Was genau ist gesetzlich?

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Joschie
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Was genau ist gesetzlich?

Beitragvon Joschie » 30.09.2009 09:15

In einem Gespräch wurde mir gesagt, ich sei gesetzlich, weil ich genau fragte, wo in der Bibel ein spezieller Sachverhalt steht. Dabei ist mir aufgefallen, das der Begriff gesetzlich sehr unterschiedlich interpretiert wird und das oft sehr schwammig. Was sind eure Erfahrungen mit diesem Begriff und gibt es eine genaue Definition?
Gruß und Segen von Joschie!
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Leo_Sibbing
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Beitragvon Leo_Sibbing » 30.09.2009 10:59

Also ich verstehe das so: du bist gesetzlich, wenn du dich selbst in eine Lage bringst in der du gewisse Gesetze einhalten musst, welche die Bibel selber aber nicht als Gesetze kennt.
Beispiel: Du Trinkst aus bestimmten Gründen keinen Alkohol, auch nicht ein einziges Glas Wein. Und du meinst das biblisch eindeutig belegen zu können.(Obwohl ein Glas Rotwein gut für den Magen ist. 1.Tim 5,23) Damit bist du schon gesetzlich, aber das fällt dir ja noch nicht auf. Nun machst du das zur Regel für alle Christen in deinem Umfeld und sagst ihnen das sie falsch handeln wenn sie doch mal ein Glas Wein trinken. Jetzt wird dir zurecht gesagt werden, du seist gesetzlich.

Manchmal wird der begriff "gesetzlich" aber auch als "Keule" benutzt um Personen als falsch darzustellen, die es sehr genau nehmen, aber gar nicht gesetzlich sind. Ähnlich wie die Faschismus-"Keule" bei konservativen Politikern.
Ich freue mich sehr in dem HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir Kleider des Heils angezogen, mit dem Mantel der Gerechtigkeit mich bekleidet, ... Jesaja 61,10

Jörg
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Beitragvon Jörg » 01.10.2009 05:08

Es ist nicht gut, von "Gesetzlichkeit" zu reden, wo es um die Ordnung unsers christlichen Lebens, um die Treue in den gebotenen Dingen des Schriftlesens und Betens geht. Unordnung zersetzt und zerbricht den Glauben.

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 02.10.2009 03:55

"Die Not vieler Glaubenden ist nun, daß sie zwar durch den Glauben Vergebung fanden und ein Kind Gottes wurden aus purer Gnade. Nun aber beginnen sie, ihre Heiligung durch Gesetz zu betreiben. Das gibt dann eine peinliche Engigkeit und Ängstlichkeit. Man möchte recht entschieden sein, was gewiß recht ist, und stellt an sich selbst hohe Forderungen. Selbst das wäre recht, wenn es im Gehorsam geschehe und nicht mit der Absicht, dadurch des Herrn Wohlgefallen zu erlangen.

Noch schlimmer ist es, wenn wir nun die Enge unserer Lebensführung auch zum Maßstab der anderen machen. Gesetzlichkeit führt fast immer zum Kritikgeist. Wir vergleichen uns mit den anderen, überheben uns über sie und schelten, daß sie sich nicht halten wie wir. "Sie vermaßen sich, daß sie fromm wären, und verachteten die anderen" (Lukas 18, 9), heißt es von solchen Leuten. Die eigene Leistung wird gewogen und für gewichtiger gehalten als die Leistung des anderen. Mit dem Hochmut und der Überheblichkeit scheint aber alles verloren zu sein. Denn "Gott widersteht den Hoffärtigen" (1. Petrus 5,5). Damit ist nichts gegen einen strengen Kampf gegen die eigene Sünde gesagt (Hebr. 12,4). Dies geschieht aber nicht mit unseren natürlichen sittlichen Kräften. Nach Paulus gilt viel mehr, "stark zu sein durch die Gnade" (2. Tim. 2,1), "stark in dem Herrn" (Eph. 6,10). Es geht eben um einen Kampf des Glaubens (1. Tim. 6,12) und nicht um die moralischen Leistungen unseres Fleisches." (aus "Kinderkrankheiten des Glaubens" von Hans Brandenburg, Verlag der Liebenzeller Mission, S. 28)

