Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Beitragvon Joschie » 17.07.2009 09:18

Hallo Ihr!
Ich möchte hier nach und nach Schriften von Johannes Calvin reinstellen. Ich würde mich freuen wenn auch andere Nutzer, welche reinstellen würden und wir uns darüber austauschen.
Liebe Grüße Joschie!
Zuletzt geändert von Joschie am 18.07.2009 17:03, insgesamt 3-mal geändert.
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Andacht über Kolosser 1,24

Beitragvon Joschie » 17.07.2009 09:20

Andacht über Kolosser 1,24
Calvin, Jean

Kol 1,24

„Und erstatte“… usw.

Damit gibt Paulus den Grund an, weshalb er sich im Leiden freut: nämlich, weil er darin ein Genosse Christi ist. Nichts seligeres aber kann man wünschen, als diese Gemeinschaft mit Christo (vgl. Röm. 8,17f). Zugleich spricht er damit den für alle Frommen gültigen Trost aus, dass sie in allen Trübsalen, zumal wenn sie um des Evangeliums willen leiden, teilhaftig sind des Kreuzes Christi, auf dass sie auch an der seligen Auferstehung teil haben. Ja, er versichert sogar, dass auf diese Weise voll gemacht werde, was an Trübsalen Christi noch fehle. Denn so heisst es Röm 8,29: „Welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohnes, auf dass derselbige der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.“ Auch wissen wir, dass zwischen dem Haupte und seinen Gliedern eine solche Einheit besteht, dass der name „Christus“ zuweilen den ganzen Leib umfasst. So beschliesst Paulus 1. Kor. 12,12 seine Rede von der Gemeinde damit, es sei bei Christus, d.h. aber in Christi Gemeinde ebenso, wie beim menschlichen Leibe. Wie also Christus einmal gelitten hat in seiner eigenen Person, so leidet er nun täglich in seinen Gliedern, und so wird das Maß der Leiden voll gemacht, welches der Vater dem Leibe Christi nach seinem Ratschluss verordnet hat.

Eine zweite Erwägung, welche unsere Herzen in den Trübsalen stärken und trösten soll, ist diese: durch Gottes Vorsehung ist es also verordnet und bestimmt, dass wir durch Erduldung des Kreuzes Christo gleichgestaltet werden und dass unsere Vereinigung mit ihm sich auch hierauf erstreckt.

Als dritten Grund seiner Freude fügt Paulus hinzu, seine Leiden seien segensreich nicht nur für wenige, sondern für die ganze Gemeinde. Vorher hatte er gesagt, er leide für die Kolosser, jetzt aber dehnt er dies weiter dahin aus: die Frucht seiner Leiden komme der ganzen Gemeinde zu gut. Welche Frucht gemeint ist, zeigt Phil. 1,12. Das ist die einfachste und nächstliegende Erklärung. Paulus ist darum in seinen Verfolgungen fröhlich, weil er dafür hält (2. Kor. 4,10): wir müssen „das Sterben des Herrn Jesu an unserem Leibe umhertragen, auf das auch das Leben Jesu an unserm sterblichen Fleische offenbar werde“. Ebenso schreibt er 2. Tim. 3,11: „dulden wir mit - mit Christo -, so werden wir mit herrschen; sterben wir mit, so werden wir mit leben.“ Der Ausgang wird also glücklich und herrlich sein. Wir dürfen uns freilich nicht der Bedingung entziehen, welche Gott seiner Gemeinde als den einzigen Weg zu diesem Ziele verordnet hat: Christi Glieder müssen innerlich mit ihrem Haupte zusammenstimmen. Darum sollen wir die Trübsale gern erdulden, weil sie allen Frommen nützlich sind und das Heil der ganzen Gemeinde fördern, indem sie die Lehre des Evangeliums verherrlichen. -

Die römische Lehre missbraucht unsere Stelle, wenn sie derselben einen Beweis für die Ablasskraft des Blutes der Heiligen entnimmt. Man legt den Finger darauf, dass Paulus in seinen Trübsalen Sühneleiden sah, welche Christi Versöhnungswerk ergänzen sollen. Aber von dergleichen genugtuenden Leistungen ist hier nicht die Rede, sondern einfach davon, dass die Trübsale der Gläubigen, welche die Glieder ihrem Haupte ähnlich machen, den ganzen Leib der Gemeinde seiner Vollendung entgegenführen müssen. Dass jemand für die Gemeinde leidet, kann man in demselben Sinne sagen, als dass jemand für seine Brüder stirbt, wobei doch der Gedanke an eine Sühne zur Vergebung der Sünden ganz fernliegt. Und dass unser Wort in keinem anderen Sinne gemeint ist, ergibt der Zusammenhang. Fährt doch Paulus alsbald fort (V. 25), dass er ein Diener der Gemeinde geworden ist nach dem göttlichen Predigtamt, also nach seinem besonderen, ihm von Gott übertragenen Beruf. Dieser Beruf war aber nicht, die Gemeinde zu erlösen, sondern sie zu erbauen. In diesem Berufe hat Paulus, wie er an Timotheus schreibt (2. Tim. 2,10), um der Auserwählen willen alles erduldet, damit sie die Seligkeit erlangen möchten. Ähnlich heisst es auch 2. Kor. 1,4, dass der Apostel alles gern erdulde zur Tröstung und zum Heil seiner Gemeinde.
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Von der ewigen Erwählung

Beitragvon Joschie » 17.07.2009 18:52

Von der ewigen Erwählung
Calvin, Jean

Von der ewigen Erwählung, kraft deren Gott die einen zum Heil, die anderen zum Verderben vorbestimmt hat.
Notwendigkeit und Segenswirkung der Erwählungslehre
Nun wird aber der Bund des Lebens nicht gleichermaßen bei allen Menschen gepredigt, und er findet auch bei denen, die seine Predigt zu hören bekommen, nicht gleichermaßen und fortwährend den gleichen Platz. In dieser Verschiedenheit tritt die wundersame Hoheit des göttlichen Gerichts zutage. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, daß auch diese Verschiedenartigkeit dem Urteil der ewigen Erwählung Gottes dient. Ist es nun aber offenkundig, daß es durch Gottes Wink geschieht, wenn den einen das Heil ohne ihr Zutun angeboten wird, den anderen dagegen der Zugang zu diesem Heil verschlossen bleibt, - so erheben sich hier gleich große und schwere Fragen, die nicht anders zu lösen sind, als wenn die Frommen innerlich klar erfaßt haben, was sie von der Erwählung und Vorbestimmung wissen müssen. Wahrlich, - wie es vielen scheint! - eine verwickelte Frage: man meint, es sei doch nichts weniger sinnvoll, als daß aus der allgemeinen Schar der Menschen die einen zum Heil, die anderen aber zum Verderben vorbestimmt sein sollten! Wie ungeschickt sich aber die Menschen, die dergleichen Meinungen haben, selbst Schwierigkeiten bereiten, das wird gleich aus dem Zusammenhang deutlich werden.

Man muß auch bedenken, daß gerade in dieser Dunkelheit, die sie erschreckt, nicht nur der Nutzen dieser Lehre, sondern auch ihre über die Maßen süße Frucht zutage tritt. Wir werden nie und nimmer so klar, wie es sein sollte, zu der Überzeugung gelangen, daß unser Heil aus dem Brunnquell der unverdienten Barmherzigkeit Gottes herfließt, ehe uns nicht Gottes ewige Erwählung kundgeworden ist; denn diese verherrlicht Gottes Gnade durch die Ungleichheit, daß er ja nicht unterschiedslos alle Menschen zur Hoffnung auf die Seligkeit als Kinder annimmt, sondern den einen schenkt, was er den anderen verweigert. Wie sehr die Unkenntnis dieses Grundsatzes Gottes Ehre mindert, und wie sehr sie der wahren Demut Abbruch tut, das liegt auf der Hand. Nun kann aber nach Paulus diese Tatsache, die zu erkennen so hoch vonnöten ist, gar nicht begriffen werden, wenn nicht Gott unter Beiseitelassen jeder Rücksicht auf die Werke die Menschen erwählt, die er bei sich zu erwählen beschlossen hat! „In dieser Zeit“, sagt er, „werden die Übrigen selig werden nach der Wahl der Gnade. Ist's aber aus Gnaden, so ist's nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein. Ist's aber aus den Werken, so eben nicht aus Gnaden; sonst wäre Werk nicht Werk!“ (Röm. 11, 5. 6). Wir müssen also auf den Ursprung der Erwählung zurückverwiesen werden, damit es feststeht, daß uns das Heil von nirgendwo anders her, als allein aus reiner Freundlichkeit Gottes zuteil wird; wer das nun also auslöschen will, der verdunkelt, soweit es in seiner Macht steht, in Bosheit, was doch gewaltig und mit vollem Munde gerühmt werden sollte, ja, er reißt auch die Wurzel der Demut aus! Paulus bezeugt deutlich: wo das Heil des übrigbleibenden Volkes der „Wahl der Gnade“ zugeschrieben wird, da wird erst erkannt, daß Gott aus reinem Wohlgefallen selig macht, welche er will, daß er aber nicht etwa Lohn austeilt, den er ja nicht schuldig sein kann. Wer nun die Tore verschließt, so daß keiner es wagt, an einen Geschmack von dieser Lehre zu kommen, der tut den Menschen nicht weniger Unrecht als Gott; denn es gibt nichts anderes, das uns so nach Gebühr zu demütigen vermöchte - und wir werden dann auch nicht von Herzen empfinden, wie sehr wir Gott verpflichtet sind! Auch finden wir doch anderswo keine Stütze zu getroster Zuversicht. So lehrt es Christus selber: um uns mitten in soviel Gefahren, soviel Nachstellungen und tödlichen Kämpfen von aller Furcht zu befreien und unbesieglich zu machen, verheißt er, daß alles, was er von seinem Vater in Obhut empfangen hat, unversehrt bleiben soll (Joh. 10, 28. 29). Daraus schließen wir: wer nicht weiß, daß er Gottes besonderes Eigentum ist, der muß jämmerlich daran sein und aus dem Zittern nicht herauskommen. Die Leute also, die diesen dreifachen Nutzen, von dem wir sprachen (Gewißheit, Demut, Dankbarkeit), blind übersehen und auf diese Weise das Fundament unseres Heils gern aufheben möchten, die tun also sich selbst und allen Gläubigen einen sehr schlechten Dienst! Was will man denn dazu sagen, daß doch auf diesem Grunde die Kirche sich erhebt, die man sonst, wie Bernhard richtig lehrt, gar nicht auffinden, auch nicht unter den Kreaturen wahrnehmen könnte? Denn sie liegt auf wundersame Weise einerseits im Schoß der seligen Vorbestimmung, andererseits in der Masse der elenden Verdammnis verborgen! (Bernhard von Clairvaux, Predigten zum Hohen Liede, 78).

Die erste Gefahr: der Vorwitz!
Bevor ich nun an die Sache selbst herangehe, muß ich zunächst mit zweierlei Menschen ein zwiefaches Vorgespräch halten.

Die Erörterung über die Vorbestimmung ist zwar an sich schon einigermaßen verzwickt; aber der Vorwitz der Menschen macht sie erst recht verwickelt und geradezu gefährlich. Er läßt sich durch keinerlei Riegel davon abbringen, sich auf verbotene Abwege zu verlaufen und über sich hinaus in die Höhe zu dringen; wenn es möglich ist, so läßt er Gott kein Geheimnis übrig, das er nicht durchforscht und durchwühlt. Wir sehen, wie viele Menschen immer wieder in diese Vermessenheit und Schamlosigkeit geraten, auch solche, die sonst nicht übel sind; es ist also an der Zeit, sie darauf aufmerksam zu machen, was in diesem Stück ihre Pflicht ist.

Zunächst sollen sie sich daran erinnern, daß sie mit ihrem Forschen nach der Vorbestimmung in die heiligen Geheimnisse der göttlichen Weisheit eindringen; wer nun hier ohne Scheu und vermessen einbricht, der erlangt nichts, womit er seinen Vorwitz befriedigen könnte, und er tritt in einen Irrgarten, aus dem er keinen Ausgang finden wird! Denn es ist nicht billig, daß der Mensch ungestraft durchforscht, was nach des Herrn Willen in ihm selber verborgen bleiben soll, und daß er die Hoheit seiner Weisheit, die er angebetet und nicht begriffen wissen wollte und um deretwillen er uns ja eben wunderbar sein will, geradezu von der Ewigkeit her durchwühlt. Die Geheimnisse seines Willens, die er uns kundzumachen für gut erachtete, die hat er uns durch sein Wort vor Augen gestellt. Er hat das aber soweit für gut erachtet, als es nach seiner Vorsehung zu unserem Besten dient und uns nützlich ist.

„Wir sind auf dem Wege des Glaubens gekommen“, sagt Augustin, „so wollen wir auch beständig auf ihm bleiben! Er führt uns zur Kammer des Königs, in der alle Schätze der Erkenntnis und der Weisheit verborgen liegen. Denn es war nicht etwa Mißgunst, die den Herrn Christus gegenüber seinen Jüngern, die doch groß und besonders auserwählt waren, bewegte, als er zu ihnen sprach: ‚Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen' (Joh. 16, 12). Wir müssen in Bewegung sein, wir müssen weiterschreiten, wir müssen wachsen, damit unsere Herzen fähig werden, das zu fassen, was wir jetzt noch nicht aufnehmen können! Wenn uns der jüngste Tag fortschreitend antrifft, so werden wir da lernen, was wir hier nicht zu lernen vermögen!“ (Predigten zum Johannesevangelium, 53). Wenn bei uns der Gedanke gilt, daß das Wort des Herrn der einzige Weg ist, der uns zur Erforschung dessen führt, was uns von ihm zu wissen gebührt, daß es das einzige Licht ist, das uns voranleuchtet, damit wir sehen, was wir von ihm erschauen sollen, - dann wird er uns mit Leichtigkeit vor allem Vorwitz bewahren und zurückhalten. Wir werden dann nämlich wissen, daß unser Lauf, sobald wir die Grenzen des Wortes überschreiten, vom Wege abführt und in der Finsternis verläuft - und daß wir da notwendig in die Irre gehen, fallen und immer wieder anstoßen müssen! Deshalb wollen wir uns zuerst vor Augen halten: eine andere Erkenntnis der Vorbestimmung zu erstreben als die, welche uns im Worte Gottes entfaltet wird, das ist ebenso wahnwitzig, wie wenn einer weglos schreiten oder im Finstern sehen wollte. Auch sollen wir uns nicht schämen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt! Nein, wir wollen vielmehr gern davon Abstand nehmen, nach einem Wissen zu forschen, nach dem zu haschen töricht wie gefährlich, ja, geradezu verderblich ist! Wenn uns aber der Übermut unseres Wesens kitzelt, dann wird es von Nutzen sein, ihm stets zu seiner Dämpfung das Wort entgegenzuhalten: „Wer zuviel Honig ißt, dem ist's nicht gut, und das Forschen nach Ruhm wird den Vorwitzigen nicht zum Ruhm gereichen!“ (Spr. 25, 27). Denn es besteht aller Grund, daß wir von einer Vermessenheit abgeschreckt werden, die nichts anderes vermag, als uns ins Verderben zu stürzen!

Die zweite Gefahr: das ängstliche Schweigen von der Erwählungslehre!
Dagegen gibt es andere, die dies Übel heilen wollen und zu diesem Zweck beinahe jede Erwähnung der Vorbestimmung zu begraben gebieten; ja, sie lehren, man solle sich vor jeder Frage nach ihr wie vor einer Klippe hüten! Nun ist das Maßhalten dieser Leute mit Recht zu loben, insofern sie der Ansicht sind, man solle die Geheimnisse mit solcher Bescheidenheit erwägen. Aber sie bleiben doch gar zu sehr hinter dem rechten Maß zurück, und deshalb richten sie bei der menschlichen Art wenig aus; denn diese läßt sich nicht so blindlings in Schranken weisen. Um also auch in diesem Stück die rechte Begrenzung innezuhalten, müssen wir auf das Wort des Herrn zurückgehen, an dem wir eine sichere Richtschnur des Erkennens haben. Denn die Schrift ist die Schule des Heiligen Geistes, und in ihr wird nichts übergangen, was zu wissen notwendig oder nützlich ist, es wird aber auch ebenso nichts gelehrt, als was zu wissen förderlich ist! Was nun auch in der Schrift über die Vorbestimmung gelehrt wird, - wir müssen uns hüten, die Gläubigen davon fernzuhalten, damit wir nicht den Anschein erwecken, als wollten wir sie boshaft um die Wohltat ihres Gottes betrügen oder auch den Heiligen Geist beschuldigen und beschimpfen, er habe Dinge kundgemacht, die man nützlicherweise auf alle Art unterdrücken sollte! Wir wollen, meine ich, dem Christenmenschen erlauben, allen Worten Gottes, die an ihn gerichtet werden, Herz und Ohr zu öffnen, allerdings mit solcher Zurückhaltung, daß, sobald der Herr seinen heiligen Mund schließt, auch der Mensch sich den Weg zum Forschen verschließt! Unsere Bescheidenheit wird dann das richtige Maß haben, wenn wir beim Lernen nicht nur stets Gottes Leitung folgen, sondern auch da, wo er seiner Belehrung ein Ende macht, aufhören, noch etwas wissen zu wollen. Auch ist die Gefahr, die jene Leute fürchten, nicht so groß, daß wir deshalb die Herzen von Gottes Offenbarungsworten abwenden dürften! Es ist (allerdings) ein herrliches Wort des Salomo: „Es ist Gottes Ehre, ein Wort zu verbergen“ (Spr. 25, 2). Aber die Frömmigkeit und auch der gesunde Menschenverstand leiten uns an, diese Stelle nicht unterschiedslos auf alles zu beziehen; wir müssen also eine Unterscheidung aufsuchen, damit nicht unter dem Deckmantel der Zurückhaltung und Bescheidenheit die grobe Unwissenheit unser Wohlgefallen findet! Diese Unterscheidung wird nun von Mose in wenigen Worten klar zum Ausdruck gebracht: „Das Geheimnis gehört unserm Gott; aber dies hat er uns und unseren Kindern offenbart!“ (Deut. 29, 29). Da sehen wir, wie er dem Volke die Beschäftigung mit der Lehre des Gesetzes einzig auf den Grund des himmlischen Willensratschlusses ans Herz legt, weil es eben Gott gefallen hatte, das Gesetz kundzumachen, wie er aber zugleich das nämliche Volk in diese Schranken einschließt, und zwar einzig aus dem Grunde, weil es den Sterblichen nicht gebührt, in Gottes Geheimnisse einzudringen.

