er zu uns auf Erden gekommen ist und unsere Sünde auf sich geladen und am Kreuz getragen hat, wie 1. Petr. 2, 24 sagt: »Er hat unsere Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz«. Er trägt uns auch noch täglich durch sein Wort und Evangelium. Damit ist das geistliche und leibliche Reich trefflich unterschieden. Das weltliche Regiment soll ein solch Regiment heißen und sein, da wir den Herrn und König tragen. Denn der Welt ist not, daß sie gedrückt und gezwungen werde. Aber das geistliche Regiment und Reich Christi soll heißen und ist auch ein solch Regiment, da der Herr und König uns trägt. Denn wie es dem rohen, wilden Haufen in der Welt notwendig ist, daß sie den Herrn auf dem Halse haben, den sie fürchten und tragen müssen, so ist es den betrübten Herzen und verzagten Gewissen umgekehrt notwendig, daß sie getragen und von ihrer Bürde und Last befreit werden. Das ist ein großer Unterschied zwischen den zwei Königreichen. Im weltlichen Regiment müssen so viel tausend Menschen ein Haupt, einen weltlichen König und Herrn tragen. Aber im geistlichen Regiment trägt ein Haupt und König, nämlich Christus, unzählige Menschen. Ja, er trägt der ganzen Welt Sünde, wie der Prophet Jesaja Kap. 53, 6 sagt: »Der Herr warf unser aller Sünde auf ihn«, und Johannes der Täufer Joh. 1, 29: »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt«. Und heute läßt er von sich predigen, daß er ein König der Gnade und Barmherzigkeit sei. Das ist ein Stück in der Weissagung unseres Textes.

Es folgen nun die sechs Namen, die der Prophet diesem König gibt, mit welchen Namen er weiter abmalt, wie sein Reich gestaltet sei. Bisher hat er den König so gemalt, daß er ein solcher Herr und König sei, der sein Königreich auf seiner Schulter trage. Aber mit den sechs Namen lehrt er uns, welches die Gestalt und Farbe der heiligen christlichen Kirche sei. Willst du die christliche Kirche recht abmalen, so male sie so, daß sie Christus auf seiner Schulter liege und Christus sie tragen müsse. Wie aber Christus seine Kirche trägt und wie die Kirche von ihm getragen wird, das geht so zu, daß als erstes sein Name und Werk sei: »Wunder-Rat«.

Und er heißt »Wunder-Rat«. Christus heißt »Wunder-Rat« von dem Werk, das er an seiner heiligen christlichen Kirche übt, welche er so regiert, daß mans mit keiner Vernunft begreifen noch merken kann, daß sie die christliche Kirche sei. Er bindet sie an keine Stätte, Zeit noch Person, er läßt sie nicht an irgendeinem äußerlichen Ding, Kleidung oder Gebärde erkannt werden, daß man daran merken und eigentlich wissen könnte, wo sie sei und wie groß oder klein sie sei. Willst du sie antreffen und finden, so liegt sie nirgends anderswo als auf Christi Schulter. Willst du sie fassen, so mußt du deine Augen und alle Sinne zutun und allein hören, wie sie der Prophet hier benennt und abmalt.

Seine Kirche ist ein verworfen Volk vor der Welt, vor dem Teufel und auch vor uns selbst. Und das wäre noch erträglich und leidlich, daß solcher Schein allein vor der Welt und dem Teufel wäre. Aber daß es auch vor unseren Augen oft so scheint, das ist schwer zu überwinden. Denn die Kunst kann der Teufel, daß er oft einem Christen die Augen so ganz von der Taufe abwendet, vom Sakrament, von Christi Wort, daß er sich selbst mit den Gedanken plagt, als sei er von Gott verstoßen, wie David über solch inwendig Zagen und Schrecken Psalm 31, 23 klagt: »Ich sprach in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen«.

Das ist unsere Hoffarbe, daß die christliche Kirche vor ihren Augen und ich vor mir selbst so sein soll, daß es nicht scheine, daß sie die Kirche ist und daß ich ein Christ bin. Ich soll wissen und glauben, daß dies die heilige christliche Kirche ist und daß ich ein Christ bin, und soll doch sehen, daß beide, Kirche und ich, zugedeckt sind mit der dicken Decke, daß wir von aller Welt ketzerisch und teuflisch gescholten werden; ja, ich soll hören, daß mein eigen Herz zu mir sagt: Du bist ein Sünder. Diese dicken Decken, Sünde, Tod, Teufel und Welt, decken die Kirche und Christen so zu, daß man nichts sehen kann, weder von Kirche noch von Christen, man sieht eitel Sünde und Tod und hört eitel Lästerung des Teufels und der Welt. Da steht die ganze Welt und alles, was weise und klug ist in der Welt gegen mich, ja, meine eigene Vernunft sagt mir ab, und ich soll dennoch fest darauf bestehen und sagen: ich bin ein Christ, ich bin gerecht und heilig.

Was soll ich nun hierzu sagen? Anderes nicht als das, was hier steht: Mein Herr Jesus Christus, der mir geboren und gegeben ist, heißt »Wunder-Rat«, der regiert seine Kirche und Christen verwunderlich, so daß sie gerecht, heilig, weise, rein, stark, lebendig und Gottes Kinder sind, obwohl doch das Gegenteil der Fall zu sein scheint, nicht allein vor aller Welt, sondern auch vor uns selbst. Woran soll man sich aber halten, auf daß man solchen Schein überwinden könne? An das Wort. Denn gleichwie es Christus in seiner Person seltsam und verwunderlich macht: da er zum Vater ins ewige Leben gehen will, geht er in den Tod; da er Sünde, Tod und Teufel fangen will, läßt er diese über sich herfahren, läßt er sich anklagen, lästern, verdammen, würgen und töten usw. So müssen wir auch die Augen unsers Herzens auftun, daß wir uns nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach dem Wort einschätzen.

