Martin Erdmann - kein Calvinist, sondern Dispensationalist?

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H.W.Deppe
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Martin Erdmann - kein Calvinist, sondern Dispensationalist?

Beitragvon H.W.Deppe » 01.09.2012 10:38

Ich erhielt eine Anfrage von jemanden, der in einem Gesprächt gesagt bekommen hatte, Martin Erdmann (Autor des Buches "Der Griff zur Macht") sei ein Dispensationalist und deshalb würde er den Calvinismus kritisieren.

Das ist eine erschreckende Behauptung, denn das Gegenteil ist wahr. Weder ist Martin Erdmann Dispensationalist (lediglich Millennialist, aber da gibt es nur sehr wenige Überschneidungen mit dem Dispensationalismus) noch hat er etwas gegen den Calvinismus, vielmehr steht er in der Heilslehre zum Calvinismus und kämpft dafür!
Aber was in USA unter New Calvinism läuft (und was Martin Erdmann zu Recht kritisiert), hat mit dem herkömmlichen Calvinismus kaum noch etwas zu tun.

Im Folgenden die Antwort von Martin Erdmann, die er mir auf meine Bitte um ein Statement zu diesem Missverständnis schrieb und die er mir hier zu posten erlaubte. Anscheinend geht dieses Missverständnis auf die Angriffe von Thomas Schirrmacher gegen Martin Erdmann zurück.

Martin Erdmanns Statement:
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Thomas Schirrmacher [...] scheut sich [...] nicht, zweideutige Andeutungen und tendenziöse Aussagen über mich zu verbreiten, die dann von anderen eben falsch interpretiert werden, auch wenn diese Fehlinterpretationen nicht direkt aus der Feder von Schirrmacher stammen (dieser aber wohl nicht unbedingt unglücklich ist, dass man ihn „missverstanden“ hat).

Wie dies funktioniert, kannst du an der folgenden Argumentationsweise erkennen:

Schirrmacher:

Traditionelles und allein gutes Christentum ist für ihn also die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Sicht, dass die Gemeinde Jesu nur mit einer unsichtbaren Herrschaft Jesu verbunden sei, wie sie klassisch John Nelson Darby, der Vater des Dispensationalismus, herausgearbeitet hat. Kein Wunder, dass Erdmann beklagt, dass der „Dispensationalismus“ zunehmend ausgehöhlt wird und an Einfluss verliert (S. 136–137). Denn tatsächlich hat sich der Dispensationalismus längst weiterentwickelt und hat gerade auch von dem völlig vergeistigten Reich‑Gottes‑Verständnis Abschied genommen.


1) Erdmann definiert das traditionelle (allein gute) Christentum als die „in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Sicht, dass die Gemeinde Jesu nur mit einer unsichtbaren Herrschaft Jesu verbunden sei.“

2) Diese Sicht hat klassisch John Nelson Darby, der Vater des Dispensationalismus, herausgearbeitet.

3) Deshalb wundert es nicht, dass sich Erdmann beklagt, dass der „Dispensationalismus“ zunehmend ausgehöhlt wird und an Einfluss verliert.

4) Diese Indizien deuten darauf hin, dass Erdmann wahrscheinlich ein klassischer (sprich: unbiblischer) Dispensationalist ist, denn er teilt Darbys Sicht von der Gemeinde Jesu als Bereich der unsichtbaren Herrschaft Jesu und beklagt sich dann noch, dass der gegenwärtige Dispensationalismus diese Sicht nicht mehr vertritt. Übrigens ist es gut, dass der Dispensationalismus sich mittlerweile weiterentwickelt hat, indem er diese unbiblische Sicht Darbys aufgegeben hat. Und damit liegt Erdmann gleich zweimal falsch: a) er teil Darbys Sicht von einem völlig vergeistigten Reich Gottes und b) bedaürt die gute Entwicklung des heutigen Dispensationalismus im Verwerfen dieser Sicht.

Und was steht im Buch geschrieben? Der Griff zur Macht, S. 136-37:

Damit die Theonomie Eingang und Akzeptanz in christlichen Kreisen findet, ist es nötig, die gängige Eschatologie zu überwinden. Trotz der großen Popularität der »Left Behind«-Romanserie in Amerika und auch Deutschland und der Schweiz gewinnt das »Königtumsmandat« allmählich auch unter Dispensationalisten an Boden. Die prämillenialistische Eschatologie des Dispensationalismus wird durch verschiedene Mischformen des Postmillennialismus ersetzt.


Ich treffe die richtige Feststellung, dass der heutige Dispensationalism seine prämillennialistische Eschatologie allmählich durch Variationen des Postmillennialismus ersetzt hat (dass diese Feststellung den Tatsachen entspricht, bestätigt ja Schirrmacher ausdrücklich).