Ich gestehe zwar, daß unfromme Menschen bei der Behandlung der Vorbestimmung, ehe man sich versieht, etwas erhaschen, um es zu zerpflücken, übel zu deuten, anzubellen oder zu verspotten. Aber wenn uns die Unverschämtheit solcher Leute schreckt, dann müssen wir von allen hochwichtigen Glaubenslehren schweigen; denn solche Menschen oder ihresgleichen lassen fast keine von ihnen mit ihren Lästerungen unverletzt. Ein widerspenstiger Geist wird ebenso frech losfahren, wenn er hört, daß in Gottes Wesen drei Personen bestehen, wie wenn er vernimmt, daß Gott, als er den Menschen schuf, auch vorausgesehen hat, was in Zukunft mit ihm geschehen werde. Solche Menschen werden auch ihr Gelächter nicht unterlassen, wenn sie gewahr werden, daß erst wenig mehr als fünftausend Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen sind; denn sie werden dann fragen, warum denn Gottes Kraft solange müßig und schlafend gewesen sei! Kurz, man kann nichts vorbringen, was sie nicht mit ihrem Spott angreifen! Wollen wir aber, um diese Lästerungen niederzuhalten, von der Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes schweigen? Wollen wir die Erschaffung der Welt mit Stillschweigen übergehen? Nein, in diesem Stück und auch sonst in allen ist Gottes Wahrheit zu mächtig, als daß sie die Schmähsucht der Gottlosen zu fürchten hätte. So behauptet es auch Augustin gründlich in seinem Werk „Von der Gabe der Beharrung“ (15-20). Wir sehen doch, wie es die falschen Apostel nicht fertiggebracht haben, den Apostel durch Verleumdung und Beschimpfung seiner wahren Lehre dazu zu bringen, daß er sich ihrer schämte!

Töricht ist es aber auch, wenn man erklärt, diese ganze Erörterung sei auch für fromme Gemüter gefährlich, weil sie den Ermahnungen zuwider sei, den Glauben erschüttere und weil sie das Herz selbst verwirre und ängstige. Augustin verhehlt nicht, daß er es gewohnt war, auf Grund solcher Ursachen beschuldigt zu werden, weil er die Vorbestimmung gar zu frei predige; aber er widerlegt diesen Vorwurf doch vollauf, was ihm ja sehr leicht möglich war (Von der Gabe der Beharrung, 14). Wir wollen dagegen, da hier viele und verschiedenartige Widersinnigkeiten vorgebracht werden, die Widerlegung jeder einzelnen bis an die je passende Stelle aufschieben. Nur dies eine sollte, das möchte ich gerne, bei ihnen allgemein fest stehen bleiben: Was der Herr im Geheimen hat verborgen sein lassen, dem sollen wir nicht nachspüren, was er hat offen an den Tag treten lassen, das sollen wir nicht vernachlässigen, damit wir nicht auf der einen Seite um unserer allzu großen Neugierde, auf der anderen um unserer Undankbarkeit willen verdammt werden! Denn auch das ist ein kluges Wort Augustins: wir könnten der Schrift sicher folgen, weil sie gleichsam nach der Art des Gangs einer Mutter langsam schreite, um unsere Schwachheit nicht hinter sich zu lassen (Von der Genesis V, 3). Wenn aber einige so vorsichtig oder ängstlich sind, daß sie wohl wünschten, die Vorbestimmung sei begraben, damit sie nur ja keine schwächlichen Seelen verwirre, - mit was für einer Farbe wollen sie denn, das möchte ich gar zu gern wissen, ihre Anmaßung zudecken? Denn hintenherum beschuldigen sie Gott törichter Unbedachtheit, als ob er nämlich eine Gefahr, der sie weislich zu begegnen glauben, nicht vorhergesehen hätte! Wer also die Lehre von der Vorbestimmung mit übler Nachrede belastet, der treibt offene Gotteslästerung - als ob Gott nämlich unbesonnen etwas entfallen wäre, was der Kirche Schaden brächte!

Vorbestimmung und Vorherwissen Gottes
Die Vorbestimmung, kraft deren Gott die einen zur Hoffnung auf das Leben als seine Kinder annimmt, die anderen aber dem ewigen Tode überantwortet, wagt keiner, der als fromm gelten will, rundweg zu bestreiten, nein, man verwickelt sie nur in viele Spitzfindigkeiten; vor allem tun das die, welche das Vorherwissen (praescientia) für ihre Ursache erklären. Nun stellen auch wir beides an Gott fest, wir erklären es aber für verkehrt, eines dem anderen unterzuordnen.

Wenn wir Gott das Vorherwissen zuschreiben, so meinen wir damit: alles ist stets vor seinen Augen gewesen und wird es auch allezeit bleiben; für seine Erkenntnis gibt es also nichts Zukünftiges oder Vergangenes, sondern es ist alles gegenwärtig, und zwar so gegenwärtig, daß er es sich nicht bloß auf Grund von bildlichen Gedanken vorstellt, so wie uns die Dinge wieder vorkommen, an die unser Sinn eine Erinnerung bewahrt, - sondern daß er diese Dinge wirklich schaut und gewahrt, als Gegenstände, die vor ihm stehen! Dieses Vorherwissen erstreckt sich nun auf den ganzen Umkreis der Welt und auf alle Kreaturen.

Unter Vorbestimmung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloß, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet. Wie also nun der einzelne zu dem einen oder anderen Zweck geschaffen ist, so - sagen wir - ist er zum Leben oder zum Tode „vorbestimmt“.

Die Erwählung Israels
Diese Vorbestimmung hat nun Gott nicht bloß an den einzelnen Personen bezeugt, sondern er hat ein Beispiel dafür an der gesamten Nachkommenschaft des Abraham gegeben; daraus sollte offenkundig werden, daß es in seinem Ermessen steht, wie die Stellung jedes einzelnen Volkes einmal werden soll. „Als der Allerhöchste die Völker zerteilte und zerstreute die Kinder Adams, … da wurde das Volk Israel sein Teil und die Schnur seines Erbes…“ (Deut. 32, 8. 9). Die Aussonderung ist vor aller Augen: In der Person des Abraham wird wie in einem dürren Stumpf ein einziges Volk besonders erwählt, während die anderen verworfen werden; eine Ursache aber wird nicht sichtbar - abgesehen davon, daß Mose die Nachkommen, um ihnen jeden Anlaß zum Rühmen abzuschneiden, lehrt, sie hätten ihre hervorragende Stellung einzig und allein aus Gottes gnädiger Liebe! Denn er gibt als Grund ihrer Errettung an, „daß er deine Väter geliebt und ihren Samen nach ihnen erwählt hat!“ (Deut. 4, 37). Noch ausdrücklicher finden wir das in einem anderen Kapitel: „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, darum daß euer mehr wäre als alle Völker …, sondern darum, daß er euch geliebt hat …“ (Deut. 7, 7. 8). Mehrmals wiederholt sich bei ihm die gleiche Ermahnung: „Siehe, der Himmel … und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des Herrn, deines Gottes; dennoch hat er allein zu deinen Vätern Lust gehabt, daß er sie liebte, und hat ihren Samen erwählt, … euch!“ (Deut. 10, 14, 15). Ebenso wird ihnen anderwärts die Heiligung zur Vorschrift gemacht, weil sie „erwählt“ seien „zum Volk des Eigentums“ (Deut. 7, 6). Und an anderer Stelle wird wiederum erklärt, Ursache des (dem Volke gewährten) Schutzes sei die Liebe Gottes! (Deut. 23, 5). Das verkündigen auch die Gläubigen mit einer Stimme: „Er erwählt uns unser Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt!“ (Ps. 47, 5). Denn sie schreiben hier alle Gaben, mit denen sie Gott geziert hatte, seiner unverdienten Liebe zu - nicht nur, weil sie wußten, daß sie diese Gaben durch keinerlei Verdienste erworben hatten, sondern auch, weil sie erkannt hatten: nicht einmal der heilige Erzvater war mit solcher Tugend ausgerüstet, daß er damit sich und seinen Nachkommen ein solches Ehrenvorrecht erworben hätte! Um alle Hoffart zu Boden zu stoßen, schilt er auch das Volk, es habe sich nichts dergleichen verdient, weil es doch ein widerspenstiges und halsstarriges Volk sei! (Deut. 9, 6; 9, 24). Die Propheten halten den Juden oft ihre Erwählung zur Schmach und als Vorwurf vor, weil sie ja schändlich von ihr abgefallen waren (z. B. Amos 3, 2).

Wie dem aber nun sei - es sollen doch einmal die vortreten, die Gottes Erwählung an die Würdigkeit der Menschen oder an die Verdienste der Werke binden wollen! Sie sehen doch, daß hier ein einziges Volk allen anderen vorgezogen wird, und sie vernehmen, daß Gott durch keinerlei Rücksicht dazu gebracht worden ist, gegen so wenige und unedle, dazu aber auch böse und ungehorsame Menschen gnädig zu sein! Wollen sie nun mit ihm hadern, weil er einen solchen Beweis seiner Barmherzigkeit hat liefern wollen? Aber sie werden weder mit ihrem lauten Widerspruch sein Werk hindern, noch auch dadurch, daß sie die Steine ihrer Vorwürfe gegen den Himmel schleudern, seine Gerechtigkeit treffen und verletzen! Nein, diese Steine fallen vielmehr auf ihr eigenes Haupt zurück!

Eben auf diesen Grundsatz des aus Gnade mit ihnen geschlossenen Bundes werden die Israeliten zurückverwiesen, wenn es gilt, Gott Dank zu sagen oder auch die Hoffnung für die kommende Zeit aufzurichten. „Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst“, sagt der Prophet, „zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide!“ (Ps. 100, 3). Die verneinende Bemerkung („und nicht wir selbst“), die hinzugesetzt ist, um uns auszuschließen, ist nicht überflüssig; sie sollen eben wissen, daß Gott nicht nur der Geber all der Gaben ist, um derentwillen sie solch hervorragende Stellung genießen, sondern daß er auch die Ursache (sie ihnen zu schenken) aus sich selber genommen hat, weil in ihnen ja nichts solcher Ehre würdig gewesen wäre! Der Prophet gebietet ihnen auch, sich an Gottes reinem Wohlgefallen genügen zu lassen, indem er spricht: „Ihr, der Same Abrahams, seines Knechtes, ihr Kinder Jakobs, seines Auserwählten!“ (Ps. 105, 6). Er zählt weiter Gottes fortwährende Wohltaten als Früchte der Erwählung auf, und nachdem das geschehen ist, kommt er am Ende zu dem Schluß, Gott habe so freigebig an ihnen gehandelt, weil er seines Bundes gedacht habe (Ps. 105, 42). Dieser Lehre entspricht der Gesang der ganzen Kirche: „Deine Recht und das Licht deines Angesichts haben unseren Vätern das Land gegeben; denn du hattest Wohlgefallen an ihnen!“ (Ps. 44, 4; der Anfang ist Inhaltsangabe). Dabei ist zu bemerken: wo das Land erwähnt wird, da ist es ein sichtbares Merkzeichen der verborgenen Aussonderung, in die die Annahme in die Kindschaft eingeschlossen ist. Zu dieser Dankbarkeit ermahnt David das Volk an anderer Stelle: „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ (Ps. 33, 12). Zu fröhlicher Hoffnung aber ermuntert es Samuel: „Gott wird euch nicht verlassen um seines großen Namens willen; denn es hat ihm wohlgefallen, sich euch zum Volk zu erschaffen!“ (1. Sam. 12, 22). Ebenso wappnet sich auf David zum Kampfe, wenn sein Glaube angegriffen wird: „Wohl dem, den du erwählt hast …, daß er wohne in deinen Höfen!“ (Ps. 65, 5).

Weil aber die Erwählung, die in Gott verborgen ist, durch die erste wie die zweite Erlösung, wie auch durch andere zwischendurch geschehene Wohltaten bekräftigt worden ist, so wird bei Jesaja das Wort „Erwählen“ auch darauf übertragen. So hören wir: „Der Herr wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch fürder erwählen“ (Jes. 14, 1). Denn er redet hier von der kommenden Zeit: da wird Gott das übrige Volk, das er dem Anschein nach enterbt hat, wieder sammeln, und Jesaja erklärt dies nun für ein Zeichen der beständigen, gewissen Erwählung, die zugleich dem Anschein nach dahingefallen war. Wenn es dann auch anderwärts heißt: „Ich erwähle dich und verwerfe dich nicht“ (Jes. 41, 9), so rühmt er damit den fortwährenden Gang der herrlichen Freigebigkeit des väterlichen Wohlwollens Gottes. Noch offener redet der Engel bei Sacharja: „Gott wird Jerusalem wieder erwählen“ (Sach. 2, 16); es ist, als hätte er durch solche gar harte Züchtigung Jerusalem verworfen und als wäre die Verbannung eine Unterbrechung der Erwählung gewesen; die Erwählung bleibt aber dennoch unverletzt, wenn auch ihre Kennzeichen nicht immer sichtbar sind!

Die zweite Stufe: Erwählung und Verwerfung einzelner aus Israel
Wir müssen nun weiter zu einer zweiten, enger umgrenzten Stufe der Erwählung kommen, in der nun die mehr besondere Gnade Gottes sichtbar wird: Gott hat nämlich aus dem gleichen Geschlecht Abrahams die einen verworfen, die anderen aber in seiner Kirche belassen und dadurch gezeigt, daß er sie unter seinen Kindern erhalten hat. So hatte Ismael im Anfang die gleiche Stufe wie auch sein Bruder Isaak erlangt; denn durch das Merkzeichen (symbolum) der Beschneidung war in ihm der geistliche Bund nicht minder versiegelt als in seinem Bruder. Trotzdem wird er verstoßen: nach ihm dann auch Esau, und schließlich eine unzählbare Schar und fast ganz Israel! „In Isaak“ wurde (dem Abraham) „der Same“ berufen (Gen. 21, 12) - und die gleiche Berufung dauerte bei Jakob an. Ein gleiches Beispiel hat Gott mit der Verwerfung des Saul gegeben; das wird auch in einem Psalm herrlich gerühmt: „Und er verwarf den Stamm Josephs und erwählte nicht den Stamm Ephraim, sondern erwählte den Stamm Juda ….“ (Ps. 78, 67. 68). Die heilige Geschichte wiederholt das mehrfach, damit in diesem Wechsel das wunderbare Geheimnis der Gnade Gottes desto besser offenbar werde. Ich gebe zu: Ismael, Esau und ihresgleichen fielen durch ihr eigenes Vergehen und ihre eigene Schuld aus der Annahme in die Kindschaft heraus; denn da ist ja die Bedingung zugesetzt, nach der sie Gottes Bund treulich halten sollten; und sie haben diesen Bund tatsächlich treulos verletzt! Aber trotzdem war es doch eine besondere Wohltat Gottes, daß er sich herbeigelassen hatte, sie den anderen Völkern vorzuziehen, wie es auch in einem Psalm heißt: „So tut er keinen Heiden, noch läßt er sie wissen seine Rechte!“ (Ps. 147, 20). Ich habe aber hier nicht ohne Bedacht gesagt, man müsse dabei zwei Stufen beachten. Gott zeigt nämlich bereits durch die Erwählung des ganzen Volkes, daß er in seiner reinen Freundlichkeit an keinerlei Gesetze gebunden, sondern frei ist, so daß man also von ihm keineswegs eine gleichmäßige Verteilung seiner Gnade verlangen kann; gerade die Ungleichheit dieser Verteilung zeigt, daß es sich hier wahrhaftig um eine Gnadentat handelt. Deshalb macht Maleachi Israels Undank so groß, weil es nicht bloß aus dem ganzen Menschengeschlecht auserwählt, sondern auch noch aus dem heiligen Hause (Abrahams) ausgesondert war, und doch Gott, seinen so wohltätigen Vater, treulos und unfromm verachtete. „Ist nicht Esau Jakobs Bruder?“, sagt er, „Und doch habe ich Jakob lieb und hasse Esau …“ (Mal. 1, 2. 3). Gott nimmt hier als zugestanden an, daß schon dadurch, daß beide einem heiligen Vater entstammten, beide Erbgenossen des Bundes und endlich Zweige aus der geheiligten Wurzel waren, die Kinder Jakobs nicht wenig verpflichtet waren, weil Gott sie ja zu solcher Würde angenommen hatte. Da nun aber ihr Vater Jakob, der der Natur nach der Geringere war, unter Verwerfung des Erstgeborenen, des Esau, zum Erben gemacht worden war, so beschuldigt er sie doppelter Undankbarkeit und beklagt sich, daß sie sich auch durch dies doppelte Band nicht haben halten lassen!

Die Erwählung einzelner als wirksame Erwählung
Hiermit ist nun zwar bereits vollauf klar geworden, daß Gott nach seinem verborgenen Ratschluß frei erwählt, welche er will, und daß er die anderen verwirft. Trotzdem ist seine gnädige Erwählung damit erst zur Hälfte deutlich gemacht, ehe wir zu den einzelnen Personen kommen, denen Gott das Heil nicht bloß anbietet, sondern derart versiegelt, daß die Gewißheit seiner Wirkung nicht mehr in der Schwebe oder im Ungewissen bleibt. Diese werden zu dem einigen Samen gerechnet, den Paulus erwähnt (Röm. 9, 8; Gal. 3, 16ff.). Denn die Annahme in die Kindschaft wurde allerdings in Abrahams Hand gelegt; aber von seinen Nachfahren sind viele gleichsam als faule Glieder abgeschnitten worden: soll also die Erwählung wirksam werden, so müssen wir zu dem Haupte emporsteigen, in welchem der himmlische Vater seine Auserwählten unter sich vereint und durch ein unauflösliches Band an sich selber gebunden hat! So ist zwar in der Erwählung des Geschlechts Abrahams Gottes freie Gunst, die er anderen verwehrte, hervorgetreten; aber in den Gliedern Christi leuchtet die Kraft seiner Gnade noch weit glänzender hervor; denn weil sie in ihr Haupt eingefügt ist, deshalb fallen sie nie und nimmer aus dem Heil heraus. Deshalb zieht Paulus aus der oben angeführten Stelle bei Maleachi die Folgerung: wenn Gott den Bund des ewigen Lebens mit einem Volke aufrichtet und es zu sich einlädt, so wirkt sich an einem Teil dieses Volkes noch eine besondere Art von Erwählung aus, so daß er also nicht alle in unterschiedsloser Gnade wirksam erwählt. Wenn es heißt: „Jakob habe ich geliebt“ (Mal. 1, 2), so bezieht sich das auf die gesamte Nachkommenschaft des Erzvaters, die der Prophet hier in einem Gegensatz zu den Nachkommen Esaus stellt. Das hindert aber nicht, daß uns in der Person eines Menschen ein Beispiel der Erwählung vor Augen gestellt ist, die nicht vergehen kann, sondern zu ihrem Ziel kommt! Paulus bemerkt nun nicht umsonst, daß solche Menschen als „die übrigen“ bezeichnet werden; denn die Erfahrung zeigt, daß aus der großen Menge die meisten zu Fall kommen und vergehen, so daß also öfters nur ein kleiner Teil übrigbleibt. Die Ursache dafür, daß die allgemeine Erwählung eines Volkes nicht immer fest und wirksam ist, liegt auf der Hand: wenn Gott mit Menschen einen Bund macht, so schenkt er ihnen nicht gleich den Geist der Wiedergeburt, in dessen Kraft sie bis ans Ende in solchem Bunde beharren können; nein, diese äußere Veränderung ohne die innere Wirksamkeit der Gnade, die stark genug wäre, um sie zu erhalten, ist gewissermaßen ein Mittelding zwischen der (allgemeinen) Verwerfung des Menschengeschlechts und der Erwählung einer geringen Zahl von Frommen. So wird das ganze Volk Israel als Gottes Erbe bezeichnet (Deut. 32, 9; 1. Kön. 8, 51; Ps. 28, 9; 33, 12 …); trotzdem sind viele aus diesem Volke tatsächlich Draußenstehende. Aber Gottes Zusage, er werde dieses Volkes Vater und Erlöser sein, war doch nicht umsonst, und deshalb schaute er mehr seine gnädige Gunst an, als den treulosen Abfall vieler; durch diese war auch seine Wahrheit nicht abgetan; denn, wo er sich einen Rest bewahrte, da zeigte er, daß ihn seine Berufung nicht gereute! Wenn sich Gott nämlich seine Kirche immer wieder eher aus den Kindern Abrahams, als aus den unheiligen Völkern sammelte, so nahm er dabei auf seinen Bund Bedacht: als dieser gerade von der großen Menge verletzt war, da beschränkte er ihn auf wenige, damit er nicht gänzlich dahinfalle! Kurz, diese allgemeine Annahme des Samens Abrahams in die Kindschaft war gewissermaßen ein sichtbares Abbild jener größeren Wohltat, deren Gott einige aus vielen gewürdigt hat. Das ist der Grund, weshalb Paulus so gründlich zwischen dem Samen Abrahams nach dem Fleisch -und dem geistlichen Samen unterscheidet, der nach dem Vorbild des Isaak berufen ist. Nicht, als ob es eine eitle, fruchtlose Sache gewesen wäre, einfach ein Kind Abrahams zu sein - das könnte man nicht aussprechen, ohne damit den Bund verächtlich zu machen! Nein, Gottes unwandelbarer Ratschluß, kraft dessen er sich die vorbestimmt hat, welche er wollte, wurde eben an sich nur in diesen Nachkommen zum Heil wirksam! Bevor sich also aus den Schriftstellen, die ich anführen werde, klar ergibt, was wir hierüber zu denken haben, möchte ich die Leser ermahnen, sich nicht nach irgendeiner Seite hin ein Vorurteil zu bilden.