Deshalb soll ich so sagen: Ich halte die Christen und mich selbst für heilig, nicht um meiner eigenen Gerechtigkeit willen, sondern um der heiligen Taufe, um des heiligen Sakraments, um des Worts und um des Herrn Christi willen, an den ich glaube. Wenn ich mich ohne die Taufe, ohne das Sakrament und Wort ansehe, so finde ich eitel Sünde und Ungerechtigkeit, ja, den Teufel selbst, der plagt mich ohne Unterlaß. Ebenso ist es auch, wenn ich euch außerhalb der Taufe, außerhalb des Sakraments und Worts ansehe. Dann sehe ich keine Heiligkeit an euch. Wenn ihr schon hier in der Kirche seid, Gottes Wort hört und betet, seid ihr dennoch nicht heilig, außerhalb des Worts und Sakraments gerechnet. Darum tuts der äußere Schein nicht, aber das tuts, daß ich sage: dieser Mensch ist getauft, hört gern Gottes Wort, glaubt an Christus. Das sind rechte Wahrzeichen, an denen ich erkenne, daß er ein rechter Christ und heiliger Mensch ist.

Die äußerliche Gestalt und Larve tuts nicht. Wo das Evangelium lauter und rein gepredigt wird, wo die heiligen Sakramente in ihrem rechten Brauch gehen und ein jeder sein ihm befohlenes Amt und Werk in seinem Stande ausrichtet, da findet man bestimmt Gottes Volk und rechte Christen. Deshalb sollst du dich nicht nach dem äußeren Schein richten, sondern nach dem Wort. Richtest du dich nach dem äußeren Schein und nicht nach dem Wort, so wirst du bestimmt fehlgehen. Ursache ist diese: an einem Christen findet man von außen nichts Besonderes von einem andern Menschen, ja, es soll wohl ein Unchrist und Heide oft eine sittsamere Gebärde und ehrbarere Gestalt aufweisen, als ein Christ. Darum trügen die äußere Gestalt und der Schein.

Darum soll man die christliche Kirche recht kennenlernen und nicht auf die äußere Larve sehen, sondern auf das Wort. Ein Weib, das getauft ist, das Evangelium hört, an Christus glaubt, einen Ehemann hat, Kinder zeugt, das ihr anbefohlene Amt tut, ist heilig, ob man schon ihre Heiligkeit nicht sieht. Denn ich kann mit den leiblichen Augen ihre Taufe nicht sehen, mit der sie vor Gott geschmückt ist, noch ihren Glauben an Christus, den sie im Herzen hat, sondern ich sehe, daß sie im Hause herumgeht, die Kinder reinigt, spinnt, näht, kocht. Darum scheint nichts Besonderes an ihr; doch wo sie am Evangelium und im Glauben an Christus bleibt und ihr Amt treulich ausrichtet, so ist sie heilig und ein Glied der christlichen Kirche, nicht ihrer Frömmigkeit halben, sondern um der Taufe, um des Evangeliums willen, welches sie im Herzen hat, und um des Herrn Christi willen, der in ihrem Herzen wohnt. Niemand siehts solchem Weibe an, daß sie eine Christin und ein heilig Weib ist. Darum soll man sich vor den äußeren Larven hüten und lernen, daß das die christliche Kirche ist, die getauft ist und den Glauben an Christus im Herzen hat und äußerlich in den allgemeinen Werken dahergeht, wie sie eines jeden Stand und Beruf erfordert. So soll man die christliche Kirche ansehen und erkennen. Wer sie so ansieht, der kann nicht fehlgehen noch irren. Wer aber solche Erkenntnis nicht hat, an der es der ganzen Welt und aller Vernunft mangelt, der muß irren.

So heißt nun Christus »Wunder-Rat« deshalb, weil alles verwunderlich und seltsam ist, was er an seiner christlichen Kirche tut. Die christliche Kirche hat, wie gesagt, eine verwunderliche Gerechtigkeit und Heiligkeit, die aller Vernunft verborgen ist. Wenns aber zum Kreuz kommt, da gehts viel wunderlicher und seltsamer zu. Denn ein Christ, der getauft ist und Christus bekennt, muß in der Welt leiden und verfolgt werden, um Christi und des Evangeliums willen. Das sieht vor aller Welt so aus, als sei er von Gott verlassen, und er selbst denkt in seinem Herzen nicht anders nach der Vernunft. So läßt Christus seine Kirche mit Kreuz, Verfolgung und allerlei Ärgernis zudecken, auf daß er alle Welt zum Narren mache. Da ist abermals alle Vernunft gefangen und kann sich hierein nicht schicken. Aber ein Christ ergreift das Wort und denkt so: wenn ich schon verachtet und verfolgt werde, bin ich dennoch getauft, habe das Evangelium, glaube an Christus und achte meine Taufe, Evangelium, Christus in meinem Herzen so groß, daß ich dagegen die ganze Welt für einen Splitter halte.

Und das ist bestimmt wahr: Wer das Evangelium und Christus im Herzen hat, der hat solche Gerechtigkeit vor Gott, daß wenn er schon der ganzen Welt Sünden auf sich hätte, sie wären dagegen doch wie ein Tröpflein Wassers im Vergleich zu einem ganzen Meer. Es ist nicht eine kleine Sache, wenn man Gottes Wort ansieht und sich daran hält. Sondern es ist so groß, daß dagegen alle Kreaturen wie ein kleines Stäublein sind. So ist nun die christliche Kirche gerecht und heilig, ob sie schon vor der Welt nicht das Ansehen hat, daß sie gerecht und heilig sei, ja auch dazu mit Kreuz und Ärgernis zugedeckt ist. Und niemand kann der Kirche Gerechtigkeit und Heiligkeit mit dem Glauben genugsam ergründen und fassen, geschweige denn, daß er sie mit menschlicher Vernunft ergründen und fassen können sollte. Und wer die christliche Kirche und die Christen erkennen will, der muß sie am Wort, Evangelium, Glauben und Früchten des Evangeliums und Glaubens erkennen. Wenn du das Evangelium hast, getauft bist, an Christus glaubst, so bist du ein Christ und heilig. Wenn du danach in deinem Stande so wandelst, hältst deine Ehe, ehrst Vater und Mutter usw., das sind Früchte des Evangeliums und des Glaubens. Läuft aber zuweilen ein Vergehen mit unter, das muß nicht schaden. Gedenke an deine Taufe, halte dich an das Evangelium, hole die Absolution, empfange das Sakrament, sage: Mir sind böse Gedanken eingefallen, ich bin gestrauchelt, habe da und da Unrecht getan. Aber ich bin getauft, ich habe das Wort, die Absolution, das heilige Sakrament: das ist mir eine größere Heiligkeit als die ganze Welt mit allen Kreaturen. Christus Jesus ist mein gütigster, barmherzigster Fürsprecher, daß wenn mich schon alle Teufel schrecken wollten, so sind sie doch kaum ein Fünklein gegen ihn.