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Beitragvon PvE » 02.10.2009 16:49

Die Frage ist, wer eine für alle verbindliche Definition aufstellen sollte. Es kann verschiedenes bedeuten, je nachdem, wen man fragt:

Viele Evangelikale (geh mal auf jesus.de) verstehen darunter eigentlich jede klare Bezugnahme auf die Bibel. Da kommt dann gleich: "Na das ist ja nur Deine Meinung, ich sehe das so...".

Ein Dispensationalist versteht unter Gesetzlichkeit jede heutige Anwendung der 10 Gebote, was er entschieden ablehnt.

Ein Reformierter versteht darunter den (auch subtilen) Versuch, sich selbst seine Rettung durch "korrektes" Verhalten zu verdienen. Dadurch wäre die Rettung dann aber nicht mehr nur aus Gnade.

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Konkurrenzkampf

Beitragvon Ralf_Wtal » 02.10.2009 19:39

Hallo zusammen,

ich möchte den Kommentar von Jörg, dem ich nur zustimmen kann, ergänzen:
Wenn wir nun die Enge unserer Lebensführung auch zum Maßstab der anderen machen,
entsteht da nicht ein Konkurrenzkampf untereinander.

Bereits unter den Jüngern entstand ein Streit, wer zur Rechten und Linken sitzen darf. In Christus sollte diese Form der Beziehung untereinander doch überwunden sein, aber es steckt so tief im Menschen, das er statt auf Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens zu schauen, wie Kain auf den anderen schaut und dem anderen neidet, was er doch selber nur aus Gnaden empfangen kann.

Gesetzlichkeit ist da, wo ich dem anderen (auf subtile Weise) beweisen muß, daß ich es besser kann.

Liebe Grüße
Ralf
Dum spiro, disco (Solange ich atme, lerne ich)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 03.10.2009 08:36

Hallo,

hier ein konkretes Beispiel: Die gesetzliche Forderung des sog. Zehnten. Ein Freund von mir berichtete vor einiger Zeit, daß er von der Gemeindeleitung ein freundlich formuliertes Schreiben bekommen hat, in dem er daran erinnert wurde, den Zehnten zu zahlen - obwohl er Hartz IV-Empfänger ist. Im Gemeindebrief dieser Gemeinde wurde gefragt: Soll ich den Zehnten vom Brutto- oder vom Nettogehalt berechnen. Antwort: Willst Du den Netto- oder den Bruttosegen? Das nenne ich Manipulation. Diese Leute sollten sich einmal fragen, warum auf dem Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15 gar nichts vom Zehnten steht. Es ist sogar schon mal vorgekommen (aber nicht in besagter Gemeinde), daß sich ein Pastor die Lohnsteuerkarte von einem Gemeindemitglied hat zeigen lassen. Zur "göttlichen Beglaubigung" wird dann noch das Zeugnis erzählt: "Mein Girokonto war hoffnungslos überzogen. Aber seitdem ich treu den Zehnten bezahle, ist auch mein Girokonto wieder ausgeglichen."

Was soll man da noch entgegensetzen? Bei dieser wundersamen Geldvermehrung muß die Lehre vom Zehnten ja richtig sein. - Meinen zumindest diese Leute.

Ein schönes Wochenende wünscht

Jörg

P.S.: Natürlich sollen wir reichlich geben. Aber nicht mit dem Rechenschieber (nicht jeder beherrscht die Prozentrechnung :mrgreen: ) sondern von Herzen. Siehe 2. Korinther 9! Ich glaube nicht an den Buchhalter-Gott.
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