Zusammenfassende Überschau der Erwählungslehre
Was demnach die Schrift klar zeigt, das sagen wir auch: Gott hat in seinem ewigen und unwandelbaren Ratschluß einmal festgestellt, welche er einst zum Heil annehmen und welcher er andererseits dem Verderben anheimgeben will. Dieser Ratschluß ist, das behaupten wir, hinsichtlich der Erwählten auf Gottes unverdientes Erbarmen begründet, ohne jede Rücksicht auf menschliche Würdigkeit. Den Menschen aber, die er der Verdammnis überantwortet, denen schließt er nach seinem zwar gerechten und unwiderruflichen, aber unbegreiflichen Gericht den Zugang zum Leben zu! Was die Auserwählten betrifft, so halten wir dann aber weiter dafür, daß die Berufung das Zeugnis der Erwählung ist. Ein zweites Merkzeichen zur Bekräftigung der Erwählung ist dann die Rechtfertigung - bis wir endlich zu der Herrlichkeit gelangen, in der die Erfüllung der Erwählung besteht. Wie aber der Herr seine Auserwählten durch die Berufung und Rechtfertigung kenntlich macht, so gibt er den Verworfenen durch ihren Ausschluß von der Erkenntnis seines Namens und der Heiligung seines Geistes wie durch Zeichen bekannt, was für ein Gericht ihrer wartet. Viele Phantasiegebilde, die sich törichte Menschen ersonnen haben, um die Vorbestimmung umzustoßen, werde ich hier übergehen. Denn sie bedürfen keiner Widerlegung, weil sie, gleich wenn sie vorgebracht werden, selbst ihre Unwahrheit vollauf beweisen. Ich werde mich nur bei solchen aufhalten, die entweder unter den Gelehrten Gegenstand eines Streites sind, oder die den Einfältigen Schwierigkeiten machen könnten, oder die die Gottlosigkeit in falschem Schein zum Deckmantel nimmt, um Gottes Gerechtigkeit zu verunglimpfen.

( Johannes Calvin, Institutio, Buch III, Kap. 21 )
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Buße und Glaube

Beitragvon Joschie » 18.07.2009 08:08

Buße und Glaube
Calvin, Jean

Nunmehr gilt es, genauer zu erwägen, wie dieser Glaube beschaffen sein muß, durch welchen die, die zu Kindern Gottes angenommen sind, in den Besitz des Himmelreichs gelangen. Denn es: versteht sich von selbst, daß ein so großes Ding nicht irgendeine Meinung, ja nicht einmal eine Überzeugung ausrichten kann. je schlimmer nun die Täuschungen sind, denen sich heute viele über die Natur des Glaubens hingeben, desto sorgfältiger und genauer müssen wir sein wahres Wesen erforschen, Sehr viele verstehen unter dem Glauben nichts anderes, als eine äußerliche Zustimmung zu den evangelischen Geschichten. Nicht in Unwissenheit, sondern in Erkenntnis besteht der Glaube; und zwar handelt es sich nicht bloß um Erkenntnis Gottes, sondern des göttlichen Willens. Auch macht es uns nicht selig, daß wir bereitwillig als wahr annehmen, was die Kirche zu glauben vorstellt, oder daß wir ihr das Forschen und Denken überlassen, sondern daß wir auf Grund der in Christo vollzogenen Versöhnung Gott als unsern gnädigen Vater erkennen, und daß wir Christus als unsere Gerechtigkeit, Heiligung und unser Leben ergreifen. Durch solche Erkenntnis, nicht durch Unterwerfung unseres Verstandes werden wir den Eintritt ins Himmelreich gewinnen.

Wir haben noch auseinanderzusetzen, daß die Buße aus zwei Stücken besteht, nämlich aus der Abtötung des Fleisches und der Erneuerung durch den Geist. Das drücken die Propheten in Rücksicht auf das fleischliche Verständnis des Volkes schlicht und einfach, aber doch deutlich aus: laß ab vom Bösen und tue Gutes. Denn wenn sie das Volk vor der Bosheit warnen, so wollen sie dem Fleisch das von Bosheit und Verkehrtheit erfüllt ist. ganz und gar den Todesstoß versetzen. Welch ein schweres und unerschwingliches Ding, daß wir uns selbst ausziehen und die angeborene Art fahren lassen sollen Denn erst dann ist das Fleisch wahrhaft getötet, wenn alles ausgetilgt ward, was wir von uns selbst haben. Weil die ganze Sinnesrichtung des Fleisches Feindschaft wider Gott ist, so ist der erste Schritt zum Gehorsam gegen Gottes Gesetz die Verleugnung unserer Natur, Darnach wachsen die Früchte, an denen man die Erneuerung erkennt: Gerechtigkeit, Gericht und Barmherzigkeit. Denn eine pünktliche Befolgung solcher äußeren Pflichten wäre nicht genug, wenn nicht Gemüt und Herz vorher Gerechtigkeit, Urteil und Gnade erworben haben. Dies geschieht, wenn Gottes Geist uns mit seiner Heiligkeit durchströmt und uns neue Gedanken und Triebe eingibt.

Die hiermit beschriebene Abtötung und Erneuerung gewinnen wir kraft der Gemeinschaft Christi. Treten wir wahrhaft in die Gemeinschaft seines Todes, so wird durch seine Kraft der alte .Mensch gekreuzigt, und der Leib der Sünde stirbt, so daß die Verkehrung der alten Natur nicht mehr die Oberhand hat. Stehen wir in der Gemeinschaft seiner Auferstehung, so werden wir durch sie zu einem neuen Leben erweckt, wie es der Gerechtigkeit Gottes entspricht. Ich kann also mit einem ,Wort die Buße als die Wiedergeburt beschreiben, die den Zweck hat, das Bild Gottes in uns wiederherzustellen, welches durch Adams Übertretung beschmutzt und so gut wie ausgetilgt war.
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Über die Schwärmer

Beitragvon Joschie » 19.07.2009 07:41

Über die Schwärmer
Calvin, Jean

Die Schwärmer, welche die Schrift fahren lassen, und nur zu unmittelbarer Offenbarung kommen wollen, zerstören die Grundfesten der Frömmigkeit.
Die Schwärmer berufen sich zu Unrecht auf den Heiligen Geist
Wer die Schrift verwirft und sich dann irgendeinen Weg erträumt, um zu Gott zu kommen, der ist nicht eigentlich dem Irrtum, sondern der Raserei verfallen. So sind neuerdings einige Schwindelköpfe aufgetreten, die sich hochmütig für geisterfüllte Lehrer ausgeben - aber sie verachten alles Lesen der Schrift und machen sich über die Einfalt derer lustig, die nach ihrer Meinung an toten und tötenden Buchstaben hangen. Ich möchte nur fragen, was das denn für ein Geist sei, durch dessen Wehen sie so hoch daherfahren, daß sie die Lehre der Schrift als kindisch und unwesentlich zu verachten sich erkühnen! Sollten sie antworten, das sei Christi Geist, so ist das lächerliche Verblendung. Denn sie werden ja dann doch wohl zugeben, daß die Apostel Christi und die anderen Gläubigen in der Urkirche von keinem anderem Geiste erleuchtet gewesen sind. Aber dieser Geist hat keinen von ihnen die Verachtung des Wortes Gottes gelehrt, sondern sie haben nur größere Verehrung gelernt, wie ihre Schriften deutlich bezeugen. So war es schon vom Propheten Jesaja vorhergesagt. Wenn er nämlich ausspricht: „Mein Geist, der in dir ist, und meine Worte, die ich deinen Mund gelegt habe, sollen nicht von deinem Munde weichen noch von dem Mund deines Samens ewiglich“ (Jes. 59, 21), so bindet er das Volk des Alten Bundes nicht an eine äußerliche Lehre, als ob es noch in den Anfangsgründen steckte, nein, er lehrt, das werde das rechte und volle Heil der neuen Gemeinde unter der Herrschaft Christi sein, daß sie nicht weniger durch das Wort Gottes als durch den Geist regiert würde! Hier wird deutlich, daß jene Windbeutel in schändlichem Frevel auseinanderreißen, was der Prophet zu unverletzlicher Einheit verbunden hat. Man muß hierzu noch beachten, daß Paulus, der doch bis in den dritten Himmel entrückt worden ist, nicht aufhörte, in der Lehre des Gesetzes und der Propheten fortzuschreiten, wie er denn auch den Timotheus, einen Lehrer von so einzigartiger Vorbildlichkeit, zum Festhalten am Lesen der Schrift ermahnt (1.Tim. 4, 13). Und wie denkwürdig ist das Lob, das er der Schrift darbringt, wenn er sagt, sie sei „nützlich zur Lehre, zur Ermahnung, zur Besserung, daß ein Knecht Gottes vollkommen sei . . . .“ (2.Tim. 3, 16)! Was ist es doch für ein teuflischer Wahn, von einer bloß zeitlichen und vorübergehenden Geltung der Schrift zu phantasieren - wo sie doch die Kinder Gottes bis zum äußersten Ziele führt! Auch sollten doch jene Schwärmer angeben, ob sie eigentlich einen anderen Geist empfangen haben als den, den der Herr seinen Jüngern verheißen hat. Ich glaube zwar, daß sie vom tollsten Wahn gequält sind - aber das in Anspruch zu nehmen, so toll werden sie doch nicht sein! Was war aber das für ein Geist, den Christus verhieß? Einer, der „nicht von ihm selber redete“ (Joh. 16, 13), sondern der ihnen lebendig einprägte, was er selbst ihnen durch das Wort übermittelt hatte! Das Amt des Geistes, der uns verheißen ist, besteht also nicht darin, neue und unerhörte Offenbarungen zu erdichten oder eine neue Lehre aufzubringen, durch die wir von der überlieferten Lehre des Evangeliums abkommen müßten - sondern sein Amt ist eben, die Lehre in uns zu versiegeln, die uns im Evangelium ans Herz gelegt wird!

Der Heilige Geist wird an seiner Übereinstimmung mit der Schrift erkannt
Daraus folgt leicht die Erkenntnis: wir müssen das Lesen und Erforschen der Schrift mit Eifer betreiben, wenn wir vom Geiste Gottes Nutzen und Frucht empfangen möchten. So lobt ja auch Petrus den Eifer derer, welche an dem prophetischen Wort festhalten - obwohl man doch hätte meinen können, dies habe nach dem Aufgang des Evangeliums aufgehört! (2.Petr. 1, 19). Wenn uns aber - so merken wir weiter - irgendein Geist, mit Hintansetzung der Weisheit des Wortes Gottes, eine andere Lehre aufbringen will, so steht dieser notwendig und mit Recht unter dem Verdacht des Betrugs und der Lüge! Denn der Teufel kann sich in einen Engel des Lichts verwandeln. Was soll deshalb ein Geist für Autorität bei uns haben, wenn er nicht durch die gewissesten Kennzeichen ausgewiesen ist? Nun gibt uns aber das Wort des Herrn solche Kennzeichen völlig klar an; nur daß jene elenden Menschen, die freiwillig in ihr Unheil rennen, den Geist lieber bei sich selber als bei Gott suchen! Aber sie wenden nun ein, es sei unwürdig, wenn der Geist Gottes, dem doch alles untertan ist, der Schrift unterworfen sei. Als ob es eine Schande für den Heiligen Geist wäre, sich überall gleich zu sein, in allem dauernd mit sich übereinzustimmen und niemals zu wechseln! Würde er nach der Richtschnur von Menschen oder Engeln oder nach sonst einer Regel beurteilt, dann könnte man wirklich sagen, er würde gemeistert oder, wenn man will, geknechtet.

Aber er wird doch nur mit sich selbst verglichen, an sich selbst gemessen - wer kann dann behaupten, ihm widerführe eine Beleidigung? Freilich wird er auf solche Weise einer Prüfung unterworfen - aber doch nur so, wie er selbst seine Majestät unter uns hat bestätigen wollen! Uns muß es genug sein, daß er sich uns offenbart. Aber damit nicht unter seinem Namen der Geist des Satans einschleiche, so will er an seinem Bilde, das er der Schrift aufdrückte, erkannt werden. Er ist der Urheber der Schrift - so kann er nicht wechseln und sich selber ungleich werden! Wie er aber dort einmal sich zeigte, so muß er fort und fort bleiben! Das ist keine Schande für ihn - es sei denn, daß wir etwa meinten, es bringe einem Ehre, von sich selber zu weichen und zu entarten!

Wort und Geist gehören unzertrennlich zusammen
Wenn sie dann lästern, wir seien dem Buchstaben ergeben, der da töte, so kommt darin die Strafe für ihre Verachtung der Schrift schon zum Vorschein. Denn an der Stelle (vom Buchstaben, der da tötet: 2.Kor. 3, 6) streitet Paulus offenkundig gegen falsche Apostel, die das Gesetz ohne Christus lehrten und auf diese Weise dem Volke die Segnung des Neuen Bundes entzogen, in dem der Herr ja nach seiner Verheißung sein Gesetz den Gläubigen ins Innere eingraben und es ihnen ins Herz schreiben will. Da ist freilich der Buchstabe tot, da tötet das Gesetz des Herrn seine Leser, wo man es von Christi Gnade löst und nur mit den Ohren vernimmt, das Herz aber unberührt läßt. Aber wenn es durch den Geist in unsere Herzen kräftig eingedrückt wird, wenn es uns Christum zeigt, dann ist es Wort des Lebens, das die Seelen umwandelt, den Geringen Weisheit gibt usw. So nennt denn der Apostel seine Verkündigung an derselben Stelle das „Amt des Geistes“ (2.Kor. 3, 8), und damit zeigt er: Der Heilige Geist ist mit seiner Wahrheit, die er in der Schrift kundgemacht hat, derart verbunden, daß er erst dann seine Kraft äußert und erweist, wenn man sein Wort mit gebührender Ehrfurcht und Achtung vor seiner Würde aufnimmt. Damit steht es nicht im Widerspruch, wenn wir oben zeigten, daß das Wort selbst uns nicht recht gewiß werden könne ohne die Bekräftigung durch das Zeugnis des Geistes. Denn der Herr hat die Gewißheit seines Wortes und seines Geistes wechselseitig fest verknüpft. So kommt es einerseits erst dann in unserem Herzen zu einer festen Bindung an das Wort, wenn der Geist uns entgegenstrahlt, der uns darin Gottes Antlitz schauen läßt. Und andererseits empfangen wir den Geist ohne alle Furcht vor Täuschung, wenn wir ihn an seinem Bilde, an dem Wort wiedererkennen. So verhält es sich in der Tat. Gott hat uns sein Wort nicht zu flüchtigem Anschauen gegeben, um es dann sogleich durch die Sendung des Geistes abzuschaffen, sondern er sandte denselben Geist, kraft dessen er zuvor das Wort ausgeteilt hatte, um sein Werk durch wirksame Bestätigung seines Wortes zu vollenden. Auf diese Weise öffnete Christus jenen beiden (Emmaus-) Jüngern das Verständnis der Schrift (Luk. 24, 27), nicht damit sie ohne die Schrift aus sich selber klug würden, sondern damit sie die Schrift erkennten. So will auch Paulus die Thessalonicher, wenn er sie ermahnt, den Geist nicht zu dämpfen (1.Thess. 5, 19.20), nicht etwa zu leerem Gedankenspiel, abseits vom Wort, erheben, sondern er fügt sogleich hinzu, sie sollten „die Weissagung nicht verachten“. Damit will er sicherlich andeuten, daß das Licht des Geistes gedämpft wird, wo man die Weissagung verachtet. Was wollen hierzu nun die aufgeblasenen Schwärmer sagen, die allein das für die einzige erhabene Erleuchtung halten, was sie schnarchend erträumt und mit keckem Dünkel aufgegriffen haben, nachdem sie in ihrer Selbstsicherheit Gottes Wort übergangen und ihm Valet gesagt haben? Die Kinder Gottes müssen eine ganz andere Nüchternheit walten lassen. Sie sehen, daß sie ohne Gottes Geist ohne alles Licht bleiben, und darum wissen sie sehr wohl, daß das Wort das Organ ist, durch welches der Herr den Gläubigen die Erleuchtung seines Geistes zuteil werden läßt. Sie kennen keinen anderen Geist als den, der in den Aposteln wohnte und aus ihnen redete, und was er ihnen sagt, das ruft sie immerdar zum Hören des Wortes zurück!