Hieraus sehen wir nun, warum Christus »Wunder- Rat« heißt, nämlich deshalb, weil er alles, was er an der christlichen Kirche tut, aus unsern Augen, Vernunft und Sinnen reißt und in seinem Wort verbirgt. Gerechtigkeit, Heiligkeit, Weisheit, Stärke, Leben, Seligkeit und alles, was die Kirche in Christus hat, ist der Vernunft unbegreiflich und der Welt verborgen. Willst du die Kirche nach der Vernunft und nach dem äußerlichen Ansehen beurteilen, so ists falsch. Denn da wirst du solche Leute sehen, die sündhaft, gebrechlich, erschrocken, betrübt, elend, verfolgt und verjagt sind. Wenn du aber darauf siehst, daß sie getauft sind, an Christus glauben, ihren Glauben mit rechtschaffenen Früchten beweisen, das Kreuz in Geduld und Hoffnung tragen, so ists recht. Denn das ist die rechte Farbe, daran man die christliche Kirche erkennen kann. Die Vernunft sieht die Taufe als bloßes Wasser und das Wort als einen Ton an. Deshalb kann sie die christliche Kirche nicht kennen noch finden, weil sie die Taufe und das Wort so gering achtet. Aber wir Christen sollen die Taufe und das Wort so hoch achten, daß wir auch aller Welt Gut dagegen für nichts halten sollen. Wenn wir das tun, so können wir die christliche Kirche erkennen und auch uns selbst trösten und sagen: In mir bin ich ein Sünder, aber in Christus, in der Taufe, im Wort bin ich heilig.

So sollen wir uns diesen Namen »Wunder-Rat« zunutze machen, auf daß wir uns durch äußeren Schein nicht betrügen lassen. Das ist uns auch sehr vonnöten. Denn die Welt kanns nicht lassen, sie will die christliche Kirche äußerlich malen, mit Gebärden und Larven. Aber die Kirche läßt sich nicht anders malen, als, wie gesagt, mit dem Evangelium, Wort, Taufe, Sakrament, Glauben und Früchten des Glaubens. Die Taufe ist die rechte weiße Farbe, das Wort und der Glaube sind die herrliche blaue Farbe am Himmel; die Früchte des Evangeliums und des Glaubens sind die andern mannigfaltigen Farben, mit denen wir geschmückt sind, ein jeder in seinem Stande und Beruf.

[Martin Luther: Erster Weihnachtstag. Jes. 9, 1-6. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 5092-5102


Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 01.01.2013 07:26

Eine Neujahrspredigt von Martin Luther

Und da acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, da ward sein Name genannt Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe denn er im Mutterleibe empfangen ward. (Lukas 2, 21)

Der Evangelist hat mit besonderem Fleiß beschrieben, daß das Kindlein Jesus nicht allein am achten Tage beschnitten worden ist, sondern auch in der Beschneidung seinen Namen empfangen hat, welcher Name ihm nicht von Menschen aufgelegt, sondern von Gott geordnet und gesetzt ist. Denn er ist vom Himmel heruntergebracht und vom Engel angesagt worden, als er der Jungfrau Maria verkündigt und (Luk. 1, 31) spricht: »Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen«. Darum sagt der Evangelist, das Kindlein sei so genannt worden, ehe es im Mutterleibe empfangen worden ist.

Von dem Namen wäre viel zu predigen für den, der es könnte, doch wollen wir davon reden, soviel Gott Gnade geben wird. Das Kindlein heißt und soll heißen Jesus. »Jesus« aber heißt auf Deutsch ein »Heiland«. Maria hat einen Sohn geboren, der heißt »Heiland«, Das wäre sein rechter Name auf Deutsch. Etliche verdeutschen es: ein »Seligmacher«, das ist aber nicht gut Deutsch. »Heiland« ist rechtes, gutes Deutsch. Warum aber dies Kind diesen Namen führe, deutet der Engel Gabriel, da er (Matth. 1, 21) zu Joseph spricht: »Du sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden«. Darum heißt er »Jesus«, ein »Heiland«, daß er den Menschen in allen Nöten beistehen kann, hier und dort, äußerlich und inwendig, zeitlich und ewiglich. Wie wir das Wort »Messias« als ein »König« oder »Gesalbter« verdeutschen, so verdeutschen wir das Wort »Jesus« mit »Heiland«. Glauben sollen wir, daß er unser Heiland sei, der uns von des Teufels Gewalt helfe.

Diesen Namen laßt uns mit Fleiß lernen und merken, daß dies Kindlein allein »Jesus« heiße, sonst niemand, und laßt uns gut die Deutung erfassen, die der Engel Gabriel gibt, daß er ein solcher Jesus und Heiland sei, der sein Volk von ihren Sünden rette, der nicht aus geringen Nöten und kleinen Anfechtungen hier auf Erden helfe, wenn einer z.B. ein böses Wort von seinem Nachbarn hört oder einem eine Kuh stirbt. Solche geringen Fehler hat Gott der Welt anbefohlen, die hat Kaiser, Könige und Obrigkeit, welche Land und Leuten helfen können, hat Vater und Mutter, welche ihren Kindern vorstehen, hat Ärzte, die bei leiblichen Krankheiten raten und helfen.