Mein Argumentationspunkt an dieser Stelle ist, dass die Theonomie in Form des „Königtumsmandats“ sich auch im heutigen Dispensationalismus ausreitet, weil dieser seine für ihn in der Vergangenheit kennzeichnende prämillennialistische Eschatologie weitgehend verworfen hat. Ich bedaüre, dass sich die Theonomie auch in den christlichen Kreisen festsetzt, die an sich aufgrund ihrer spezifischen Eschatologie eigentlich dagegen gefeit sein müssten, aber weil sie vielerorts in ihrer Zuwendung zum Postmillennialismus diese Eschatologie aufgegeben haben, findet die Theonomie Eingang und Akzeptanz.

Mit keinem Wort sage ich, dass ich selbst Dispensationalist bin. Das einzige, was man in diese Aussage hineinlesen kann, ist, dass ich den Prämillennialismus als eine eschatologische Lehre ansehe, die vor dem Eindringen der Theonomie schützt; und wenn diese Lehre aufgegeben wird, fällt dieser Schutz weg. Das kann auch durchaus jemand behaupten, der als Amillennialist gegen die Theonomie eingestellt ist. In anderen Worten, man muss nicht Prämillennialist oder gar Dispensationalist sein, um diese Aussage so zu formulieren, wie ich es getan habe. Ich bedaürte, dass das, was die Ausbreitung der Theonomie verhindern könnte, verworfen wird, weil ich die Theonomie als negativ einstufe. Das ist alles, auch wenn es in meinem Fall tatsächlich zutrifft, dass ich Prämillennialist bin. Aber das heisst noch lange nicht, dass ich auch Dispensationalist bin, denn das eine ist nicht unbedingt identisch mit dem anderen. Selbst Schirrmacher gibt zu, dass der heutige Dispensationalismus sich weiterentwickelt hat und nicht mehr mit der Befürwortung des Prämillennialismus gleichzusetzen ist. Und ein „historischer Prämillennialist“ ist kein Dispensationalist und war es nie.

Wie begründe ich meine Meinung, dass das Reich Gottes in der gegenwärtigen Zeit eine unsichtbare Herrschaft über die Herzen der Gläubigen ist. Berufe ich mich auf Darby oder den klassischen Dispensationalismus? Nein! Ich zitiere auszugsweise Joh. 18, 36 und weise auf Luk. 17, 20-21 hin. Darüber hinaus zitiere ich ausführlicher eine Passage aus dem 1706 veröffentlichten Kommentar des für seine reformierte Theologie bekannten Matthew Henry. S. 26:

Das Königreich Gottes ist in dieser Zeit der Gnade ein geistlicher Bereich, der durch die evangelistische Verkündigung des Wortes Gottes vergrößert wird. Christus machte zweifellos deutlich, dass sein Reich »nicht von dieser Welt« (Joh. 18,36) ist, sondern eine geistliche Herrschaft über die Herzen der Gläubigen (Luk. 17,20-21). Matthew Henry, der bekannte englische Bibelausleger, schrieb 1706 über die auferlegte Pflicht der Evangelisation:

„Christus beabsichtigte, dass sein Evangelium weder durch Feür und Schwert propagiert werden sollte noch durch den Zorn der Menschen als Exekutoren der richtenden Gerechtigkeit Gottes. Wenn wir Gott in den höchsten Tönen loben, sollten wir einen Olivenzweig des Friedens in Händen halten. Die Siege Christi werden dank der Kraft des Evangeliums und der Gnade über die geistlichen Feinde errungen. Darin zeichnen sich die Gläubigen mehr als Überwinder aus. Das Wort Gottes ist das zweischneidige Schwert (Hebr. 4,12), das Schwert des Geistes (Eph. 6,17).“


Schirrmacher deutet im Paragraphen zuvor auf diese Passage in meinem Buch mit Seitenangabe, aber mit bewusster Weglassung der Bibelbelege hin:

Christi Reich ist „nicht von dieser Welt“, „sondern eine geistliche Herrschaft über die Herzen der Gläubigen“ (S. 28‑29). Das Entscheidende dabei ist, dass seine Definition von „Reich Gottes“ alles andere, das heißt vor allem auch alles Sichtbare ausschließt. Wer über die bei allen Evangelikalen selbstverständlich immer an erster Stelle stehende Verkündigung hinaus etwas Weiteres tut, ist für Erdmann vom traditionellen Christentum abgewichen. (Wenn man das zu Ende denkt, dürfte sich ein Christ auch nicht für seine Familie engagieren, da die eine soziale, sichtbare Größe und kein unsichtbares Reich Gottes darstellt.)