( Joh. Calvin, Institutio, Buch I, Kap. 9 )
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Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis

Beitragvon Joschie » 20.07.2009 07:31

Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis
Calvin, Jean

Gotteserkenntnis ist der Weg zur Selbsterkenntnis. Es steht fest, daß der Mensch niemals eine reine Selbsterkenntnis gewinnen kann, wenn er nicht zuerst dem Herrn ins Angesicht schaut, um von dort aus den Blick auf sich selbst zurück zu lenken. Denn in unserem angeborenen Stolz halten wir uns selbst für gerecht, vollkommen, klug und weise, wenn wir nicht durch offenbare Beweise von unserer Ungerechtigkeit, Befleckung und Torheit und Unreinigkeit uns überzeugen müssen. Wir werden aber davon nicht überzeugt, wenn wir nur auf uns selbst schauen und nicht auch auf Gott, welcher allein der zuverlässige Maßstab unserer Selbstbeurteilung ist. Denn weil wir alle von Natur zur Heuchelei geneigt sind, geben wir uns mit jedem hohlen Schein von Gerechtigkeit schon reichlich zufrieden. Und weil wir um und um mit Schmutz besudelt sind, haltenwir schon für rein, was nur vielleicht etwas weniger schmutzig ist. So hält das Auge, das an lauter schwarze Farbe gewöhnt, vielleicht schon ein schmutziges Grau für weiß. Überhaupt mögen wir aus der Erfahrung unseres leiblichen Auges ableiten, wie schwer wir uns im Urteil über unsere innere Tätigkeit täuschen. Denn so lange wir am hellen Tage nur die Erde anschauen mit allem, was uns umgibt, können wir unsere Sehkraft für scharf und stark halten; sobald wir aber mit geöffnetem Auge in die Sonne blicken wollen, wird die Sehkraft, die auf Erden völlig ausreicht, derart geblendet, daß wir gar nichts mehr sehen; was wir Sehschärfe nennen, erweist sich als Stumpfheit. Genau so geht es uns bei der Betrachtung geistlicher Gaben. So lange wir über das Diesseits nicht hinausblicken, schmeicheln wir uns in der angenehmsten Weise mit unserer Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft, und es fehlt nicht viel, so hielten wir uns für Halbgötter. Fangen wir aber an, unsere Gedanken zu Gott emporzuheben, bedenken wir, wie er beschaffen ist und wir nach seiner vollkommenen Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft gebildet sein sollten, so wird uns bald der Schmutz unserer Ungerechtigkeit anstarren, den wir zuvor für Gerechtigkeit hielten. Was wir als herrliche Weisheit bestaunten, wird uns als äußerste Torheit angrinsen; was den Schein der Kraft an sich trug, wird als jämmerliches Unvermögen offenbar werden. So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was das Vollkommenste an uns zu sein schien.
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Andacht

Beitragvon Joschie » 21.07.2009 08:36

Andacht
Calvin, Jean

Mat 5, 9.
„Selig sind die Friedfertigen.“


Selig sind die Friedfertigen, buchstäblich „die Friedensstifter“. Jesus denkt an solche Menschen, die nicht nur für sich den Frieden lieben und den Streit hassen, sondern auch eifrig suchen, Streitigkeiten unter anderen zu schlichten, überall Frieden zu stiften und Hass und Eifersucht nicht aufkommen zu lassen. Dieses Wort kann uns zur Stärkung dienen: zwischen Streitsüchtigen Frieden herzustellen ist nämlich eine mühselige Sache; wer sich damit beschäftigt, muss die Unannehmlichkeiten tragen, dass man ihn von beiden Seiten mit Scheltworten, Klagen und Beschuldigungen überhäuft, weil jeder nur solche Beschützer haben will, die für ihn Partei ergreifen. Damit wir uns nun nicht an die Gunst der Menschen zu hängen brauchen, befiehlt uns Christus, auf das Urteil seines Vaters zu achten. Er, der Gott des Friedens, zählt uns zu seinen Kindern, wenn wir den Frieden pflegen, auch wenn unser Streben den Menschen nicht gefällt.
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Andacht

Beitragvon Joschie » 22.07.2009 08:24

Mat 5, 28.
„Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren,der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“

Die Absicht Christi ist, jede fleischliche Begierde zu verdammen. Nach seinem Wort sind vor Gott Ehebrecher nicht nur solche, die die Frau des Nächsten mit der Tat schänden, sondern alle, welche ihre Augen durch schamlose Blicke beflecken. Nur machen selbstverständlich nicht die Augen allein den Menschen des Ehebruchs schuldig, sondern ebenso der verborgene Brand des Herzens. Darum heißt uns auch Paulus keusch sein am Leib und am Geist (1Kor 7, 34). Christus wandte sich gegen die damals übliche falsche Auslegung des Gebots, welche meinte, man müsse sich bloß vor der äußeren, ehebrecherischen Handlung hüten.

Weil jedoch die Augen gleichsam die Tür des Herzens sind, durch welche die Begierde eintritt, bediente sich Christus bei seiner Verurteilung der bösen Lust dieser Redeweise. Als Ehebrecher gilt vor Gott, wer der Anreizung zum Ehebruch Raum gewährt, ebensogut wie der andere, der mit Bewusstsein auf Hurerei sinnt. Daraus erkennen wir, wie groß die Heuchelei einer Kirche ist, wenn sie leugnet, dass Lust und Begierde ohne die Zustimmung des Willens Sünde seien. Aber freilich, es ist kein Wunder, dass der Begriff „Sünde“ so eingeschränkt wird. Denn wer die Gerechtigkeit auf das Verdienst der Werke gründen will, muss es in der Beurteilung der Sünde selbstverständlich leicht und oberflächlich nehmen.
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Brief

Beitragvon Joschie » 23.07.2009 08:28

An den König Franz I. von Frankreich.
In Basel ließ Calvin sein Hauptwerk, die Institutio religionis Christianae, erscheinen und schrieb dazu folgende Dedikationsepistel an Franz I.

Verteidigung der Evangelischen und ihres Glaubens.

Dem großmächtigen, durchlauchtigsten Herrscher Franz, allerchristlichstem König der Franzosen, seinem Fürsten und Herrn, wünscht Johannes Calvin Frieden und Heil in Christo.

Als ich zuerst Hand an dieses Werk legte, dachte ich an nichts weniger, erlauchtester König, als daran, etwas zu schreiben, was nachher Ihrer Majestät dargebracht werden sollte. Das allein hatte ich im Sinn, einige Grundbegriffe darzubieten, in denen Alle zu wahrer Frömmigkeit herangebildet werden könnten, die von einem religiösen Sehnen ergriffen sind. Allermeist für unsere Franzosen habe ich mich dabei angestrengt. Dass unter ihnen sehr Viele nach Christo hungern und dürsten, merkte ich, aber nur ganz Wenige sah ich, die auch nur mit geringer Erkenntnis Christi ordentlich getränkt waren. Mein Werk selbst bezeugt, was mein Vorsatz war: denn es ist geschrieben, einfache, ungebildete Leute zu belehren. Da ich aber merkte, wie in Ihrem Reiche die Unvernunft einiger arger Menschen so mächtig wurde, dass kein Raum mehr ist für die gesunde Lehre, da schien es mir der Mühe wert, mit demselben Werke zugleich den einfachen Leuten Unterweisung zu geben und vor Ihnen ein Bekenntnis abzulegen, damit Sie die Lehre kennen lernen, gegen die jene Unvernünftigen in solcher Wut entbrannt sind, dass sie heutzutage mit Feuer und Schwert Ihr Reich in Unruhe bringen. Denn ich scheue mich nicht, zu bekennen, dass ich in diesem Werk geradezu die Hauptsache der Lehre behandle, von der die Feinde schreien, mit Kerker, Acht und Bann, ja mit dem Feuertod sei sie zu bestrafen, zu Wasser und zu Land müsse man sie ausrotten. Ich weiß wohl, im welchen entsetzlichen Anklagen Man Ihr Ohr und Herz erfüllt hat, um Ihnen unsere Sache ganz verhasst zu machen, aber in Ihrer Güte müssen Sie doch erwägen: wenn die Anklage genügt [eine Sache zu verurteilen], so kann weder in Worten noch in Taten irgendwie die Unschuld bestehen. Gewiss, wenn Ihnen jemand, um Sie gegen uns einzunehmen, darlegt, die Lehre, von der ich Ihnen Rechenschaft abzulegen wage, sei ja bereits durch die Stimmen aller Stände verurteilt, durch viele gerichtliche Urteile zu Schanden gemacht, so sagt er damit nichts Anderes, als dass unsere Lehre teils durch die Parteimacht unserer Gegner mit Gewalt niedergeworfen, teils durch Lügen, Ränke und Verleumdung hinterlistig und betrügerisch unterdrückt worden ist. Denn Gewalttat ist es, dass man Bluturteile über unsere Sache fällt, ohne sie zu kennen; Betrug ist es, dass man uns, ohne dass wirs verdienen, verschwörerischer Übeltat beschuldigt. Damit nicht jemand glaube, zu Unrecht beklagten wir uns darüber, so können Sie selbst, edelster König, uns bezeugen, ob nicht täglich vor Ihnen von unserer Sache mit lügenhafter Verleumdung berichtet wird, sie habe kein anderes Ziel, als den Königen das Zepter zu entwinden, alles Recht und Gericht über den Haufen zu werfen, alle ständische und politische Ordnung zu stürzen, Frieden und Ruhe des Volkes zu stören, alle Gesetze aufzuheben, alle Herrschaft und Besitz zu zerstückeln, kurz alles drunter und drüber zu bringen. Und doch hören Sie in der Tat nur das Geringste. Denn entsetzliche Dinge werden unter dem Volk [über unsere Lehre] verbreitet. Wären sie wahr, die ganze Welt müsste mit Recht diese Lehre und ihre Urheber verurteilen als wert des tausendfachen Kreuzes- und Feuertodes. Wer kann sich wundern, dass der Hass der Menge gegen unsere Sache entflammt ist, wo man so feindseliger Anschuldigung glaubt? Das ist der Grund, weshalb man über uns und unsere Lehre Verdammung einmütig denkt und handelt. Von dieser Leidenschaft erfasst, sprechen die Richter die Vorurteile, die sie von Hause mitbrachten, als Urteile aus, und glauben schon dann ihre Pflicht in aller Ordnung getan zu haben, wenn sie niemand aufs Schaffot führen lassen, es sei denn, er sei durch eigenes Bekenntnis oder durch kräftige Zeugenaussagen überführt. Welches Verbrechens überführt? Nun eben, sagen sie, dieser schon im Voraus verdammten Lehre. Und mit welchem Rechte verdammt? Es wäre doch eben das Wesen der Verteidigung, diese Lehre nicht zu verleugnen, sondern sie als die wahre zu erweisen. Aber so wird auch die Möglichkeit, davon auch nur das leiseste Wörtlein zu sagen, uns abgeschnitten.

Daher ists keine unbillige Forderung von mir, dass Sie, unbesiegter König, volle Kenntnis unserer Sache erhalten, die bisher nur verwirrt und ohne alle Rechtsordnung, mehr mit ohnmächtigem heißen Hass als mit dem gesetzlich sich ziemendem Ernste behandelt, oder besser in jeder Weise übertrieben worden ist. Glauben Sie aber nicht, dass ich dabei an die Verteidigung meiner Person allein dächte, um freie Rückkehr ins Vaterland für mich zu erlangen. Wenn ich ihm schon anhänge mit aller einem Menschen ziemenden Liebe, so kann ich es, wie die Verhältnisse jetzt sind, ohne große Beschwerde entbehren. Vielmehr die gemeinsame Sache aller Frommen, ja die Sache Christi selbst führe ich, die in Ihrem Reiche ganz zerrissen und zertreten, wie verloren daliegt, und das weit mehr durch die Tyrannei gewisser Pharisäer als mit Ihrem Wissen. Darzustellen, wie das gekommen ist, nützt nichts; gewiss ist, dass sie darnieder liegt. Denn das haben die Gottlosen erreicht, dass die Wahrheit Christi, wenn sie nicht, vertrieben und zerstreut, hinstirbt, doch wie begraben und unbeachtet bleibt, dass die arme, kleine Kirche entweder durch grausames Morden weggerafft ist, oder in die Verbannung gejagt, oder durch Drohen und Schrecken mutlos gemacht, den Mund nicht mehr aufzutun wagt. Und auch jetzt noch stemmen sie sich mit ihrer gewohnten, unsinnigen Wut fest gegen die schon wankende Mauer und werfen sich noch auf die Trümmer, die ihr Werk sind. Keiner tritt dabei hervor und hält solchem Wüten seine Verteidigung entgegen. Es sei denn, dass Solche, die der Wahrheit besonders günstig scheinen wollen, meinen, man müsse dem unvorsichtigen Irrtum unerfahrener Leute verzeihen. So reden diese bescheidenen Leute; unvorsichtigen Irrtum nennen sie, was sie wohl kennen als die sicherste Wahrheit Gottes; unerfahrene Leute heißen sie die, deren Geist Christo doch nicht so verächtlich gewesen sein muss, da man wohl sieht, dass er diese Leute der Geheimnisse seiner himmlischen Weisheit wert erachtet hat. So sehr schämen sich alle des Evangeliums. Ihre Sache aber ist es, huldreichste königliche Majestät, Ohren und Herz nicht abzuwenden von einer gerechten Verteidigung, besonders da es sich um etwas so Wichtiges handelt, nämlich, wie Gottes Ehre auf Erden unverletzt bleiben soll, wie Gottes Wahrheit ihre Würde behalten soll, wie Christi Reich ihm wohl gefügt und geschützt unter uns bleiben soll. Die Sache ist wert Ihres Gehörs, wert Ihrer Kenntnis, wert Ihres Schiedsspruchs. Wenn wenigstens die Überzeugung einen wahren König ausmacht, dass er sich als Gottes Diener erkennt in der Verwaltung seines Reiches. Denn der ist nicht König, sondern ein Räuber, der nicht zu dem Zweck regiert, dass er damit Gottes Ehre diene. Ferner betrügt sich sehr, wer langes Glück erwartet für sein Reich, wenn es nicht mit Gottes Zepter, d. h. seinem heiligen Wort, regiert wird; da nicht hinfallen wir die göttliche Prophezeiung, in der es heißt: Wenn die Weissagung aus ist, so würde das Volk wild und wüste. (Spr. Sal. 29, 18.) Von dem Bestreben [uns gerecht zu werden], darf Sie die Verachtung unseres geringen persönlichen Wertes nicht abhalten. Wir sind uns freilich wohl bewusst, wie armselige und verworfene Menschlein wir sind: vor Gott arme Sünder, im Ansehen der Menschen ganz verächtlich, wenn man will, der Abschaum und der Auswurf der Welt, oder wenn einen noch geringern Namen findet; so dass nichts bleibt, mit dem wir uns vor Gott rühmen könnten, es sei denn allein seiner Barmherzigkeit, die wir zur Hoffnung unserer ewigen Seligkeit ohne all unser Verdienst erlangt haben; bei den Menschen aber bleibt so wenig an uns (es sei denn an unserer Schwäche), dass es nur anzudeuten schon die höchste Schande ist. Aber unsere Lehre muss über allen Ruhm der Welt erhaben, von keiner Macht übertroffen stehn, weil sie nicht unser ist, sondern des lebendigen Gottes und Christi, den der Vater zum König gemacht hat, dass er herrsche von einem Meer zum andern und von den Flüssen bis an die Enden der Erde. Und so herrscht er auch, dass er die ganze Erde mit eisernem Stab und mit der Kraft seines Erzes, mit dem Glanz seines Goldes und Silbers, mit dem Stab seines Mundes schlägt und zerbricht wie irdene Töpfe, wie von der Herrlichkeit seines Reiches geweissagt haben die Propheten (Dan. 2, 34 ff., Jes. 11, 4, Ps. 29).

Die Gegner geben aber vor, fälschlich nähmen wir Gottes Wort für uns in Anspruch, ja, wir seien seine schlimmsten Verderber. Ob das aber nicht bloß boshafte Verleumdung, sondern sogar unerhörte Unverschämtheit sei, können Sie nach Ihrer Weisheit beim Lesen unseres Bekenntnisses selbst beurteilen. Doch ist ein Weniges auch hier davon zu sagen, was Ihnen zu diesem Lesen den Weg ebnen kann. Paulus, der wollte, dass alle Prophezeiung dem Glauben gemäß sei (Röm. 2, 7), hat damit den allergenauesten Maßstab gegeben, an dem die Auslegung der Schrift gemessen werden soll. Wenn man also nach dieser Norm des Glaubens von uns Rechenschaft fordert, so ist der Sieg in unseren Händen. Denn was passt besser und genauer zum Glauben, als zu erkennen, dass wir aller Tugend bloß seien, damit Gott uns bekleide? leer an allem Guten, damit er uns fülle? wir Knechte der Sünde, damit er uns freimache? wir blind, damit er uns Licht gebe? wir lahm, damit er uns gehen lehre? wir gebrechlich, damit er uns stütze? uns aller Stoff zum Rühmen genommen, damit er allein hoch gerühmt sei und wir uns seiner rühmen? Da wir solches und ähnliches sagen, wenden die Gegner ein und beklagen sich, dadurch würden umgestürzt irgendeine dunkle so genannte natürliche Erleuchtung, erfundene Vorbereitung aufs Gute, freier Wille und zum Seelenheit verdienstliche Werke, samt ihren Überverdienstlichkeiten, weil sie es nicht ertragen können, dass das Lob und der Ruhm alles Guten, aller Tugend, Gerechtigkeit und Weisheit bei Gott allein bleibe. Und doch lesen wir nicht, dass die getadelt werden, die allzu viel aus dem Quell des lebendigen Wassers geschöpft haben, wohl aber werden die hart gescholten, die sich selbst Brunnen gegraben haben, löcherige Brunnen, die kein Wasser halten können (Jer. 2, 13). Wiederum was kann besser zum Glauben stimmen, als sich getrösten, Gott sei unser gnädiger Vater, da wir Christum erkannt haben als Bruder und Versöhner? als alles Heil und Glück fest von dem zu erwarten, dessen unsagbar große Liebe zu uns so weit gegangen ist, dass er seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns dahingegeben (Röm. 8, 32)? als in sicherer Erwartung des Heils und ewigen Lebens Ruhe zu halten, daran denkend, dass uns Christus vom Vater gegeben ist, in dem solche Güter verborgen sind? Da legen sie nun Hand an uns und schreien, solche Glaubenssicherheit sei Anmaßung und Vermessenheit. Aber da wir uns nichts zumessen, Gott aber Alles, werden wir dadurch nicht alles eiteln Selbstruhms beraubt, bloß damit wir lernen, uns Gottes zu rühmen? Was weiter? Gehen Sie, tapferster König, alle Teile unserer Sache durch, und halten sie uns für schlimmer als irgendeine Rotte von Frevlern, wenn Sie nicht deutlich erkennen, dass wir deshalb leiden müssen und geschmähet werden, weil wir unsere Hoffnung gesetzt haben auf den lebendigen Gott (1. Tim. 4, 10); weil wir geglaubt haben, das sei das ewige Leben, erkannt zu haben den einen wahren Gott und den er gesandt hat, Jesum Christum (Joh. 17, 3). Um dieser Hoffnung willen werden die Einen von uns in Fesseln geschlossen, Andere mit Ruten geschlagen, Andere schimpflich durch die Straßen geführt, Andere verbannt, Andere entsetzlich gefoltert, Andere müssen flüchtend entrinnen. Mangel an allen Dingen drückt uns, mit fürchterlichen Bannsprüchen verwünscht man uns; mit Flüchen zerfleischt man uns; auf die unwürdigste Weise behandelt man uns. Blicken Sie auf unsere Gegner (vom Stand der Priester rede ich, auf deren Wink und Urteil hin andere Leute Feindschaft üben wider uns) und rechnen Sie mit mir ein wenig, welcher Eifer diese Leute treibt. Die wahre Religion, wie sie in der Schrift überliefert ist und unter Allen feststehen sollte, nicht zu kennen, zu vernachlässigen, ja zu verachten, das erlauben sie sich und Andern leichthin. Wenig mache es aus, meinen sie, was ein jeder von Gott und Christo halte oder nicht halte, wenn er nur mit dem so genannten im Großen und Ganzen annehmenden Glauben seinen Geist dem Urteil der Kirche unterwerfe. Auch bewegt es sie nicht sehr, wenn Gottes Ehre mit deutlicher Lästerung befleckt wird, wenn nur Niemand einen Finger rührt gegen den Primat des apostolischen Stuhls und die Autorität der heiligen Mutter Kirche. Warum denn führen sie mit solcher Wut und Schärfe den Kampf für die Messe, das Fegefeuer, die Wallfahrten und andere Säckelchen der Art und sagen, es gebe keine reine Frömmigkeit ohne das? um den sozusagen sehr ins Einzelne gehenden Glauben an diese Dinge, da sie doch keins davon aus Gottes Wort beweisen können? Warum? Nur darum weil ihr Gott der Bauch ist, die Küche ihre Religion. Nimmt man ihnen die, so glauben sie, sie seien keine Christen, ja nicht einmal mehr Menschen. Denn wenn auch die Einen üppig in sich schlingen, die Andern aber von magern Brotkrüstlein sich nähren, so leben sie doch aus einem Topf, der ohne jenen Wärmestoff kalt würde, ja ganz einfröre. Daher, so sehr Einer von ihnen um seinen Bauch besorgt ist, so scharf wird er erfunden im Kampf für seinen Glauben. Zu dem Einen streben sie schließlich Alle hin, dass sie ihre Herrschaft vermehrt, ihren Bauch wohl gefüllt erhalten; keiner gibt auch nur das geringste Zeichen wahren Eifers. So hören sie denn nicht auf unsere Lehre anzugreifen, und mit allen möglichen Namen zu beschuldigen und zu beschimpfen, um sie verhasst oder verdächtig zu machen. Neu nennen sie sie und eben erst geboren. Sie tadeln, sie sei zweifelhaft und ungewiss. Sie wünschen Bescheid, mit welchen Wundern sie bekräftigt sei. Sie fragen, ob es recht sei, dass sie die Oberhand bekomme gegen die Übereinstimmung so vieler heiliger Kirchenväter und uralte Gewohnheit. Sie drängen, wir müssten bekennen, unsere Lehre sei schismatisch, da sie gegen die Kirche kämpfe, oder die Kirche müsste tot gewesen sein in den langen Jahrhunderten, in denen man nichts Solches gehört habe. Schließlich sagen sie, es brauche gar nicht so viele Gründe; was unsere Lehre sei, könne man an den Früchten erkennen, da sie ja einen solchen Haufen von Sekten, solche Unruhe und Aufstände, solche Freiheit zu jedem Laster erzeugt habe. Es ist ihnen nämlich überaus leicht, bei der leichtgläubigen unerfahrenen Menge herzufahren über unsere verlassene Sache; hätten wir aber das Gegenrecht, auch einmal zu sprechen, die Schärfe hätte bald ausgetobt, mit der sie gegen uns mit vollen Backen und so frech und straflos schäumen.