Wer sich nun dieses Kindleins annehmen und es seinen Jesus oder Heiland sein lassen will, der sehe ihn so an, daß er ein Heiland und Helfer sei, nicht besonders für dieses Leben, welches er (wie jetzt gesagt) andern befohlen hat, sondern für das ewige Leben, daß er von Sünden, und was auf die Sünde folgt wie Tod, Teufel, Hölle, helfen will. Gegen diese Feinde heißt er ein »Heiland«. Denn wo die Sünde weg ist, da muß der Tod und Teufel auch hinweg sein. Wo du nun an diesen Heiland glauben willst, so beschließe bei dir, ob du auch glaubest, daß nach diesem Leben ein anderes Leben sei. Willst du nicht glauben, daß es ein anderes und zukünftiges Leben gebe, so hast du am Kaiser, an deiner Obrigkeit, an Vater und Mutter Heilande genug, die werden dir wohl helfen, was Leib, Geld und Gut betrifft. Wo du aber glaubst, daß nach diesem Leben ein anderes Leben sei, so bedarfst du dieses Heilandes und seiner Hilfe; der hilft bei größerem Unglück, bei dem weder Kaiser, Vater, Mutter noch jemand anders helfen kann.

Zwar ists wahr: wenn Kaiser, Vater und Mutter und andere Menschen nicht helfen wollen oder können, so will der Herr Jesus da sein und den Seinen auch in leiblichen Nöten beistehen. Aber sein besonderes und vornehmliches Amt ist nicht, daß er in zeitlichen Dingen helfe, sondern das ist sein vornehmliches Amt, daß er von Sünde und ewigem Tode helfe. Da kommt es auch eigentlich drauf an. Darum ist daran gelegen, ob du auch glaubst, daß nach diesem Leben ein anderes Leben sei. Wer das nicht glaubt, der kann diesen Heiland nicht recht erkennen. Und wo du in dem Glauben bist, daß nach diesem Leben kein anderes Leben sei, so wollte ich auch um deinen Gott nicht einen Pfifferling geben; dann tue, was dich gelüstet. Denn wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es auch keinen Teufel noch Hölle. Und dann ist es dasselbe, wenn ein Mensch dahinstirbt, als wenn ein Baum umfällt oder eine Kuh; wenn sie stirbt, so ists alles aus. So lasset uns guter Dinge sein, fressen und saufen, denn morgen sind wir tot, wie Paulus 1. Kor. 15, 32 sagt.

Wenn aber ein Gott existieren soll, wie er wahrhaftig existiert, da muß etwas mehr vorhanden sein als allein dies zeitliche Leben. Dafür sollten uns die Zehn Gebote Zeugnis genug sein, wenn wir schon nichts mehr von Gottes Wort hätten. Weil uns nun Gott sein Wort gibt und in seinem Wort mit uns redet und uns lehrt, was er von uns haben will, so ists ein Zeichen, daß wir Menschen etwas mehr haben müssen als dies zeitliche Leben. Wo aber Gott nicht mit den Menschen redet und die Menschen wiederum sich seiner nicht annehmen, da kanns nicht anders zugehen, als daß sie entweder zu Epikuräern und Säuen werden oder daß ein jeder sich einen neuen Glauben erdichtet. Zwar stellt er sich, als hätten wir ihn nicht in diesem Leben zum Gott. Denn er läßt uns in allerlei leiblicher Not stecken, wehrt den bösen Buben nicht, die uns verfolgen und plagen, sondern gestattet, daß sie ihren Mutwillen treiben und hier auf Erden alle Fülle haben. Darum scheints, als sei er nicht ein Gott dieses zeitlichen Lebens. Aber er hat uns verheißen, daß wir etwas Besseres haben sollen als dies zeitliche Leben.

Er will wohl uns auch auf Erden regieren, uns Essen, Trinken, Kleidung geben, und was wir bedürfen. Dennoch will er uns auf Erden allerlei Ungemach leiden lassen, wie er selbst Joh. 16, 33 sagt: »In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«. So lerne nun ein jeder mit Fleiß, daß dies Kindlein »Jesus«, ein »Heiland« heißt, und merke die Deutung, was für ein Heiland er sei, nämlich wenn man in Nöten steckt, da ist kein Geld, Vater und Mutter verlassen uns, gute Freunde fallen ab, und kommt dazu die Zeit und Stunde, daß man der Sünden Last fühlt, das Gewissen erschrickt und verzagt, der Teufel tut seine feurigen Pfeile hervor, und in Summa, da ist keine menschliche Hilfe noch Rat: in solcher Not ist dies Kindlein ein Heiland, der helfen kann und will.

Außerhalb dieses Stündleins, wenn man den Beutel voll Geld hat, die Sünde und den Tod nicht fühlt, da begehrt man dieses Heilandes nicht viel, bedarf auch seiner Hilfe nicht. Denn er heißt nicht ein Geld-Heiland, sondern ein Heiland, der sein Volk von Sünden selig macht und vom Tode errettet. Geld kann helfen, daß du Brot, Bier, Wein, Kleider dafür kaufest, kann aber von Sünden und Tod nicht erretten. So ists auch mit andern zeitlichen Gaben: Vernunft, Weisheit, Kunst, Gewalt, Freundschaft und was auf Erden ist, kann alles in den Sachen helfen, wozu es geordnet und geschaffen ist. Eine Mutter kann die Kinder mit Essen, Trinken und anderm versorgen, ein Arzt einen Kranken betreuen, ein Jurist einer verlorenen Sache helfen. Aber wenns mit diesem zeitlichen Leben ein Ende haben wird und man sterben soll, wenn das Gewissen seine Sünden vor Gottes Gericht nicht leugnen kann und deshalb in Sorgen und Gefahr der ewigen Verdammnis stehen muß, da ist die rechte Zeit, daß dieser Heiland Jesus komme. Wenn da gleich alle Winkel im Hause voll Goldes wären, so ists dennoch alles verloren. Wenn da gleich alle Kaiser, Könige, Fürsten, Väter, Mütter, Ärzte, Juristen, Weisen und Klugen stünden und helfen wollten, so können sie doch nicht helfen. Sondern dies Kindlein heißt und ist allein Jesus, ein Heiland, der allen helfen kann und will, die solche Not erkennen und Hilfe bei ihm suchen.