Wenn ich mit der Ausbreitung des Reiches Gottes die Evangeliumsverkündigung meine, die nicht – siehe Matthew Henrys Zitat – mit Gewaltmassnahmen durchgeführt werden soll, sondern eben alleine durch das Wort Gottes, dann heisst das doch nicht, dass ich in Bezug auf das Reich Gottes „vor allem auch alles Sichtbare ausschliesse“. Ganz im Gegenteil, die unsichtbare Herrschaft Jesu manifestiert sich in der sichtbaren christlichen Gemeinde, der Versammlung der lebenden und damit sehr wohl sichtbaren Gläubigen, und in der sehr konkreten, also mit den Sinnen wahrnehmbaren, Verkündigung des Evangeliums. Als Gläubige, die vom unsichtbaren Geist Gottes geleitet werden, stehen wir natürlich mitten in der Welt und sorgen uns für das Wohlergehen unserer Familien und engagieren uns im sozialen Umfeld. Mein Argument richtet sich gegen die Meinung, dass man als Christ von Gott beauftragt sei, die weltweite Ausbreitung eines sichtbaren Reiches Gottes mit politischer Macht herbeiführen zu müssen, bevor Jesus wiederkommen kann. Diese Sicht eines sichtbaren, sprich politischen, Reiches Gottes in der jetzigen Zeit der Gnade, das weit über den klar umgrenzten und durchaus sichtbaren Bereich der christlichen Gemeinde weltweit hinausgeht, erachte ich als unbiblisch.

Um es deutlich und unmissverständlich zu sagen: Ich bin kein Dispensationalist. Das weiss Schirrmacher und viele andere schon seit über zehn Jahren. Die Tatsache, dass ich mich als calvinistischer Baptist in der Öffentlichkeit schon zu einer Zeit exponiert habe, als der „Calvinismus“ (im Gewande des Neün Calvinismus) noch nicht in so vielen Gemeinden populär war wie heute, hat mir mehr Unannehmlichkeiten eingebracht als irgendetwas anderes. Wie damals bekenne ich mich zu dieser Theologie und das bedeutet, zumindest für mich, dass ich mich auch klar vom Neün Calvinismus eines John Piper, D. A. Carson, Tim Keller etc. distanzierte. Einer der Hauptgründe ist schnell genannt: Der Neü Calvinismus steht in entscheidenden Punkten antithetisch zu dem Calvinismus eines Baptisten wie Charles Haddon Spurgeon oder John Bunyan, mit dem ich mich theologisch identifizieren kann. Es gibt kein expliziter Hinweis im Buch „Der Griff zur Macht“, dass ich meine baptistisch-calvinistische Theologie revidiert habe. Wenn jemand, wie Schirrmacher, mir unterschieben möchte, dass es so sei, dann entspricht dies nicht den Tatsachen. Ich meine, aus dem Text des Buches geht deutlich hervor, wie ich das Reich Gottes definiere und von der Bibel her belege. Wenn meine Definition Gemeinsamkeiten mit der von John Nelson Darby hat, dann nur deshalb, weil er die gleiche Bibel las wie ich. Aber ich berufe mich nicht auf ihn, sondern auf die Bibel und auf eine 1706 veröffentlichte Aussage des für seine reformierte Theologie bekannten Matthew Henry. Auch er las die gleiche Bibel wie ich. Und wenn die heutigen Dispensationalisten weitläufig diese Sicht vom geistlichen Reich Gottes in der Zeit der Gnade (d.h. die Gemeinde Jesu) nicht mehr teilen, dann kann ich gleich zweimal nicht Dispensationalist sein. Aber es sollte mir gestattet sein, mein Bedaürn über diese Entwicklung, die Schirrmacher positiv wertet, zum Ausdruck zu bringen. Somit steht Schirrmacher selbst dem heutigen Dispensationalismus weit näher als ich es tü. Auch wenn er selbst keiner ist, so besteht das Verbindende in der Befürwortung einer postmillennialistischen Theonomie, die ich ablehne. Dass Schirrmacher sich darüber ärgert, ist einsichtig. Mich aber dann in die dispensationalistische Ecke eines Darbys zu stellen, entbehrt jeglicher Grundlage in den im Buch dargelegten Fakten.

Martin Erdmann
"Der Prophet, der einen Traum hat, erzähle den Traum! Wer aber mein Wort hat, rede mein Wort in Wahrheit! Was hat das Stroh mit dem Korn gemeinsam? spricht der HERR." (Jer 23,28)
Lasst uns bei dem bleiben, was geschrieben steht! Sola Scriptura!

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