1. Zuerst, wenn sie unsere Lehre neu nennen, beleidigen sie Gott schwer, dessen heiliges Wort es nicht verdient hat, der Neuheit beschuldigt zu werden. Dass sie denen aber neu ist, denen auch Christus neu und das Evangelium neu ist, das bezweifle ich gar nicht; wer aber wusste, dass es die Predigt des Paulus war, dass Jesus Christus gestorben ist um unsrer Sünde willen, und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt (Röm. 4, 25), der findet bei uns nichts neues. Dass das so lange unbekannt und begraben war, ist die Schuld der menschlichen Gottlosigkeit; nun da es Gott uns durch seine Güte zurückgibt, sollte es doch von rechtswegen sein hohes Alter geltend machen dürfen.

2. Aus derselben Quelle ihrer Unwissenheit fließt es, wenn sie unsere Lehre für zweifelhaft und ungewiss halten. Das ists ja, worüber sich der Herr durch seine Propheten beklagt; ein Ochse kenne seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber sein Volk kenne ihn nicht (Jes. 1, 3). Aber wenn die, die nun über die Ungewissheit unserer Lehre spotten, einmal ihre Sache mit ihrem Blut und Leben versiegeln müssten, da könnte man sehen, was von ihrer Seite geschähe. Ganz anders aber ist unser Vertrauen [auf unsere Lehre]; das scheut weder die Schrecken des Todes noch sogar Gottes Gericht.

3. Dass man Wunder von uns verlangt, ist unbillig. Denn nicht ein neues Evangelium prägen wir, sondern gerade das alte halten wir fest, dessen Wahrheit zu bezeugen uns alle Wunder dienen, die je Christus und die Apostel getan haben. Allerdings das haben sie vor uns voraus, dass sie ihren Glauben bestätigen können mit fortwährenden Wundern bis auf den heutigen Tag. Oder besser, sie bringen Wunder vor, die einen sonst wohlgeordneten Verstand ins Wanken bringen können, so abgeschmackt und lächerlich oder so eitel und verlogen sind sie. Und doch, auch wenn sie tatsächlich sehr wunderbar wären, dürften sie Gottes Wahrheit gegenüber nichts bedeuten; da ja Gottes Namen überall und immer geheiligt werden soll, ob durch Wunder oder durch natürliche Ordnung der Dinge. Ihr Wunderschwindel hätte vielleicht noch ein besseres Ansehen, wenn uns nicht die Schrift an das Aufhören und den rechten Brauch der Wunder erinnerte. Denn Markus lehrt (16, 20), dass die Zeichen, die die Predigt der Apostel begleiteten, eben nur zur Bestätigung dieser Predigt geschehen sind; ebenso erzählt Lukas: der Herr bezeugte das Wort seiner Gnade und ließ Zeichen und Wunder geschehen durch der Apostel Hände (Ap.Gesch. 14, 3). Ganz ähnlich lautet das Wort des Apostels, das Heil sei nach Verkündigung des Evangeliums bestätigt worden durch das Zeugnis des Herrn mit Zeichen, Wundern und mancherlei Kräften (Hebr. 2, 4). Was wir also hier hören von Siegeln des Evangeliums, dürfen wir das einfach umkehren zur Zerstörung des Glaubens ans Evangelium? Dürfen wir, was zur Versiegelung der Wahrheit bestimmt war, brauchen zur Bestätigung von Lügen? Vielmehr ziemt es sich doch, zuerst die Lehre, von der das Evangelium sagt, sie gehe vor, zu prüfen und zu erforschen; ist die bewährt erfunden, dann erst darf man mit Recht an die Bestätigung durch Wunder glauben. Alle gute Lehre hat aber nach Christi Wort das Kennzeichen, ob sie Gottes oder Menschen Ehre sucht (Joh. 7, 8 und 8, 50). Da Christus das als Bewährung der Lehre angibt, sind die Wunder für nichts zu achten, die anders als zur Verherrlichung des Namens des einen Gottes angeführt werden. Auch müssen wir uns wohl erinnern, dass auch der Satan Wunder tut; wenns auch eher Blendwerke sind, als wahre Kräfte, so sind sie doch der Art, dass sie unvorsichtige, unerfahrene Leute zum Besten haben. Zauberer und Beschwörer sind immer berühmt gewesen durch Wunder; staunen erregende Wunder haben dem Götzendienst Nahrung geboten, und doch ist durch sie für uns weder der Aberglaube der Zauberer noch der Götzendiener bewiesen. Auch haben einst die Donatisten mit dem Sturmbock die Einfalt des Volkes erschüttert, dass sie stark waren in Wundern. Genau dasselbe können wir also unsern Gegnern erwidern, was damals Augustin den Donatisten (Komm. zu Joh. 13), Gott habe uns gegen diese Wundertäter vorsichtig gemacht mit der Weissagung: es werden falsche Propheten aufstehen mit falschen Zeichen und mancherlei Wundern, dass verführet werden in den Irrtum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten (Matth. 24, 24). Und Paulus erinnert daran, dass das Reich des Antichrists kommen werde mit aller Macht, mit Zeichen und lügenhaften Wundern (2. Thess. 2, 9). Aber, wendet man uns ein, diese Wunder sind doch nicht gewirkt von Götzenbildern, noch von Hexenmeistern, noch von falschen Propheten, sondern von Heiligen. Als ob wir nicht wüssten, dass das eben Satans Kunst ist, sich zu verstellen in einen Engel des Lichts (2. Kor. 11, 14). Die Ägypter haben einst dem bei ihnen begrabenen Jeremias mit Opfern und anderen göttlichen Ehren gedient (Hieronymus im Vorwort zu Jer.); haben sie damit nicht einen heiligen Propheten Gottes zum Götzendienst missbraucht? und doch erreichten sie durch solche Verehrung des Prophetengrabes, dass sie Heilung von Schlangenbissen als gerechten Lohn dafür zu empfangen meinten. Was sollen wir dazu sagen? Nichts anderes, als dass das immer Gottes gerechte Strafe war, dass er denen, die die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, kräftige Irrtümer sandte, dass sie glauben der Lüge (2. Thess. 2, 11). Also fehlen uns die Wunder keineswegs, und dazu sichere und keinem Spott unterworfene. Was aber unsere Gegner für sich vorgeben, sind die reinen Blendwerke des Satans, wenn sie das Volk vom wahren Dienste seines Gottes zur Eitelkeit verführen.

4. Außerdem stellen sie uns nur verleumderischer Weise die Kirchenväter entgegen (ich verstehe darunter die Schriftsteller der alten, noch besseren Zeit), als ob diese ihre Gottlosigkeit befürworteten. Wollte man den Kampf mit diesen Autoritäten ausfechten, der Sieg bliebe meistenteils (um mich ganz bescheiden auszudrücken) auf unserer Seite. Aber während von jenen Vätern manches ausgezeichnet und weise gesagt ist (in Manchem ging es allerdings auch ihnen nach Menschenart), so verehren diese frommen (man dürfte sagen) Söhne, nach ihrer Geistesart und der Geschicklichkeit ihres Urteils und Verstandes, bloß die Fehler und Irrtümer der Väter; was diese aber Richtiges sagen, befolgen sie nicht, oder verhehlen und verdrehen es. Man könnte beinahe sagen, ihre einzige Sorge sei, aus dem Gold den Dreck zu lesen. Dann werfen sie uns mit lügenhaftem Geschrei vor, wir seien Verächter und Gegner der Väter. Wir sind aber soweit entfernt davon, sie zu verachten, dass es mir, wenn ich es mir gerade vorgenommen hätte, möglich wäre, ohne Mühe die Mehrzahl unserer heutigen Behauptungen mit Worten der Kirchenväter zu belegen. Aber so sind wir in ihren Schriften zu Hause, dass wir uns dabei stets in Erinnerung halten, (1. Kor. 3, 21 – 23) dass Alles unser ist, uns zu dienen, nicht über uns zu herrschen, wir aber Christi allein, dem wir in Allem ohne Ausnahme gehorchen müssen. Wer nicht diesen Kanon innehält, hat nichts Festes in seiner Religion, da jene heiligen Männer Manches nicht wussten, oft unter sich uneins sind, manchmal sogar sich selbst widersprechen. Man wendet ein, nicht ohne Grund mahne uns Salomo (Spr. 22, 28), die alten Grenzen, die uns unsere Väter gesetzt, nicht zu überschreiten. Aber es gilt doch nicht dieselbe Regel für Ackergrenzen und Glaubensgehorsam, von dem der Vergleich gelten muss: vergiss deines Volkes und deines Vaters Haus (Ps. 45, 11). Wenn sie aber so sehr danach verlangen, die Stelle allegorisch auszulegen, warum wenden sie es dann nicht lieber statt auf beliebige andere Kirchenväter auf die Apostel an, dass es Unrecht sei, die von denen gesetzten Grenzsteine zu verrücken? So hats doch auch Hieronymus ausgelegt, dessen Worte für sie als Richtschnur gelten. Meinetwegen aber, wenn sie wollen, die Grenzlinien der von ihnen als Kirchenväter Angesehenen sollten fest bleiben, warum überschreiten sie selbst denn, so oft es ihnen beliebt, diese Grenzen ganz willkürlich? Von den Kirchenvätern hat einer gesagt, unser Gott esse und trinke nicht und brauche deshalb keine Kelche und Schüsseln; ein Anderer, was heilig sei, trachte nicht nach Gold, noch habe es an Gold Gefallen, noch sei es mit Gold zu erkaufen. Unsere Gegner überschreiten also diese Grenze, wenn sie im Heiligtum solche Freude haben an Gold, Silber, Elfenbein, Marmor, Edelsteinen und Seide, und Gott nicht ordentlich zu dienen glauben, wenn nicht alles von Luxus überfließt. Ein Kirchenvater wars, der gesagt hat, eben deshalb beliebe es ihm, Fleisch zu essen an dem Tag, da Andere fasteten, weil er ein Christ sei. Daher überschreiten sie diese Grenze, wenn sie jede Seele in die Hölle verdammen, die in der Fastenzeit Fleisch gekostet hat. Kirchenväter waren es, von denen einer gesagt hat, ein Mönch, der nicht mit seinen Händen arbeite, sei einem Gewalttätigen gleich; ein anderer, es sei den Mönchen nicht erlaubt, von fremdem Gut zu leben, auch wenn sie fleißig seien zur Betrachtung, zum Gebet, zum Studium. Auch diese Grenze haben sie überschritten, da sie faule, feiste Mönchsbräuche in Häusern der Unzucht ansiedelten, die sich von fremdem Gut mästen. Ein Kirchenvater wars, der gesagt hat, es sei grauenhaft und abscheulich, ein Bild Christi oder irgendeines Heiligen gemalt zu sehen in den Tempeln der Christen. Weit entfernt, sich in diesen Grenzen zu halten, haben sie keinen Winkel von Bildern leer gelassen. Ein anderer Kirchenvater hat geraten, wenn man am Grabe die Liebespflicht gegen die Toten erfüllt habe, sollte man sie ruhen lassen. Diese Grenzen durchbrechen sie, wenn sie unaufhörliche Sorge um die Toten erregen. Von den Kirchenvätern ist einer, der bezeugt, dass beim Abendmahl die Substanz von Brot und Wein dieselbe bleibe und nicht aufhöre, wie im Herrn Christo die Substanz und Natur eines Menschen bleibe neben der göttlichen. So haben also die das Maß überschritten, die angeben, es verschwinde die Substanz von Brot und Wein, sobald die Worte des Herrn verlesen würden, dass sie in Leib und Blut verwandelt würden. Kirchenväter waren es, deren einer befahl, es seien überhaupt vom heiligen Abendmahl Christi auszuschließen Alle, die sich mit dem Genuss unter einerlei Gestalt begnügten und sich der andern enthielten, und ein anderer kämpft tapfer dafür, dass man dem Christenvolk das Blut seines Herrn nicht entziehe, dass doch gemäß seinem eignen Wort befohlen sei, sein Blut auszuteilen. Auch diese Grenzsteine haben sie verrückt, da sie durch ein unverletzliches Gesetz eben das befohlen haben, was jener eine Vater mit Abendmahlsausschluss bestrafen wollte, der andere mit gutem Grund bekämpfte. Ein Kirchenvater war es, der sagte, es sei Anmaßung, über eine ungewisse Frage irgendwie zu entscheiden ohne klare und offene Zeugnisse der Schrift. Diese Grenze haben sie auch vergessen, da sie soviel Satzungen, Regeln, Lehrentscheidungen ohne Gottes Wort aufstellten. Ein Kirchenvater wars, der dem Montanus unter andern Ketzereien vorwarf, dass er zuerst Fastengebote gegeben habe. Auch diese Grenze haben sie weit überschritten, da sie Fasten mit den strengsten Gesetzen feststellen. Ein Kirchenvater war es, der sagte, es sei nicht erlaubt, den Kirchendienern die Ehe zu verbieten, und der den Beischlaf mit der eigenen Frau als Keuschheit pries, und Kirchenväter waren es, die seiner Meinung beipflichteten. Diese Marken haben sie überschritten, da sie ihren Priestern die Ehelosigkeit streng anbefahlen. Ein Kirchenvater war es, der meinte, allein auf Christum müsse man hören, von dem gesagt sei: höret ihn; und man dürfe nicht darauf schauen, was Andere vor uns gesagt oder getan hätten, sondern allein darauf, was Christus als der Erste von Allen befohlen habe. Diese Grenze halten sie aber weder für sich selbst fest, noch wollen sie Andern erlauben, sie festzuhalten, da sie beliebige Leute sich und Andern als Lehrer an Christi statt vorgesetzt haben. Alle Kirchenväter haben einmütig verflucht und einstimmig verabscheut, dass das heilige Gotteswort durch Spitzfindigkeiten der Sophisten befleckt und die Hände der Dialektiker hineingezogen werde. Aber halten sich unsere Gegner in diesen Grenzen, die nichts Anderes tun ihr Leben lang, als mit menschlichen Disputationen und mehr als sophistischem Gezänk die Einfachheit der Schrift zu verwirren und verderben? o dass, wenn jetzt die Kirchenväter auferstünden und hörten das, was diese Leute spekulative Theologie nennen, sie nichts weniger glaubten, als dass von Gott gesprochen werde. Aber weiter als es sich ziemte, ergösse sich unsere Rede, wollte ich prüfen, wie leichtsinnig sie das Joch der Väter, deren gehorsame Söhne sie scheinen wollen, sich vom Halse schütteln. Monate und Jahre würden sicherlich dazu nicht reichen. Und von so heilloser und jammervoller Frechheit sind sie, dass sie es wagen, uns zu tadeln, weil wir die alten Grenzen zu überschreiten kein Bedenken trügen.

5. Aber auch wenn sie uns an den Brauch erinnern, erreichen sie nichts. Denn das größte Unrecht geschähe uns, wenn man immer dem Brauche folgen müsste. Gewiss, wenn die Ansichten der Menschen immer richtig wären, hätte man den Brauch bei den Guten zu suchen. Aber es geht doch oft ganz anders zu. Was man Viele tun sieht, erhält bald das Gewohnheitsrecht. Und es waren kaum jemals die menschlichen Verhältnisse so in Ordnung, dass die Mehrheit das Bessere gewollt hätte. So entstand meistens aus den persönlichen Fehlern vieler Menschen ein allgemeines Irren, oder besser ein gemeinsames Übereinstimmen in den Fehlern. Und das soll nun als Gesetz gelten, wollen die guten Leute! Wer Augen hat, sieht, dass mehr als ein Meer von Übeln ausgetreten ist, dass viele bedenkliche Seuchen in die Menschheit eingedrungen sind, ja dass alles Hals über Kopf geht, so dass man entweder an der Menschheit verzweifeln, oder Hand anlegen, ja vielmehr Gewalt brauchen muss gegen solche Not. Und nun wird das Heilmittel abgelehnt aus keinem andern Grund, als weil wir uns längst an das Schlimme gewöhnt haben. Aber mag in der menschlichen Gesellschaft vielleicht [der Brauch], dieser allgemeine Irrtum seinen Platz haben, im Reiche Gottes darf man nur auf Gottes ewige Wahrheit hören und schauen, der keine Reihe langer Jahre, kein Brauch, keine Übereinkunft vorgezogen werden darf. So lehrte einst Jesaias die Auserwählten Gottes, sie sollten nicht überall Übereinstimmung sagen, wo das Volk sage Übereinstimmung (Jes. 8, 12), d. h. mit der sündhaften Einmütigkeit des Volkes sollten sie nicht übereinstimmen, und sollten sich nicht fürchten wie das Volk und sich nicht grauen lassen, sondern den Herrn der Heerscharen heilig halten, und ihn selbst sollten sie fürchten und scheuen. Nun mögen unsere Gegner, wenn sie wollen, vergangene Jahrhunderte und Beispiele der Gegenwart uns vorhalten; haben wir nur den Herrn der Heerscharen heilig gehalten, so schreckt uns das nicht sehr. Denn ob viele Jahrhunderte einmütig waren zur selben Gottlosigkeit, so ist der noch stark, der da heimsucht die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, oder ob die ganze Welt übereinstimme in demselben Frevelmut, so hat er es durch ein Beispiel gezeigt, was das Ende sei der Menschen, die mit der Menge sich vergehen, als er in der Sintflut das ganze Menschengeschlecht vernichtete und allein den Noah und seine kleine Familie erhielt, der ganz allein durch seinen Glauben die ganze Welt verdammte (Hebr. 11, 7). Schließlich ist ein schlechter Brauch nichts anderes als eine Volkseuche und es gehen nicht weniger daran zu Grund, die mit dem Haufen fallen.