Weiter kommt auch alles darauf an, daß du gut Acht darauf gebest und dies Kindlein deinen einzigen Heiland sein lassest wider alle Theologen, die diesen Namen verkehren und eigene falsche Heilande aufwerfen außerhalb und gegen diesen rechten einzigen Heiland. Da hüte du dich vor und siehe zu, daß du diesem Kindlein seinen Namen rein lassest. Denn es ist beschlossen, daß wider die Sünde und den Tod kein anderer Heiland sein solle, auch niemand anders helfen könne, weder im Himmel noch auf Erden, es sei Papst oder gute Werke, Engel oder irgendeine Kreatur, als dies einzige Kindlein der Jungfrau Maria, das Jesus heißt. Gute Werke soll man tun, aber gute Werke sind nicht Jesus, machen nicht selig, erretten nicht vom Tode. Dies Kindlein aber macht selig und errettet vom Tode.

Wer nun bei Anfechtung durch die Sünde und in Todesnöten aus festem Glauben sagen könnte: das Kindlein, der Jungfrau Maria Sohn, heißt Jesus, das macht mich von meinen Sünden selig, auf ihn verlasse ich mich und auf sonst niemand weder im Himmel noch auf Erden, der wäre gewiß selig. Den Worten nach hat man das bald gelernt, aber daß mans von Herzen und wahrhaftig ohne allen Zweifel glaube, da wills mit uns nirgends voran. Darum soll mans gut merken: wenn dir irgend ein Übel auf Erden widerfährt, kannst du davon durch menschliche ordnungsgemäße Hilfe frei werden, wohl gut. Wenn du aber auf den Tod liegst und sterben sollst, so verzichte auf alles, sieh allein nach diesem Heiland und sprich: Ich weiß noch einen Arzt, Juristen, Kaiser, König, Theologen, nämlich das Kindlein Jesus, das kann und will mich vom ewigen Tode erretten.

Diese Deutung des Namens »Jesus« ist nicht von Menschen erfunden, sondern von Gott durch den Engel Gabriel vom Himmel herabgebracht. Und allein dies Kindlein soll diesen Namen führen und damit alles ausrotten, zurückstoßen und wegwerfen, was sich vor Gott ein Heiland und Helfer zu sein untersteht. Alles nun, was die Menschen außerhalb Christi vornehmen, daß es zur Vergebung der Sünden und dem ewigen Leben dienen und helfen soll, das ist hiermit verworfen und verdammt. Darum sehe ein jeder zu, daß er diesen Namen keinem andern gebe noch geben lasse, er sei wer und wie groß er wolle.

Wer dies Kind für seinen Heiland hält, der tut Gott die größte und höchste Ehre, wie Christus selbst Joh. 5, 23 sagt: »Damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.« Hältst du den Sohn für deinen Heiland, so ist dir Gott der Vater hold und ist kein Zorn bei ihm. So dir aber Gott hold ist, was schadet dirs denn, wenn schon die ganze Welt mit dir zürnt? Hältst du aber den Sohn nicht für deinen Heiland, sondern suchst andere Helfer oder denkst, deine Sünden seien zu groß, als daß dies Kindlein dich davon erlösen könnte, so tust du Gott die größte und höchste Unehre und bist deiner Seligkeit aufs höchste ungewiß. Denn Gott hat nirgends gesagt, daß deine guten Werke dein Heiland sein sollen. Wenn du aber an den Sohn glaubst, so hast du Gott in seiner Verheißung gefangen. Denn er hat seinen Sohn dazu bestimmt, daß er aller Welt Heiland sein solle.

Das ist nun der Name »Jesus«, der dem Kindlein zuerst von dem Engel vor seiner Empfängnis, danach auch von der Mutter in seiner Beschneidung am achten Tage gegeben ist. Solcher Name dient dazu, wie wir gehört haben, daß wer da glaubt, daß es ein anderes Leben nach diesem Leben gebe, wisse, wo er das ewige Leben finden solle, nämlich bei dem Kindlein Jesus allein, welches deshalb »Jesus« heißt, das heißt »Heiland«, weil es zum ewigen Leben hilft, da keine Kreatur helfen kann.

Und so haben wir aus dem heutigen Evangelium gehört: zum ersten, daß das Kindlein am achten Tage beschnitten worden ist und sich unter das Gesetz getan hat, auf daß es alle, die an ihn glauben, vom Fluch des Gesetzes erlösete, zum zweiten, daß das Kindlein »Jesus« heißt, deshalb weil es ein Heiland ist, der wider die Sünde und böses Gewissen, wider den Tod und alles Unglück, das aus der Sünde folgt, helfen soll. Dazu verleihe uns Gott seine Gnade, Amen.

[Martin Luther: Neujahr. Luk. 2, 21. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 5142-5150
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
Moderator
Beiträge: 2271
Registriert: 04.04.2008 07:47
Wohnort: Essen im Ruhrpott

Beitragvon Jörg » 01.04.2013 06:25

Martin Luther


Osternacht




Ich glaube an Jesus Christus ...
niedergefahren zur Hölle,
am dritten Tage auferstanden von den Toten.