6. Auch mit dem Entweder-Oder bringen sie uns nicht sehr in Bedrängnis, mit dem sie uns zu dem Satz bringen wollen: entweder habe die Kirche eine Zeitlang tot gelegen, oder wir stünden jetzt im Streit mit der Kirche. Gelebt hat ganz sicher die Kirche Christi und wird leben, so lange Christus herrscht zur Rechten des Vaters; denn seine Hand hält sie, sein Schutz ist ihre Verteidigung, seine Kraft erhält sie unversehrt. Denn unzweifelhaft wird er halten, was er einst versprochen hat, er werde bei den Seinen bleiben bis an der Welt Ende (Matth. 28, 20). Gegen die Kirche kämpfen wir auch jetzt nicht; denn den einen Gott und Christum unsern Herrn verehren wir einmütig mit allem Volk der Gläubigen und beten ihn an, wie er immer von allen Frommen angebetet worden ist. Aber unsere Gegner selbst weichen nicht wenig von der Wahrheit ab, wenn sie nichts als Kirche anerkennen, als was sie mit ihren leiblichen Augen sehen, und versuchen, sie mit Grenzen zu umfassen, in die sie sich durchaus nicht einschließen lässt. Um diese Punkte dreht sich unser Streit, dass sie erstens behaupten, die Kirche erscheine stets und sei sichtbar in ihrer äußeren Gestalt, und zweitens, dass sie die Gestalt der Kirche festlegen im römischen Stuhl und der Hierarchie ihrer Bischöfe. Wir dagegen behaupten, die Kirche könne bestehen auch ohne sichtbare Gestalt, und jedenfalls sei ihre wahre Gestalt nicht in jenem Prunk, den sie töricht bewundern, sondern in ganz andern Merkmalen enthalten, nämlich in der reinen Predigt des Wortes Gottes und in gesetzmäßiger Verwaltung der Sakramente. Sie murren, wenn man nicht immer mit dem Finger auf die Kirche deuten kann. Aber wie oft war im Judenvolk die Kirche so verunstaltet, dass kein Schein der wahren mehr sichtbar blieb! Dürfen wir glauben, sie habe in sichtbarer Gestalt gestrahlt, als Elias klagte, er allein sei übrig geblieben? (1. Kön. 19, 14). Und seit der Ankunft Christi, wie lange war sie da verborgen ohne äußere Gestalt? Wie oft war sie seit jener Zeit durch Krieg, Aufruhr, Ketzerei so bedrängt, dass sie nirgends hervorleuchtete? Wenn sie nun in solcher Zeit gelebt hätten, hätten sie da geglaubt, es gebe eine Kirche? Aber Elias durfte hören, übrig geblieben seien siebentausend Männer, die ihre Kniee nicht gebeugt hätten vor Baal. Wir dürfen auch nicht daran zweifeln, dass Christus immer auf Erden geherrscht hat, seit er gen Himmel gefahren ist. Wenn aber sie mit ihren frommen Augen eine erkennbare Gestalt der Kirche hätten suchen wollen, wären sie nicht völlig mutlos geworden? Und Hilarius hat das sogar schon seiner Zeit als den größten Fehler vorgehalten, dass sie, in törichter Bewunderung für die Bischofswürde befangen, die giftige Schlange nicht merkte, die unter dieser Maske sich verbarg. Denn er sagt (gegen Auxentius): An das Eine will ich Euch mahnen; hütet Euch vor dem Antichrist: schlimm ists, dass Euch die Liebe zu Mauern erfasst hat, schlimm, dass Ihr die Kirche Gottes als Dächer und Bauten verehrt, schlimm, dass Ihr in solche Dinge den Friedensnamen einschließt! Ist es da noch unklar, dass in diesen Kirchen der Antichrist sitzen wird? Berge, Wälder, Seen, Kerker und Abgründe sind sicherer davor; denn in solchen haben die Propheten dauernd, oder bloß, um sich zeitweilig zu verbergen, geweissagt. Was anders verehrt die Welt heute an ihren gehörnten Bischöfen, als dass man meint, heilige Vorgesetzte in der Religion seien die Leute, die man eben in berühmten Städten thronen sieht? Ferne sei also so törichte Schätzung! Wir wollen es doch lieber dem Herrn überlassen, dass er, wie er allein weiß, wer die Seinen sind, zuweilen die äußere Erkennbarkeit seiner Kirche den Blicken der Menschen entzieht. Es ist, das gebe ich zu, das eine schreckliche Strafe Gottes auf Erden; aber wenn die Gottlosigkeit der Menschen solches verdient, warum wollen wir uns da der gerechten Vergeltung Gottes entgegenstemmen? So hat der Herr in der vergangenen Jahrhunderten die Undankbarkeit der Menschen vergolten. Denn weil sie seine Wahrheit nicht hören wollten und sein Licht auslöschten, ließ er ihren Sinn blind werden und ließ sie genarrt werden von unsinnigen Lügen und versinken in tiefer Finsternis, so dass die wahre Kirche nicht mehr zu sehen war; unterdessen aber hat er die Seinen, verstreut und versteckt, mitten in Irrtum und Finsternis behütet. Das ist nicht wunderbar, hat er sie doch behüten können sogar in der babylonischen Gefangenschaft und in den Flammen des feurigen Ofens. Dass sie aber die äußere Gestalt der Kirche in ich weiß nicht welchem eiteln Prunke sehen wollen, das will ich als sehr gefährlich in wenigen Worten nur andeuten, nicht ausführen, um nicht meine Beweisführung ins Unermessene schweifen zu lassen. Der Papst, sagen sie, der den apostolischen Stuhl inne hat, und die von ihm als Bischöfe gesalbt und geweiht, oder auch nur mit Inful und Krummstab ausgezeichnet sind, die stellen die Kirche vor und müssen für die Kirche geachtet werden, und deshalb können sie auch nicht irren. Warum das? etwa weil sie Hirten der Kirche sind und dem Herrn geweiht? Aaron und die übrigen Häupter Israels, waren die nicht auch Hirten? Aaron aber und seine Söhne, die schon zu Priestern bestimmt waren, haben doch geirrt, als sie das goldene Kalb machten (2. Mose 32, 5). Warum hätten nach solcher Weise jene vierhundert Propheten die Kirche nicht dargestellt (1. Kön. 22, 11 ff.), die den Ahab anlogen? Aber die Kirche war damals auf Seiten Michas, der allein und verachtet war; doch aus seinem Mund ging die Wahrheit hervor. Trugen nicht den Namen und den Schein der Kirche an sich die Propheten, die alle zusammen gegen Jeremias aufstanden und drohend sich rühmten (Jer. 18, 18): Die Priester können nicht irren im Gesetz, und die Weisen können nicht fehlen mit Raten und die Propheten nicht unrecht lehren. Gegen solch ein Prophetenvolk wurde allein Jeremias gesandt, vom Herrn zu verkünden (Jer. 4, 9), irren würden im Gesetz die Priester, nicht helfen im Rat die Weisen, unrecht lehren die Propheten. Leuchtete nicht in großem Glanz das Konzil, das die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer versammelte, um zu ratschlagen über die Tötung Christi? So sollen sie hingehen, und festhalten an der Maske des äußeren Scheins und damit Christus und alle Propheten Gottes zu Schismatikern machen, die Diener des Satans mögen sie dann erklären als Werkzeuge des heiligen Geistes. Meinen sie es ehrlich, so sollen sie mir in guten Treuen antworten, wo nach ihrer Meinung, in welchem Volk oder Ort die Kirche denn nun besteht, seitdem nach Beschluss des Basler Konzils Papst Eugen verjagt und abgesetzt worden ist und Amadeus an seine Stelle gewählt? Sie können nicht leugnen, und wenn sie sich den Kopf zerbrächen, dass das Konzil hinsichtlich des äußeren Brauchs gesetzmäßig war, und dass es nicht nur von einem, sondern sogar von zwei Päpsten angesagt war. Eugen wurde in diesem Konzil verdammt als Schismatiker und hartnäckiger Aufrührer, samt der ganzen Schar von Kardinälen und Bischöfen, die mit ihm an der Auflösung des Konzils gearbeitet hatten. Später aber, unterstützt durch die Gunst der Fürsten, erhielt er die Papstwürde unversehrt wieder. Die Wahl des Amadeus, geschehen nach aller Ordnung, kraft der Vollmacht einer allgemeinen hochheiligen Synode, ging in Rauch auf, nur dass er selbst mit einem Kardinalshut, wie ein bellender Hund mit einem hingeworfenen Stück Fleisch, zufrieden gestellt wurde. Und aus dem Schoß der [verurteilten] Ketzer und hartnäckigen Rebellen ging hervor, was seitdem dagewesen ist an Päpsten, Kardinälen, Bischöfen, Äbten und Priestern. Da müssen sie doch stutzig werden und stecken bleiben. Welcher Partei sollen sie nun den Namen Kirche geben? Sollen sie leugnen, dass das Konzil ein allgemeines war, dem nichts zur äußerlichen Majestät eines solchen fehlte? Denn durch zwei Bullen feierlich angesagt, unter dem Vorsitz eines Legaten des römischen Stuhl eingeweiht, stets in allen Dingen die Ordnung wohl bewahrend, hat es bis zuletzt auf derselben Würde beharrt. Oder sollen sie gestehen, ein Ketzer sei Eugen mit seinem ganzen Anhang, von dem sie doch selbst Alle ihre Heiligkeit empfangen haben? Also sollen sie die Gestalt der Kirche anders definieren, oder wir werden sie, soviel ihrer sind, für Schismatiker halten, die mit Wissen und Willen von Ketzern sich haben weihen lassen. Wenn es nie vorher hätte erfahren werden können, dass die Kirche nicht an äußern Prunk gebunden ist, so wären sie selbst uns ein ausreichender Beweis, die sich der Welt solange stolz unter dem schönen Namen Kirche vorstellen, da sie doch tödliche Pest für die Kirche waren. Von ihren Sitten will ich gar nicht reden und den traurigen Schandtaten, deren ihr ganzes Leben voll ist. Sie sagen ja selbst, sie seien Pharisäer, auf die man hören müsse, aber die man nicht nachahmen dürfe. Die Lehre, gerade die Lehre, aus der unsere Gegner folgern, was sie sagen, sie seien die Kirche, werden Sie, Majestät, deutlich erkennen als verderblichen Seelenmord, als Brandstiftung, Zerstörung, Verwüstung der Kirche, wenn Sie sich die Muße nehmen, unsere Schrift zu lesen.

7. Schließlich handeln unsere Gegner auch nicht ehrlich, wenn sie böswillig daran erinnern, wie viel Lärm, Aufruhr, Streit die Predigt unserer Lehre mit sich ziehe und welche Früchte sie jetzt in Vielen trage. Denn die Schuld an diesem Übel wird nur mit Unrecht unserer Lehre zur Last gelegt, sie müsste vielmehr der Bosheit Satans zugewälzt werden. Es ist das sozusagen das Schicksal des göttlichen Wortes, dass es nie auftauchen kann, während der Satan dabei ruhig schläft. Ja es ist das sicherste und allergetreuste Merkmal, wodurch unsre Lehre von falschen Lehren unterschieden werden kann, die sich leicht fortpflanzen, da sie von allen Ohren gern angenommen und von der Welt mit Beifall gehört werden. So waren einige Jahrhunderte hindurch, in denen alles in tiefem Dunkel lag, fast alle Sterblichen dem Fürsten dieser Welt ein Spiel und Scherz, und nicht anders als irgendein Sardanapal saß er in tiefem Frieden und tat sich gütlich; was wollte er anders tun als lachen und scherzen, da er so ruhig und unangefochten im Besitz seines Reiches war? Aber da, als das Licht aus der Höhe strahlte und seine Finsternis etwas durchleuchtete, als jener Starke sein Reich in Verwirrung brachte und erschütterte, da fing er an, die bisherige Ruhe abzulegen und griff zu den Waffen. Zuerst rief er Menschen zusammen, durch die er die aufleuchtende Wahrheit mit Gewalt unterdrücken wollte. Als er damit nichts erreichte, wandte er sich zur List. Uneinigkeit und Dogmenzank erregte er durch seine Wiedertäufer, und andere ungeheuerliche Schwindler, um durch sie die Wahrheit zu verdunkeln und endlich ganz auszulöschen. Auch fährt er jetzt fort, sie mit den beiden Waffen anzugreifen, nämlich er sucht den guten Samen mit Gewalt durch Menschenhand auszureißen, und mit seinem Unkraut, soviel er hat, will er ihn durchsetzen, damit er nicht wachse und Frucht bringe. Aber auch das umsonst, wenn wir auf die Warnung des Herrn hören, der uns Satans Künste schon lange aufgedeckt hat, so dass dieser uns nicht unbewehrt überrumpeln kann, weil er uns gegen alle seine Ränke mit starken Schutzwaffen ausgerüstet hat. Übrigens welche Bosheit ist es doch, gegen Gottes Wort selbst Hass zu erregen der Unruhen wegen, die böse Aufrührer, oder der Sekten wegen, die Schwindler dagegen aufgebracht haben. Und doch, neu ist das nicht. Elias wurde gefragt, ob er es nicht sei, der Israel verwirre. Christus galt den Juden als ein Aufrührer. Den Aposteln wurde als Verbrechen vorgeworfen, sie hätten das Volk erregt. Was tun die anders, die heute alle Unruhen, Aufstände, Streitigkeiten, die auf uns einbrechen, uns anrechnen? Was man solchen antworten müsse, lehrt uns Elias: (1. Kön. 18, 17 – 18) dass wir es nicht sind, die Irrtümer säen und Aufruhr erregen, sondern die selbst, die gegen Gottes Kraft ankämpfen. Aber obwohl das allein schon genügend wäre, ihre Frechheit abzuweisen, so muss man doch auch der Dummheit Anderer begegnen, die sich durch solche Angriffe aufregen, verwirren und unsicher machen lassen, wie es nicht selten geschieht. Damit diese nicht durch solche Verwirrung wankend gemacht und aus ihrer Stellung geworfen werden, sollen sie wissen, dass die Apostel zu ihrer Zeit erfuhren, was uns jetzt geschieht. Es gab Ungelehrige und Leichtfertige, die zu ihrer eigenen Verdammnis entstellten, was von Paulus nach Gottes Eingebung geschrieben war, wie Petrus sagt (2. Petr. 3, 16). Es gab Verächter Gottes, die, als sie hörten, die Sünde sei mächtig geworden, damit die Gnade viel mächtiger sei, sofort meinten: So wollen wir in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde. (Röm. 6, 1). Als sie hörten, die Gläubigen stünden nicht mehr unter dem Gesetz, fielen sie sogleich ein: So wollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind. (Röm. 6, 15). Es gab Leute, die den Paulus beschuldigten, er rate zum Bösen. Es drangen viele falsche Apostel nebenein, die Kirchen zu zerstören, die er gebaut hatte. Gewisse Leute predigten das Evangelium nicht lauter, sondern um Hass und Haders willen (Phil. 1, 15) in der bösen Absicht, Trübsal zuzusenden seinen Banden. Anderswo war kein rechter Fortschritt des Evangeliums. Alle suchten das Ihre, nicht, was Jesu Christi war. Andere traten wieder zurück, Hunde die ihr Gespieenes wieder fressen, Schweine, im Kot nach der Schwemme (2. Petr. 2, 22). Die Christen machten die Freiheit im Geist zur Frechheit im Fleisch. Es schlichen sich viele Brüder ein, von denen dann den Frommen Gefahr drohte. Unter den Brüdern selbst entstand mancherlei Zank. Was sollten da die Apostel tun? Etwa für eine Zeitlang das Evangelium verstecken oder besser vergessen? Es verlassen, weil es ihnen erschien als eine Pflanzschule von soviel Zank, Anlass zu soviel Gefahr, Gelegenheit zu soviel Ärgernis? In solchen Fällen kam das ihnen zu Hilfe, dass Christus sei ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses, gesetzt zum Fall und Auferstehen Vieler und zum Zeichen, dem widersprochen wird (Lk. 2, 34). Mit diesem Vertrauen bewehrt gingen sie durch allen Lärm und alle ärgerlichen Spaltungen tapfer vorwärts. Auch uns muss der gleiche Gedanke festhalten, da Paulus bezeugt, das sei stets die Art des Evangeliums, dass es sei ein Geruch des Todes zum Tode denen, die verloren gehen (2. Kor. 2, 16). Freilich, uns ist es eher bestimmt, ein Geruch des Lebens zum Leben zu sein und eine Kraft Gottes, selig zu machen, die daran glauben.

Aber ich wende mich zu Ihnen zurück, königliche Majestät. Mögen die eiteln Angebereien Sie nicht beeinflussen, mit denen unsre Gegner Ihnen die Angst einzujagen versuchen, dies neue Evangelium, wie sie es nennen, trachte und strebe nach nichts Anderem als nach Gelegenheit zu Verschwörung und nach Straflosigkeit für alle Laster. Denn unser Gott ist nicht der Schöpfer des Zwistes, sondern des Friedens, und Gottes Sohn, der gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören, ist nicht ein Diener der Sünde. Auch wir werden ungerecht solches Bestrebens angeklagt, wozu wir nie auch nur dem leisesten Verdacht Anlass gegeben haben. Nämlich als ob wir auf den Untergang des Königreichs bedacht wären; nie ist bei uns ein aufrührerisches Wort gehört worden. Unser immer ruhiges und einfaches Leben ist bekannt, da wir unter Ihren Augen gelebt haben und auch jetzt, von unsrer Heimat verbannt, doch nicht aufhören, Ihnen und Ihrem Reiche alles Gute zu wünschen. Als ob wir straflose Freiheit zu allen Lastern beanspruchten! Wenn auch an unsern Sitten noch Manches zu tadeln ist, so ist doch nichts, das solche Beschimpfung verdient. Wir haben doch durch Gottes Gnade nicht so geringe Fortschritte im Evangelium gemacht, dass nicht unser Leben unsern Verleumdern ein Beispiel sein könnte der Keuschheit, der Güte, des Mitleids, der Selbstbeherrschung, der Geduld, der Bescheidenheit und jeder beliebigen Tugend. Dass wir Gott ehrlich fürchten und ehren, ist offenbar durch die Tatsache, dass wir im Leben und Sterben seinen Namen heiligen wollen, und selbst der Neid muss Einigen von uns das Zeugnis der Unschuld und der bürgerlichen Unbescholtenheit geben, an denen mit dem Tod bestraft wurde, was gerade zu ihrem besondern Lob gereichte. Gibt es solche, die unter dem Vorwand des Evangeliums Aufruhr erregen (freilich sind Leute der Art bisher in Ihrem Reiche nicht erfunden worden), gibt es solche, die als Vorwand für die Frechheit ihrer Laster die Freiheit der Gnade Gottes brauchen (deren weiß ich viele), so gibt es Gesetze und gesetzliche Strafen, sie nach Verdienst schwer zu züchtigen, nur dass nicht dabei das Evangelium Gottes wegen der Bosheit frevelhafter Menschen Böses höre! Sie haben, königliche Majestät, nun die giftige Feindschaft unserer Verleumder genügend geschildert gesehen, so dass Sie nicht allzu leichtgläubig mehr den Angebereien Ihr Ohr schenken. Ich fürchte, nur allzu viel haben Sie gehört, da schon dies Vorwort der Länge nach fast zu einer regelrechten Verteidigungsschrift geworden ist. Und doch wollte ich damit nicht schon die Verteidigung führen, sondern nur Ihren Sinn erweichen, die eigentliche Verhandlung anzuhören. Ihr Sinn, der uns jetzt feindlich und entfremdet ist, ja, ich füge bei, zornentbrannt gegen uns, dessen Gnade wir aber zu erlangen das feste Vertrauen haben, wenn Sie dieses unser Bekenntnis, das uns vor Ihrer Majestät als Verteidigung dienen soll, nur einmal gelassen und ruhig lesen wollen. Hat aber das Geflüster der Böswilligen Ihr Ohr schon so in Beschlag genommen, dass den Angeklagten keine Gelegenheit geboten ist, sich zu verantworten, dass jene bösen unheilvollen Geister mit Ihrer Zustimmung weiter wüten dürfen mit Ketten, Peitschen, Folter, Feuer und Schwert, so werden wir wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, auch zum Äußersten gedrängt, aber nur so, dass wir unsere Seelen in Geduld fassen und auf die starke Hand des Herrn harren, die ohne Zweifel zur rechten Zeit da sein und sich gewappnet ausrecken wird, die Armen aus ihrer Not zu retten und Rache zu üben an den Verächtern, die jetzt so sicher triumphieren. Der Herr, der König der Könige, befestige Ihren Thron in Gerechtigkeit und Ihre Herrschaft in Billigkeit, erlauchtester König.