An diesem Osterfest begeht man den feinen, tröstlichen Artikel unseres christlichen Glaubens von der Höllenfahrt und fröhlichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, wie denn dies Fest auch darum eingesetzt ist, damit dieser Artikel gepredigt und den Menschen eingeprägt und recht gut aufgefaßt und behalten werde. Deshalb wollen wir jetzt auch bei diesem Artikel bleiben und davon reden, wie wir denn schuldig sind, Gott zu loben und zu ehren und von seinem Wort zu predigen, solange wir leben.

So beten wir im christlichen Glaubensbekenntnis und so lehren und bezeugen die heiligen Evangelien, die man zu dieser Zeit zu predigen pflegt, daß unser Herr Jesus Christus gestorben und begraben sei, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten. Diesen Artikel will ich mir jetzt vornehmen. Viele sind gewesen, sind auch noch viele, die diesen Artikel mit der Vernunft und mit den fünf Sinnen haben fassen wollen, besonders dies Stück, wie es zugegangen sei, daß Christus, ehe er auferstanden und gen Himmel gefahren und noch im Grabe gelegen ist, zur Hölle hinunter gefahren sei.

Aber das Allerbeste und Sicherste ist, daß man bei den Worten und bei dem einfältigen Verständnis bleibe, wie die Worte lauten. Ihr seht, wie man des Herrn Niederfahrt zur Hölle an die Wände zu malen pflegt, nämlich daß Christus eine Chorkappe oder Mantel anhabe und die Engel vor ihm hergehen, er aber habe eine Fahne in der Hand und stoße damit an die Hölle, und die Teufel wehren sich; endlich aber stößt er die Hölle auf und treibt die Teufel aus, auf gleiche Weise, wie man ein irdisches Schloß oder Haus stürmt.

Wahr ists, von des Herrn Niederfahrt zur Hölle kann man auf zweierlei Weise reden: schlicht und einfältig, mit kindlichen Worten und Bildern, was auch, wie gesagt, das Beste und Sicherste ist. Aber man kann davon auch sehr gelehrt reden, wie es an sich selbst ist, wie es zugegangen sei, daß Christus zur Hölle hinunter gefahren ist und doch sein Leib im Grabe bis an den dritten Tag gelegen hat.
Denn etliche Lehrer haben sich sehr darüber bekümmert und gelehrt und scharfsinnig davon disputiert, wie es möglich sei, daß Christi Leib im Grabe gelegen und seine Seele zur Hölle gefahren sei. Etliche haben gesagt, er sei nicht persönlich und gegenwärtig, der Seele nach, sondern allein geistlich, seinem Werk, Kraft und Wirkung nach hinuntergefahren. Aber was ists, wenn man sich schon lange darüber bekümmert und scharfsinnig darüber disputiert? Man wirds doch mit Gedanken nicht erlangen noch ergründen, wie es denn die Lehrer selbst nicht verstanden haben, ob sie sich schon sehr darüber bekümmert und scharfsinnig darüber disputiert haben. Denn daß ich mit meinem Munde und mit meiner Zunge voll beschreiben und mit meiner Vernunft begreifen soll, wie es in den Sachen zugehe, die weit über und außer meiner Vernunft, Sinn und Verstand sind, das werde ich besser lassen. Daß ich es z.B. mit meiner Zunge voll beschreiben und mit meinem Herzen begreifen und verstehen soll, wie es dem Herrn gegangen und wie ihm im Garten Gethsemane zu Mute gewesen sei, da Blutstropfen von seinem Leibe auf die Erde gefallen sind, das werde ich besser lassen, wenn ich mich des schon unterstünde. Desgleichen werde ich auch nimmermehr mit Worten voll beschreiben noch mit Gedanken erreichen können, aus was für einem Herzen, Liebe und Feuer das Gebet und Flehen gekommen ist, welches Christus am Kreuz mit lautem Schrei und Tränen geopfert hat. Ich muß das im Wort und im Glauben lassen, mit meinen Worten und Gedanken werde ichs nimmermehr erreichen.

Gleichwie ich nun dies und anderes nicht ergründen noch erreichen kann, so werde ich auch nicht ergründen noch erreichen, wie Christus zur Hölle gefahren ist. Der christliche Glaube bezeugt, daß er zur Hölle gefahren ist, und die Heilige Schrift begründet diesen Artikel mit klaren deutlichen Worten. Aber wie es zugegangen sei, das wirst du nicht ergründen. Und wenn du auch schon zehnmal weiser wärest als Salomo, so wirst du es dennoch nicht erreichen. Deshalb ist mein treuer Rat, du läßt es bei den einfältigen Worten und kindischen Bildern bleiben und läßt dich durch die scharfsinnigen Geister, die ohne Bilder darüber nachdenken und es mit ihrer klugen Vernunft ergründen wollen, nicht anfechten. Sondern wie dieser Artikel im Wort vorgetragen und mit Bildern vorgemalt wird, daß die Engel vorhergehen und Christus mit der Fahne hinunterfährt, die Höllenpforte zerbricht und zerstört, so erfasse es einfältig. Denn ob es wohl einfältig und grob geredet ist und kindliche Bilder sind, so zeigen uns solche Worte und Bilder doch fein die Kraft und den Nutzen dieses Artikels, wie wir hören werden.