Basel, den 1. August im Jahr 1536.
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Andacht

Beitragvon Joschie » 24.07.2009 08:34

Luk 6, 24.
„Aber dagegen weh euch Reichen!“

Den vier Seligpreisungen, die Lukas berichtet, stellt er vier entsprechende Wehe gegenüber. Diese Gegenüberstellung soll den Gottlosen Schrecken einflößen und die Gläubigen aufmuntern, sich nicht durch die eitlen und gefährlichen Lockungen der Welt einschläfern zu lassen. Wir wissen doch, wie leicht man sich in guten Tagen in Sicherheit wiegen oder durch die Schmeicheleien der Menschen fangen lässt. Daher kommt es auch, dass Gottes Kinder oft die Gottlosen beneiden, wenn sie deren Glück sehen. Übrigens gilt Christi Wehe nicht allen Reichen ohne Unterschied, sondern nur denen, die ihren Trost in der Welt suchen und auf ihr Vermögen trauend das künftige Leben vergessen. Statt dass der Reichtum also den Menschen glücklich macht, ist er ihm häufig Ursache des Verderbens. Sonst hält Gott die Reichen durchaus nicht von seinem Königreich fern; sie sollen sich nur nicht selbst in ihren Stricken fangen und sich die Tür zum Himmel verschließen, indem sie auf Irdisches ihre Hoffnung bauen. Um zu zeigen, dass Reichtum an sich für Gottes Kinder kein Hindernis ist, erinnert Augustinus sehr schön daran, dass der arme Lazarus in den Schoß des reichen Abraham aufgenommen wurde. Ebenso wie den Reichen gilt Christi Wehe (V.25) auch denen, die satt und voll sind, d.h. die im Vertrauen auf sichtbare Güter die himmlischen Güter verachten. Ebenso ist das Wehe über die Lachenden zu verstehen: Jesus meint solche, die versunken sind in den Vergnügungen des Fleisches und jede Mühe scheuen, die sie etwa zur Ehre Gottes auf sich nehmen müssten. Das letzte Wehe (V.26) richtet sich gegen der Ehrgeiz. Nichts ist üblicher, als nach dem Beifall der Menschen zu haschen oder sich von ihm ködern zu lassen; um seine Jünger davon abzuschrecken, zeigt Christus, dass die Gunst der Menschen nur Unheil bringt. Diese Mahnung geht besonders die Lehrer an, die sich vor allem anderen vor dem Ehrgeiz fürchten müssen, weil die reine Lehre Gottes ganz gewiss verunstaltet wird, wenn sie nach der Gunst der Leute fragen. Das Wort „jedermann“ bezieht sich auf die Kinder der Welt, die nur Betrügern und falschen Propheten Beifall zollen. Bei rechtgesinnten Menschen mögen treue und rechtschaffene Prediger der gesunden Lehre immer ihr Lob und ihre Anerkennung finden. Nur das verkehrte Haschen nach Menschengunst wird hier verurteilt: denn, wie auch Paulus (Gal 1, 10) lehrt, niemand wird Christi Diener sein können, solange er Menschen zu gefallen sucht.
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Andacht

Beitragvon Joschie » 25.07.2009 08:41

Joh 8, 11.
„Sie aber sprach: HERR, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!“

Hieran können wir merken, worauf die Gnade Christi hinaus will: der mit Gott versöhnte Sünder soll durch ein frommes, heiliges Leben hinfort den, der ihn gerettet hat, ehren. Eben dasselbe Wort, das uns die Verzeihung anbietet, ruft uns zugleich zur Buße. Diese Aufforderung deutet vor allem auf die Zukunft, zugleich aber demütigt sie den Sünder im Blick auf sein früheres Leben.

„Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es sei und nichts von mir selber tue. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ Joh 8, 28.29

Und nichts von mir selber tue: Jesus unterfängt sich also nichts zu tun ohne besonderen Auftrag des Vaters. Um das mit einem Beispiel zu belegen, sagt er, er rede nur, was ihn der Vater gelehrt habe. Es sei zu dieser Stelle an das erinnert, was ich schon mehrfach hervorheben musste: wenn Jesus all das Göttliche, das er besitzt, nicht sein eigen nennt, so lässt er sich damit zu der Fassungskraft seiner Hörer herab. Er will damit nur darauf den Finger legen: Haltet meine Worte nicht für Menschenworte; es sind Worte Gottes!

Wohl zu beachten ist hier der Grund, auf welchen Jesus die Tatsache stützt, dass Gott ihm zur Seite steht und ihm seine Hilfe allezeit zuteil werden lässt: denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. „Allezeit“, das besagt, dass er nicht bloß bis zu einem gewissen Grade und Maße Gott gehorsam ist, sondern, dass er völlig und ausnahmslos sich dem Gehorsam gegen ihn geweiht hat. Wünschen wir die nämliche Gegenwart Gottes zu erfahren, so haben wir nur unser ganzes Sinnen und Denken auf seine Befehle zu richten. Wollen wir uns nur teilweise auf seinen königlichen Willen einlassen, so wird der Segen Gottes ausbleiben, und alle unsere Bemühungen sind für nichts; und scheint es auch eine Zeit lang, als lächle uns günstiger Erfolg, so wird der Ausgang doch unglücklicher Art sein. Wenn Jesus sagt: der Vater lässt mich nicht allein, so erhebt er damit Klage über die Treulosigkeit seines Volkes, in dem er fast niemanden fand, der ihm die Hand reichte.

Auch zeigt er damit, dass es ihm genug und übergenug ist, wenn er Gott auf seiner Seite hat. Nun, so dürfen auch wir guten Mutes sein: Wir sind nicht allein, und wären wir noch so wenige! Wer dagegen Gott nicht auf seiner Seite hat, der wird vergeblich mit ganzen Menschenmassen prahlen, die zu ihm halten.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Summe des Gesetes

Beitragvon Joschie » 26.07.2009 08:04

Die Summe des Gesetzes.
Aus „Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift“, 2. Band, 2. – 5. Buch Mose, 1. Hälfte, übersetzt von Karl Müller, Neukirchen

Die Summe des Gesetzes.
Abschnitt 216.

5. Mos. 10.
12 Nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, denn dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst, und liebest ihn, und dienest dem Herrn, deinem Gott, von ganzem Herzen und von ganzer Seele; 13dass du die Gebote des Herrn haltest und seine Rechte, die ich dir heute gebiete, auf dass dir´ s wohl gehe?

5. Mos. 6.
5 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen.

3. Mos. 19.
18 Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Nachdem wir die einzelnen Gebote der Reihe nach ausgelegt haben, ist nun die Summe des Gesetzes zu betrachten, die dem Ganzen die entscheidende Richtung gibt. Auch Paulus (1. Tim. 1, 5 f.) bezeichnet als die Hauptsumme des Gesetzes „Liebe von reinem Herzen und von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben, -“ und er kennt schon zu seiner Zeit Ausleger des Gesetzes, die nur zu unnützem Geschwätz kamen, weil sie diesen Richtpunkt nicht in Betracht zogen. Wie nun das Gesetz auf zwei Tafeln geschrieben war, so fasst es Mose auch in die zwei Hauptstücke zusammen, dass wir Gott von ganzem Herzen lieben sollen und unsern Nächsten als uns selbst. Diese beiden Sätze hat er zwar noch nicht miteinander verbunden, aber Christus, aus dessen Geist er redete, enthüllt uns seine eigentliche Absicht. Denn als man den Herrn nach dem vornehmsten Gebot im Gesetz fragte, gab er die Antwort (Mt. 22, 37 ff.): „Du sollst Gott von ganzem Herzen lieben. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.“ Danach besteht die ganze Gerechtigkeit und Vollkommenheit, welche das Gesetz erfordert, in zwei Stücken: wir sollen erstlich in wahrer Frömmigkeit den Herrn verehren, und zum andern lauter und rein nach der Regel der Liebe mit den Menschen handeln. Dasselbe meint auch Paulus: denn der Glaube, welchen er als Quell und Ursprung der brüderlichen Liebe bezeichnet, fasst die Liebe zu Gott in sich. Daraus ergibt sich die kurze und klare Bestimmung, dass zu einem rechten Leben nichts anderes als Frömmigkeit und Gerechtigkeit gehört. Allerdings scheint Paulus einmal noch ein drittes Stück hinzuzufügen (Tit. 2, 12): die Gnade Gottes will uns nach seinem Wort erziehen, „dass wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt.“ Aber ein züchtiges Wesen lässt sich einfach als würzende Beigabe zu einem gerechten und gottseligen Leben betrachten. Und in der Tat wird einem Menschen, der nicht züchtig, keusch und ehrbar lebt, niemand glauben, dass er der Heiligkeit und Vollkommenheit nachjagt. Andere Stellen schweigen wieder von der Verehrung Gottes und fassen das ganze Gesetz nur in der Liebe zum Nächsten zusammen: aber damit soll die Gottseligkeit nicht ausgeschaltet, sondern nur ihr entscheidender Beweis in den Vordergrund gestellt werden. Pflegen doch Heuchler in der Beobachtung eines äußeren Kultus eine heilige Maske zur Schau zu tragen, wobei sie in geschwollenem Hochmut einhergehen, von räuberischer Begier und Habsucht brennen, sich mit Neid und Eifersucht erfüllen, mit grausamen Drohungen um sich werfen und schmutzigen Begierden nachlaufen. Solchen Schein und Nebel aber will Christus zerstreuen. Darum bezeichnet er als Hauptstücke im Gesetz (Mt. 23, 23) Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Und auch an einer anderen Stelle (Mt. 19, 18 f.) kann er von der ersten Tafel schweigen, wenn er die vom Gesetz erforderte Gerechtigkeit beschreibt. Mit derselben Absicht nennt Paulus die Liebe des Gesetzes Erfüllung oder das Band der Vollkommenheit (Röm. 13, 10; Kol. 3, 14). Alle diese Aussagen wollen aber nichts weniger, als durch die Pflichten der Menschliebe die Gottesfurcht in den Hintergrund drängen. Haben wir doch schon gesehen, dass der Herr an der entscheidenden Stelle, wo er die Summe des ganzen Gesetzes angibt, den Anfang mit der Gottesliebe macht. Und wenn Paulus sagt (Gal. 5, 6), dass der Glaube durch die Liebe tätig ist, so deckt er damit die eigentliche Triebkraft und den Grund eines gerechten Lebens auf. So stimmt trefflich zusammen, was nur eine oberflächliche Betrachtung als Gegensatz empfindet. Es kann einmal heißen (2. Kor. 7, 1), dass man die Heiligung in der Furcht Gottes beweist, wenn man sich von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes reinigt – und ein andermal (Röm. 13, 9), dass das ganze Gesetz im Gebot der Nächstenliebe zusammengefasst ist. Denn an wirkliche Frömmigkeit bei einem Menschen wird man nur da glauben, wenn er auch gerecht und lauter mit den Brüdern umgeht. Und weil unsre Guttaten den Herrn selbst nicht erreichen können, lässt sich nur aus unsrer Erfüllung der brüderlichen Pflichten auf die Gesinnung unseres Herzens schließen. Wie Johannes sagt (1. Joh. 4, 20): „Wer seinen Bruder nicht liebet, den er siehet, wie kann er Gott lieben, den er nicht siehet?“ Wer also nicht als Heuchler dastehen will, soll seine Frömmigkeit durch brüderliche Liebe beweisen. So zieht denn Johannes den Schluss (1. Joh. 4, 21), dass nach des Herren Willen ein Mensch, der Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll. Bevor ich übrigens die beiden Hauptgebote im Einzelnen auslege, ist ins Auge zu fassen, was Mose mit seiner kurz zusammengefassten Aussage eigentlich beabsichtigt (5. Mos. 10, 12): Nun Israel, was fordert der Herr von dir denn dass du deinen Gott fürchtest und liebest den Herrn von ganzer Seele?

In diesen Sätzen ist zwar auch der altbekannte und schon aus natürlicher Empfindung sich ergebende Inhalt des Gesetzes enthalten. Zugleich aber empfangen wir einen Fingerzeig, wie wir das alles halten können. Darum wird uns gleicherweise gesagt, dass wir Gott fürchten, wie dass wir ihn lieben sollen: als Herrscher erhebt er Anspruch auf Ehrfurcht und Gehorsam, als Vater auf Liebe. Wir lernen also: wollen wir das Gesetz erfüllen, so muss der Anfang mit der Furcht Gottes gemacht werden, die mit Recht der Weisheit Anfang heißt (Ps. 111, 10; Spr. 1, 7; 9, 10). Weil aber dem Herrn ein gequälter und erzwungener Gehorsam nicht gefällt, hat sich die Liebe anzuschließen. Ja, wir wollen uns vor allem merken, dass die Liebe in unserer Verehrung Gottes die erste Stelle einnehmen muss: nichts Süßeres gibt es, als Gott zu lieben. Ein Herz, dass sich von solcher Süßigkeit nicht locken lässt, muss steinern sein: denn aus keinem andern Grund ladet und mahnt uns der Herr, ihn zu lieben, als weil er selbst uns liebt. Ja, Johannes kann sogar sagen (1. Joh. 4, 19): „Er hat uns zuerst geliebt.“ Wir ziehen auch den Schluss, dass dem Gott, der einen fröhlichen Geber lieb hat (2. Kor. 9, 7) nichts gefällt, was aus widerwilligem Herzen kommt oder nur aus Zwang geschieht. Paulus redet an der betreffenden Stelle zwar nur vom Almosengeben: aber der fröhliche Eifer eines willigen Gehorsams soll uns überhaupt im ganzen Leben beherrschen, wie man bei rechten und guten Kindern sieht, denen der Gehorsam gegen die Eltern eine Freude ist. Und sicherlich fließt die Ehrfurcht, die wir dem Herrn schulden, allein aus der Erfahrung seiner väterlichen Liebe, die uns zur Gegenliebe zieht. Wie es im Psalm heißt (130, 4): „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ So oft wir also hören, was die Schrift uns immer wieder einprägt (Ps. 31, 24): „Liebet den Herrn, alle seine Heiligen!“ – wollen wir uns erinnern, dass Gott uns eben darum seine Liebe zuwandte, damit wir gern und mit gebührendem Eifer seinen Willen tun lernen. Im Blick auf die hohe Vollkommenheit, die hier gefordert wird, muss es uns aber ganz klar werden, dass wir von wirklicher Erfüllung des Gesetzes noch weit entfernt sind: wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele, sowie (5. Mos. 6, 5) von allem Vermögen. Wir können uns aber anstrengen soviel wir mögen, - unser Eifer wird doch halb und gebrechlich bleiben, solange die Liebe zu Gott nicht unsern ganzen Sinn erfüllt, alle unsere Gedanken und Begierden nicht auf ihn sich richten und alle unsere Anstrengungen nicht ihm gelten. Die eigene Erfahrung sagt uns hinlänglich, dass unser Sinn nur zu sehr zu allerhand Eitelkeiten neigt, dass viele böse Gedanken in uns aufsteigen, und dass es überaus schwer ist, alle verkehrten Regungen des Fleisches zu zähmen und zu unterdrücken. Auch der beste Kämpfer vermag bei äußerster Anstrengung in diesem geistlichen Kampf nur eben Stand zu halten. Ist es nun schon eine anerkennenswerte Tugend, nicht völlig lass zu werden, so wird vollends niemand behaupten wollen, dass er schon zu dem Ziel vorgedrungen sei, welches das Gesetz uns vor Augen stellt. So oft vielmehr die Lockungen der Welt und eitle Begierden uns reizen wollen, sollen wir uns sagen, dass noch irgendein Teil unsrer Seele von Gottes Liebe nicht völlig erfüllt ist: denn sonst könnte nicht das Widerspiel Eingang gewinnen. – Übrigens ist das „Herz“ an unsrer Stelle, wie auch anderwärts zuweilen, nicht als Sitz der Gefühle und Begehrungen, sondern der sittlichen Erkenntnis gemeint. So redet Gott einmal davon (5. Mos. 29, 3), dass er den Israeliten noch nicht ein Herz gegeben habe, das verständig wäre, Augen, die da sähen, und Ohren, die da höreten.

3. Mos. 19, V. 18. Du sollst deinen Nächsten lieben. Wie ein jeglicher gegen seinen Nächsten gesinnt sein soll, würde sich auf vielen Seiten nicht besser sagen lassen, als mit diesem einen Worte. Uns selbst zu lieben sind wir nicht nur übermäßig geneigt, sondern wir empfinden dazu den unwiderstehlichen Trieb: ja die Selbsthilfe verblendet uns derartig, dass sie nur zu viele Ungerechtigkeiten gebiert. Da wir also immer nur an uns denken, die Brüder aber vergessen und übersehen, kann Gott uns zur rechten Liebe nur dadurch anleiten, dass er jenen uns angeborenen und tief eingewurzelten verkehrten Trieb aus unserm Herzen reißt: dies wiederum kann nicht anders geschehen, als dass der uns einwohnenden Liebe eine andere Richtung gegeben wird. Übrigens haben die päpstlichen Theologen aus unserem Gebot in der törichtsten Weise gefolgert, dass die Selbstliebe die oberste Stelle behaupten müsse: denn sie werde zum Maßstab genommen, an welchem dann die Liebe zum Nächsten gemessen werden solle. Als ob Gott ein Feuer, das schon mehr als nötig brennt, noch weiter anfachen wollte! Die Absicht ist vielmehr, uns von unserer blinden und maßlosen Selbstliebe abzubringen: darum stellt Gott den Nächsten gleichsam an unsere Stelle und sagt, dass wir ihn nicht minder lieben sollen als uns selbst. Denn was Paulus von der Liebe lehrt (1. Kor. 13, 5), dass sie nicht das Ihre sucht, wird niemand leisten, der nicht sich selbst absagte. – Unter den Nächsten sind nicht bloß besonders nahe stehende Verwandte gemeint, sondern alle Menschen ohne Ausnahme: denn das ganze Menschengeschlecht bildet einen einzigen Leib, dessen Glieder wir sind, und Glieder müssen einander tragen und ineinander greifen. Darum sollen wir unter Umständen auch ganz fern stehende Leute ebenso hegen und pflegen, wie unser eigenes Fleisch. So hat es uns Christus in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gelehrt (Lk. 10, 30 ff.).
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Beitragvon Joschie » 27.07.2009 07:55

An Caroli, wohl im Gebiet von Neuchatel.
Caroli (vgl. 13, 39) hatte nach einem Aufenthalt in Metz sich wieder ins Gebiet von Neuchatel gewandt, und da er dort keine seinen Ansprüchen entsprechende Stellung fand, sich bei Calvin in einem Brief beschwert.