Wenn ich so sage: Christus ist ein Herr über Teufel und Hölle, und der Teufel hat keine Gewalt und Macht über ihn und über die, welche ihm angehören, das ist ohne Bild und Blumenwerk geredet. Kann ichs so erfassen und glauben, so ists gut. Wenn ichs aber mit Blumen und Bildwerk vormale und eine Fahne mache, mit der Christus die Hölle aufgestoßen hat, daß es die Kinder und das schlichte Volk, die es sonst ohne Bild nicht erfassen können, auch verstehen, erfassen und glauben mögen, so ists auch gut. Wie man es nun erfassen kann, entweder mit Hilfe äußerlicher Bilder oder ohne äußerliche Bilder, so ists recht und gut, wenn man nur kein Ketzer wird und dieser Artikel nur fest bleibt, daß unser Herr Jesus Christus zur Hölle hinuntergefahren sei, die Hölle zerbrochen, den Teufel überwunden, und die, so vom Teufel gefangen waren, erlöst habe. Müssen wir doch sonst alle Dinge, die wir nicht kennen und wissen, durch Bildreden erfassen, wenn sie gleich nicht so ganz genau zutreffen oder in Wahrheit so sind, wie es die Bilder abmalen, warum wollten wir denn nicht diesen Artikel, den wir auch nicht verstehen noch voll ergründen können, durch Bildreden erfassen, weil das Bild gut hilft, das rechte, reine Verständnis zu erhalten, nämlich daß Christus selbst persönlich die Hölle zerstört und den Teufel gebunden hat? Wie Christus das getan hat, da kommt es nicht drauf an. Aber darauf kommt es an, daß ich wisse und glaube, das Tor sei aufgestoßen, der Teufel gebunden und gefangen, die Hölle zerbrochen und zerrissen, so daß mich und alle, die an Christus glauben, weder Hölle noch Teufel gefangennehmen noch mir schaden kann.

Das sei ein Stück dieser Predigt von dem Artikel, daß Christus zur Hölle hinuntergefahren ist, das ist, daß er den Teufel überwunden und die Hölle zerbrochen hat, auf daß kein Christ sich hinfort vor dem
Teufel zu fürchten und zu entsetzen brauche. Die Welt mit allen ihren Kräften hätte nicht vermocht, jemand aus des Teufels Banden zu erlösen noch für eine Sünde der Höllen Pein und Gewalt wegzunehmen. Sondern sie müßten allzumal, soviel je auf Erden gekommen sind, ewig darinnen bleiben, wo nicht der heilige, allmächtige Sohn Gottes mit seiner eigenen Person dahingefahren und die Hölle durch seine göttliche Gewalt mit Macht gewonnen und zerstört hätte. Denn keiner Mönche Heiligkeit noch aller Welt Gewalt und Macht vermag ein Fünklein des höllischen Feuers auszulöschen. Aber das tut es, daß dieser Mann selbst hinunterkommt. Da müssen alle Teufel laufen und fliehen, wie vor ihrem Tode und Gift, und die ganze Hölle mit ihrem Feuer muß vor ihm verlöschen, so daß sich kein Christ davor zu fürchten braucht. Und wenn er schon in die Hölle hineinkäme, soll er dennoch der Höllen Pein nicht leiden; gleichwie er durch Christus auch den Tod ewig nicht schmeckt, sondern durch Tod und Hölle zum ewigen Leben hindurch dringt.

Das andere Stück dieser Predigt ist, daß unser Herr Jesus Christus am dritten Tage von den Toten auferstanden ist. Da gehört ein starker, fester Glaube zu, der uns diesen Artikel stark, fest und gut mache. Die Worte: »Christus von den Toten auferstanden«, soll man gut merken und mit großen Buchstaben schreiben, daß ein Buchstabe so groß sei wie der Turm, ja wie Himmel und Erde, daß wir nichts anderes sehen, hören, denken noch wissen als diesen Artikel. Denn wir sprechen und bekennen diesen Artikel im Gebet nicht deshalb, weil es allein geschehen sei, wie wir sonst eine Geschichte erzählen, sondern damit es im Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde. Und das nennen wir Glauben, wenn es uns so lebendig ist, daß wir ganz und gar drin stecken, eben als sei sonst nichts anderes geschrieben als: Christus ist auferstanden.

Da ist Paulus ein rechter Meister, diesen Artikel näher auszuführen. Röm. 4, 25: »Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt«, Eph. 2, 5 f.: »Die wir tot waren in den Sünden, hat er samt Christus lebendig gemacht und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus«, 1. Thess. 4, 14: »Wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch, die da entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen«.

Wenn wir das nun glaubten, so hätten wir gut leben und sterben. Denn Christus hat nicht allein für seine Person den Tod überwunden und ist von den Toten auferstanden. Sondern du mußts so aneinander hängen, daß es uns gelte, und auch wir in dem »Christus ist auferstanden« stehen und gefaßt sind und um und durch dasselbe auch auferstehen und mit ihm ewig leben müssen. So hat unsere Auferstehung und unser Leben schon in Christus angefangen, und zwar so sicher, als wäre es schon ganz geschehen, nur daß es noch verborgen und nicht offenbar ist.

So genau sollen wir diesen Artikel ansehen, daß alle anderen Anblicke dagegen nichts sind, so als sähen wir nichts anderes im ganzen Himmel und Erde. Wenn du einen Christen sterben siehst und begraben werden und nichts als einen toten Leichnam daliegen, und vor Augen und Ohren bloß Grab, Totengesang, Totenwort, ja eitel Tod ist: dann sollst du doch solch Totenbild aus den Augen tun und im Glauben ein anderes Bild an Stelle jenes Totenbildes sehen. Nicht als sähest du ein Grab und einen toten Körper, sondern eitel Leben und einen schönen, luftigen Garten und Paradies, darin kein Toter, sondern eitel neue, lebendige, fröhliche Menschen sind.