Mahnung zu Friedfertigkeit und Demut.

Gnade sei mit dir und Friede vom Herrn, der dir und uns gesunden Sinn verleihe. Ich hätte es lieber gesehen, wenn du dich hierher gewandt hättest, um mündlich mit uns über unsere Aussöhnung zu verhandeln, als dass du dies mit einem Brief versuchst, besonders wenn er ist, wie der deine. Du bemühst dich heftig, den Schein von dir abzuwälzen, als hättest du ohne gerechte Ursache Wirren in der Kirche erregt. Als ob überhaupt irgendeine ehrenhafte Ursache zur Verwirrung der Kirche dargetan werden könnte! Nehmen wir an, die Brüder hätten dir nicht geziemend Rechnung getragen; gab dir das etwa das Recht, gleich solchen Lärm zu erregen? Willst du behaupten, der Geist Gottes habe dich dazu angetrieben, Allen den Krieg zu erklären? Ich sage das nicht, um dich [von Neuem] zu schelten; hättest du mich doch ganz schweigen lassen! Da du aber Alle, die sich deiner Meinung nach nicht richtig gegen dich benommen haben, mit dem Satan in Verbindung bringst, so hältst du uns doch für zu dumm, wenn du meinst, wir könnten das mit Stillschweigen übergehen. Du sagst, du seiest vor Entrüstung ganz außer dir und müssest Farel und mich schelten, weil wir´s durch unsere Briefe zu Stand gebracht hätten, dass dir die Brüder von Neuchatel keine Stelle gönnen wollten. Erstlich ist das entweder von dir erfunden oder dir falsch berichtet, denn es ist mir nie in den Sinn gekommen, derartiges an die Neuchateller zu schreiben. In dem Brief Farels aber war, soviel ich höre (denn ich weiß nur vom Hören davon), Michel bei weitem schärfer behandelt als du. Da ich dich also weder mit Worten noch mit Taten beleidigt hatte, ja nie auch nur den kleinsten Verstoß gegen dich begangen habe, war es dann anständig, mich so grausam herunter zu reißen? Ja, wenn ich sogar in irgendetwas deinem persönlichen Vorteil im Wege gestanden hätte, welche unwürdige Art war es für einen Christenmenschen, von Rachgier entflammt ein so Skandal erregendes Vorgehen zu wählen? Da ich dir vorher stets unbedenklich als Bruder galt, wie konnte es geschehen, dass ich in einem Augenblick ein Ketzer wurde, vor dessen Gemeinschaft schon du Abscheu hattest. Heißt das nicht den hochheiligen Namen Gottes missbrauchen? Du sagst, es sei dir nichts anderes übrig geblieben, als uns jetzt als unversöhnlich hinzustellen (das ist dein eigener Ausdruck gewesen); aber überleg doch, bitte, ein wenig, wie lächerlich du dich machst, so mitten im Frieden dieses Kampfsignal zu geben. Aber zugegeben, wir hätten dir dazu irgendeinen Anlass geboten, was soll das Wort bedeuten, das du gebraucht hast? Unversöhnlich heißt man doch einen, den man mit allen Mitteln zu besänftigen gesucht hat, und nicht zur geringsten Billigkeit bringen konnte. Wann hast du je bei uns so strenge und dauernde Härte erfahren? Über mich kannst du dich nicht beklagen; ich aber hätte das größte Recht, dir solches vorzuwerfen, um nicht schärfer zu reden. Aber ich dachte nie an Rache, geschweige dass es irgendetwas Böses gegen dich angestiftet hätte. Auch von Farel möchte ich wissen, was er dir Unrecht getan? Er hat geschrieben, Leute, die ihnen anvertraute Gemeinden [eigenmächtig] verlassen hätten, sollten nicht wieder zum Amte zugelassen werden; musste er das nicht? Denn wenn Einer die Gemeinde verlässt, die er einmal angenommen hat zu treuer Pflege, so ist das keine geringere Treulosigkeit, als wenn ein Vater seine Kinder aussetzt. Aber, sagst du, er zählte dich unter diese Leute, da du diese Schuld doch nicht auf dem Gewissen hast. Lies seinen Brief, so wirst du etwas anderes erfahren. Denn er verlangte nichts anderes von den Brüdern, als dass sie genau prüfen sollten, ob eine Untersuchung deiner Angelegenheit dich von Verdacht reinige. Musstest du nicht ganz dasselbe wünschen? Du bist nach Metz gekommen [von hier]: Welcher Übermut war es, dich bei Gegnern Christi zu rühmen, du seist gekommen, wohl ausgerüstet, uns der Ketzerei zu überführen? Und dabei hältst du an dem Ruhm fest, dass du nichts gegen das Evangelium im Sinne habest! Wie willst du uns das beweisen? Wenn einer sozusagen von Berufswegen mit einem Knecht Christi Krieg führt, ihn auf alle mögliche Weise hindert an der Förderung des Reiches Christi, so ists doch wunderlich, von einem solchen Menschen zu sagen, er stehe auf Seiten des Evangeliums. Lieber Bruder, schau wieder und immer wieder, wohin du gerätst! Wir haben einen Dienst am Wort, der mit Christo eng verknüpft ist; zweifelst du daran, so haben wir ein zur Genüge sicheres, treues Zeugnis unseres Gewissens. Schmeichle dir, wie du willst; schließlich musst du es doch spüren, dass du mit deinen Angriffen auf uns wider den Stachel löckst! Dazu, was kannst du uns schaden? Du nennst uns Ketzer! Wo? Doch immer unter Solchen, die auch dich für einen Ketzer halten werden, wenn sie jetzt auch deine Schmähsucht missbrauchen. Ich fürchte durchaus nicht, dass du bei frommen und gelehrten Leuten etwas erreichst, wenn du mich herabsetzest. – Das alles zielt dahin und ich möchte es von dir so verstanden wissen, dass du dich vor Gott prüfst, welchen Weg du betreten hast, und nicht Andere, Unschuldige verurteilst, um dich zu verteidigen, wozu dir nicht nur jeder Rechtsgrund, sondern auch jede Ausrede fehlt. Wenn ich das bei dir erreiche, habe ich genug. Aber ich möchte nicht, dass du deswegen Mut und Hoffnung verlörest. Denn wenn du uns aufrichtige und sichere Anzeichen eines geraden Sinnes gibst, so sind wir auch jetzt noch bereit, bald wieder in besten Treuen uns mit dir zu versöhnen, alles zu vergessen, zu verzeihen und fortan aus unserm Gedächtnis zu tilgen. Könntest du mir doch ins Herz sehen! Denn nichts wünsche ich sehnlicher, als dich zuerst mit Gott zu versöhnen, damit auch die Verbindung unter uns fest werde. Aber glaub mir, nie kannst du dem Herrn mit Nutzen dienen, wenn du nicht deinen Hochmut ablegst und die Schärfe deiner Zunge. Also wenn du im Sinn hast, dich wieder mit uns auszusöhnen, so sind wir bereit, dich aufzunehmen, und werden keine Pflicht gegen dich versäumen, sobald uns Gelegenheit geboten wird. Aber zu dem Friedensschluss, den du verlangst, wie könnten wir uns dazu herablassen? nämlich dass wir dir jetzt schon eine Gemeinde versprechen. Erstens liegen die Gemeinden nicht in unsrer Hand, wie du wohl weißt. Dann, mit welchem Gewissen sollten wir dir das versprechen, bevor über unsere Übereinstimmung in der Lehre alles klar ist? Du machst kein Hehl daraus, dass du jetzt noch von uns abweichst, und willst doch, dass wir dir eine Lehrstelle zuweisen. Erwäge selbst, ob sich das wohl ziemen würde. Du würdest uns mit Recht als Dummköpfe beurteilen, wenn wir dir gehorchten. – Um zum Ende zu kommen, so bitte ich dich, dass du einmal die ganze Sache ordentlich und ruhig bei dir betrachtest und auch diesen Brief abwägst, aber mit keiner andern Wage als einem Urteil, frei von allem Zorn. Dann wirst du gewiss erkennen, dass nichts besser ist, als umzukehren auf dem Weg, den du so schlecht begonnen hast. Willst du es mit uns versuchen, so verspreche ich dir, dass ich keine Freundespflicht versäumen will. Dasselbe verspricht Farel allen Ernstes für seine Person. Aber denk auch daran, etwas von der Liebe, die du so streng von Andern forderst, selbst Andern zu erweisen. Scheine ich dir etwa zu grob, so denk, was für eine Antwort dein Brief verdient; obgleich ich daran keineswegs gedacht habe, sondern nur, dir zu nützen. Und das glaubte ich nicht anders zu können, als wenn ich dich zur Erkenntnis deiner Sünde brächte. Leb wohl, liebster Bruder im Herrn, wenn du nur dich lieben und für einen Bruder halten lässest. Der Herr Christus leite dich mit dem Geist des Rats und der Klugheit, dass du aus den gefährlichen Klippen, in die du geraten bist, und aus dem Sturmwind der Prahlerei rasch in den Hafen kommest. Farel lässt dich grüßen und wünscht, dass du dich ernstlich zum Herrn bekehrest und so bereit seist, mit uns in Freundschaft und brüderliche Gemeinschaft zu treten, wie er selbst bereit ist, dich aufzunehmen.

Straßburg, 10. August 1540.
Von Herzen dein Freund
J. Calvin.


Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 28.07.2009 07:54

Das Leben der Erlösten
Calvin, Jean

„Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben.“

Gal. 2:20

Stets ist das Wort „Tod“ dem Gefühle des Menschen verhaßt; daher fügt der Apostel, nachdem er uns gezeigt hat, daß wir mit Christo gekreuziget seien, hinzu, daß eben dasselbe uns auch zum Leben gereiche. Zugleich erklärt er auch, was er darunter versteht, „Gotte leben“ (V. 19): nämlich,daß er jetzt nicht mehr sein eigenes Leben habe, sondern dergestalt durch die verborgene Kraft Christi belebt werde, daß er sagen könne, Christus lebe und wirke in ihm. Denn wie der Leib durch die Seele besteht, so flößt auch Christus seinen Gliedern das Leben ein. Ein köstlicher Gedanke, daß die Gläubigen ihr Leben außerhalb ihrer selbst, daß ist in Christo, haben! Denn nun kann es nicht anders sein, als daß sie in einer wahren und wesentlichen Gemeinschaft mit ihm stehen. Fortan lebt nun Christus auf zwiefache Weise in uns. Erstlich so, daß er uns durch seinen Geist regiert und alles leitet, was wir tun; sodann, daß er uns Teil an seiner Gerechtigkeit gibt, damit wir, weil wir es aus uns selbst nicht vermögen, in ihm Gott angenehm sind. Das Erstere gehört zu unserer Erneuerung, das Andere zum Empfang seiner Gerechtigkeit aus lauter Gnaden.

Wenn der Apostel fortfährt: „denn was ich jetzt lebe im Fleische“, so versteht er hierunter das leibliche Leben. Denn man könnte sonst einwenden: „Du hast doch noch ein leibliches Leben; wenn aber dieser sterbliche Leib noch seine Verrichtungen ausübt, wenn er durch Speise und Trank erhalten wird, so ist das nicht das himmlische Leben Christi; es ist also widersinnig zu sagen, daß du kein eigenes Leben habest, da du doch nach aller Menschen Weise lebest.“. Darauf antwortet Paulus, daß dies im Glauben bestehe, womit er andeutet, daß es auf eine dem menschlichen Verstande unfaßbare Weise geschehe. Also das Leben, welches wir im Glauben besitzen, ist nicht den Augen erkennbar, sondern wird im innerlichen Bewußtsein durch die Wirksamkeit des Geistes erfaßt; daher hindert das leibliche Leben nicht, daß wir durch den Glauben das himmlische Leben besitzen; siehe Eph. 2:6: „Und hat uns samt ihm versetzt in das himmlische Wesen.“ und Kap. 2:19: „So seid ihr nun Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen“; desgl. Phil. 3:2: „Unser Wandel ist im Himmel!“

Paulus ist reich an solchen Zeugnissen, durch welche er uns versichert, daß wir also in dieser Welt leben, daß wir doch auch in dem Himmel leben; nicht nur, weil dorten unser Haupt ist, sondern auch, weil wir infolge der Vereinigung ein gemeinsames Leben mit ihm haben, wie Jesus spricht Joh. 14:23: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden Wohnung bei ihm machen.“ Das sagt Paulus, um die Kraft des Glaubens zu bezeichnen; denn wenn jemanden der Gedanke käme, woher der Glaube solche Kraft hätte, daß er Christi Leben in uns ausgösse, so erklärt er Christi Liebe und Tod als den Grund, auf dem unser Glaube beruhe; denn hieraus ist die Kraft des Glaubens abzuleiten. Wie geschieht es also, daß wir im Glauben Christi leben? Weil er uns geliebt hat und sich für uns dargegeben.

Also die Liebe, mit welcher Christus uns umfaßt hat, hat bewirkt, daß er uns mit sich eins gemacht hat; das hat er durch seinen Tod vollkommen gemacht. Denn indem er sich selbst für uns dargegeben hat, hat er in unserer Person gelitten; was also der Glaube in Christo findet, dessen macht er uns teilhaftig. Wenn aber Paulus von der Liebe redet, so meint er dasselbe, was Johannes sagt: „Nicht, daß wir ihn zuerst geliebt haben, sondern er hat uns zuvor geliebt.“ (1.Joh. 4:10) Denn wenn er uns, durch unser Verdienst veranlaßt, erlöst hätte, so können wir das Erstere mit Grund behaupten; nun aber schreibt Paulus alles seiner Liebe zu; sie ist uns also aus lauter Gnaden geworden.

Man muß also auf diese Ordnung achten: Er hat uns geliebt und hat sich für uns dargegeben; es ist also so viel, als wenn er sagte: Er ist darum für uns gestorben, weil er uns geliebt hat, und zwar zu der Zeit, da wir noch Feinde waren, wie er Röm. 5:10 lehret. Er hat sich selbst für uns dargegeben! Es ist mit Worten nicht genugsam auszusprechen, was das bedeute! Denn wer könnte das erklären, wie groß die Würde des Sophnes Gottes sei? Und dieser hat sich selbst als Lösegeld für uns gegeben! In dem Worte „dargegeben“ ist die ganze Frucht enthalten, die aus dem Tode Christi erwächst, nämlich daß er das Sühnopfer, die Abwaschung, die Genugtuung usw. ist. Und welche Kraft hat das Wort, „für mich“! Denn es ist nicht genug, zu bedenken, daß Christus für das Heil der Welt gestorben ist, sondern es muß ein jeder die Wirkung und den Besitz dieser Gnade für sich in Anspruch nehmen.






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Quelle: Der Gärtner
Eine Wochenschrift für Gemeinde und Haus
Organ freier Evangel. Gemeinden in Deutschland und der Schweiz
Verantwortlicher Herausgeber: F. Fries in Witten
17. Jahrgang
Bonn 1909
Verlag: Johannes Schergens G.m.b.H. Bonn a. Rhein
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Das Königreich Gottes

Beitragvon Joschie » 29.07.2009 08:17

Das Königreich Gottes
Calvin, Jean

Wir wenden uns nun zu Christi Königsherrschaft, wovon zu reden freilich vergeblich wäre, wollten wir nicht die Leser vor allem erinnern, dass sie geistlicher Art ist. Denn eben daraus können wir erst abnehmen, was sie bedeutet und uns bringt, und können einen Schluss auf ihre Macht und ewige Dauer ziehen.

Wenn wir sagten, man könne die Kraft und den Nutzen der Königsherrschaft Christi nur dann richtig erfassen, wenn man ihre geistige Art im Auge behält, so findet dies auch darin eine Stütze, dass unsere Lage eine harte und elende ist, weil wir während unseres ganzen Lebenslaufs unter dem Kreuz stehen müssen. Was sollte es uns helfen, im Reich des himmlischen Königs versammelt zu sein, wenn nicht die eigentliche Frucht davon außerhalb des irdischen Lebens gewonnen würde Wir sollen also wissen, dass alles Glück, das uns in Christo verheißen wird, nicht in äußeren Vorteilen besteht, etwa dass wir ein friedliches und ruhiges Leben führen, Reichtümer besitzen, vor jedem Schaden bewahrt bleiben oder Überfluss an Ergötzungen haben, wie sie das Fleisch zu begehren pflegt: vielmehr gehört das Glück in der Gemeinschaft Christi recht eigentlich dem himmlischen Leben an nun in der Welt ein glücklicher und erwünschter Zustand eines Volkes einesteils auf Reichtum an allen Gütern und innerem Frieden, andernteils auf starke Schutzmittel sich gründet, die es gegen Vergewaltigung von außen sichern, so macht auch Christus die Seinen an allen Stücken reich, die für das ewige Seelenheil vonnöten sind, und wappnet sie mit Kraft, mit der sie unüberwindlich gegen jegliche Angriffe geistlicher Feinde feststehen können.

Damit empfangen wir in Kürze eine Belehrung darüber, was Christo Reich uns bringt. Denn weil es nicht irdisch oder fleischlich Ist, noch dem Verderben unterliegt, sondern geistlich, so hebt es unsere Gedanken zum ewigen Leben empor, so dass wir geduldig durch dieses Leben mit seinen Lasten, mit seinem Hunger und seiner Kälte, mit Verkennung und Verleumdung und anderen Beschwerden hindurchgehen, mit dem Einigen zufrieden, dass unser König unermüdlich in unsern Nöten und Bedürfnissen für uns sorgen wird, bis wir den Kampf bestanden haben und zum Triumph gerufen werden. Denn dies ist die Weise seines Regiments, dass er uns alles mitteilt, was er vom Vater empfing. Weil er mit seiner Macht uns wappnet und rüstet, mit seinem Glanz und seiner Herrlichkeit uns schmückt, mit seinen Gaben uns reich macht, so haben wir genug und übergenug Stoff zu rühmen, und empfangen eine starke Zuversicht, ohne Furcht wider Teufel, Sünde und Tod zu streiten. und wie wir, mit seiner Gerechtigkeit bekleidet, alle Angriffe der Welt tapfer überwinden, wie er in seiner Freundlichkeit uns mit seinen Gaben überschüttet, so wollen wir wiederum die Früchte davon zu seinem Ruhm verwenden.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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