Denn wenn das wahr ist, daß Christus vom Tode auferstanden ist, so haben wir schon das beste Stück von der Auferstehung hinweg, so daß die leibliche Auferstehung des Fleisches aus dem Grabe (die noch zukünftig ist) im Vergleich dazu gering zu rechnen ist. Denn was sind wir und alle Welt gegen Christus, unser Haupt? Kaum ein Tröpflein gegenüber dem Meer oder ein Stäublein gegenüber einem großen Berg. Weil nun Christus, das Haupt der Christenheit, durch welchen sie lebt und alles hat, und der so groß ist, daß er Himmel und Erde füllt, und gegen den Sonne, Mond und alle Kreaturen nichts sind, aus dem Grabe erstanden ist und dadurch ein mächtiger Herr aller Dinge, auch des Todes und der Hölle geworden ist, so müssen auch wir als seine Glieder durch seine Auferstehung getroffen und angerührt werden und eben des teilhaftig werden, was er damit ausgerichtet hat, als um unsertwillen geschehen. Denn wie er durch sein Auferstehen alles mit sich genommen hat, so daß beides, Himmel und Erde, Sonne und Mond und alle Kreaturen auferstehen und neu werden müssen, so wird er auch uns mit sich führen. Derselbe Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch unsere sterblichen Leiber lebendig machen, und mit uns alle Kreaturen, die jetzt der Vergänglichkeit unterworfen sind und sich ängstlich nach unserer Herrlichkeit sehnen, aber auch von dem vergänglichen Wesen frei und herrrlich werden sollen. So haben wir schon mehr als die Hälfte unserer Auferstehung, weil das Haupt und Herz bereits droben ist und es nur noch um das Geringste zu tun ist, daß der Leib in der Erde verscharret werde, auf daß er auch erneuert werden möge. Denn wo das Haupt bleibt, da muß der Leib auch hintennach, wie wir an allen Tieren sehen, wenn sie zu diesem Leben geboren werden.

Zudem ist auch noch eine andere Hälfte geschehen, ja, auch weit über die Hälfte, daß nämlich wir durch die Taufe im Glauben schon geistlich auferstanden sind, das heißt, nach dem besten Stück an uns. Und so ist nicht allein leiblich das Allerbeste daran geschehen, daß unser Haupt aus dem Grabe gen Himmel gefahren ist, sondern auch unsere Seele hat nach dem geistlichen Wesen ihr Teil hinweg und ist mit Christus im Himmel. Und allein die Hülsen und Schalen oder Scherben bleiben noch hier auf Erden, aber sie müssen um des Hauptstücks willen auch hintennach fahren. Denn die Hülse und Schale soll noch auferstehen, aber das rechte Stück und der Kern ist schon auferstanden.

Das soll man nun fest glauben. So sollen wir, wenn wir einen Christen sehen krank sein, sterben, ins Grab gelegt werden, oder auch wenn wir selber sterben sollen, alles aus den Augen hinwegtun und das »Er ist auferstanden« recht beten. Wir sollen bekennen und sagen: Das beste Stück an der Auferstehung ist schon geschehen, Christus, das Haupt der ganzen Christenheit, ist durch den Tod hindurch und von den Toten auferstanden. Zudem ist das vornehmste Stück an mir, meine Seele, auch durch den Tod hindurch und mit Christus im himmlischen Wesen. Was kann mir denn das Grab und der Tod schaden? Ist doch dieser Leib, wie Paulus (2. Kor. 5, 1) sagt, nur eine Hütte der Seele, von Erde oder Lehm gemacht und ein veraltetes Kleid oder ein alter, schäbiger, lausiger Pelz. Weil aber die Seele durch den Glauben bereits im neuen, ewigen, himmlischen Leben ist, und nicht sterben noch begraben werden kann, so haben wir nicht mehr zu warten, als daß diese arme Hütte und der alte Pelz auch hintennachfolge und neu werde und nicht mehr vergehen könne, weil das beste Stück droben ist und uns nicht hinter sich lassen kann. Wenn Christus, der da heißt: »Er ist auferstanden«, hinweg ist aus dem Tod und Grab, so muß, der sagt: »Ich glaube« und an ihm hanget, auch hintennach. Denn er ist uns deshalb vorangegangen, damit wir hintennachfolgen sollen; und hat solches auch schon in uns angefangen, daß wir durch das Wort und die Taufe täglich in ihm auferstehen.

Siehe, so sollten wir uns zu solchen Gedanken des Glaubens hingewöhnen, wider den äußerlichen, leiblichen Anblick des Fleisches, der uns eitel Tod vor die Augen stellt und mit solchem Bilde schrecken und den Artikel von der Auferstehung in Zweifel stellen und zerrütten will. Dazu verleihe uns Gott seine Gnade, daß wir es erfassen und andere damit trösten können, Amen.

[Martin Luther: Osternacht. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 5365-5376
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Benutzeravatar
Joschie
Moderator
Beiträge: 5665
Registriert: 28.02.2007 20:18
Wohnort: Hamburg

Von ganzem Herzen

Beitragvon Joschie » 14.10.2014 10:20

Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen.Psalm 111,1

Darum fordert der Psalmsänger gleich zu Anfang auf, man solle »von ganzem Herzen« danken, damit es ein inniger, gründlicher Dank sei, den man nicht nur mit dem Mund ausspricht, wie wenn man leichthin »Gott sei Dank!« sagt und mit dem Herzen meint, es gebe gar keinen Gott. Das ist eine Kunst, die Kunst des Heiligen Geistes, von Herzen Dank zu sagen. Und wer es von Herzen sagen kann, um den brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass er stolz, widersetzlich, wüst und wild sei oder die empfangenen Gaben gegen Gott verwenden würde. Tut es jemand nur obenhin, so wisse, dass er lügt, wenn er »Gott sei Dank!« sagt. Das ist eine doppelte Undankbarkeit. Er spottet wie ein Lehnsmann, der zu seinem Herrn sagt: »Ich danke Euch, und ich weiß, dass Ihr das Gut mir geliehen habt«, und verwendet zu gleicher Zeit das Gut nach Kräften zum Schaden seines Herrn. Mit dem Mund nennt er es eine Gabe des Herrn, und in seinen Taten verfährt er, als sei er der Oberherr über seinen Herrn und derjenige, dem alles gehöre. Er gleicht einem Dieb oder Räuber, der sich auch nicht bei dem Bestohlenen bedankt. Und das wäre nichts anderes, als dass er zum Schaden auch noch spottet!
Martin Luhrer: Der 111. Psalm ausgelegt, 1530, vgl. WA 31.1, 405, 36 – 406, 15.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste