Römer 7! Wen meint Paulus damit?

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 05.05.2011 09:24

Francis Schaeffer schreibt über die Adressanten von Römer 7:

Es ist im Laufe der Jahre heftig debattiert worden, an wen Paulus das 7. Kapitel des Römerbriefs gerichtet hat. Es gibt Christen, die mehr oder weniger glauben, dass Vollkommenheit und Sündlosigkeit schon in diesem Leben möglich ist, als einer “zweiten Gnade” oder “Geistestaufe” oder wie immer der Ausdruck lautet. Die Anhänger dieser Position können Römer 7 ganz offensichtlich nicht auf die Christen anwenden, weil Paulus sich hier ja als alles andere als vollkommen beschreibt.

Wenn wir wissen, wer die Adressanten waren, wird das unser Verständnis dieses Kapitels ohne Zweifel erheblich beeinflussen. Richtet es sich an den Unerlösten oder an den Christen oder vielleicht an beide? Nun, schauen wir uns zuerst an, an welcher Stelle im Römerbrief dieses Kapitel steht. Es gehört nicht zu dem Abschnitt über die Rechtfertigung (1,18-4,25), sondern zu dem Heiligungsabschnitt (5,1-8,17), und von daher müsste es sich eigentlich in erster Linie an den Christen richten.

Ich glaube jedoch, dass die endgültige Beantwortung der Adressantenfrage aus etwas folgt, das wir in unserer gesamten bisherigen Untersuchung des Römerbriefs sahen. Wir sahen, dass die gleichen Prinzipien, die für die Rechtfertigung gelten, auch für die Heiligung gelten. Es gibt nicht drei separate Erlösungen, sondern nur eine, und von daher sollten wir erwarten, dass Kap. 7 sich an beide richtet - Gläubige und Ungläubige.

In die gleiche Richtung deutet ein Vergleich der Botschaft von Römer 7 mit einer Bemerkung im Galaterbrief, der, wie wir sahen, Parallelen zum Römerbrief aufweist. In Galater 5, 17 schreibt Paulus “Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, so dass ihr nicht tut, was ihr wollt.” Was, wie wir noch sehen werden, genau das ist, was Paulus in Römer 7, 14-24 sagt. Wer der Meinung ist, Römer 7 wende sich nur an den Ungläubigen, der muss erklären, warum Paulus genau das Gleiche im Galaterbrief schreibt, der sich eindeutig an Christen richtet.

Wir müssen also davon ausgehen, dass die Prinzipien, die Paulus in Kap. 7 erklären wird, für den Gläubigen wie den Nichtgläubigen gelten. Wenn ich Christus als meinen Heiland angenommen habe, bin ich wiedergeboren und vom Tod zum Leben gekommen. Es gibt eine zukünftige Erlösung, die Paulus in Kap. 8 anspricht, die mir die Vollkommenheit bringen wird. Aber hier und jetzt bin ich nicht vollkommen, und der Kampf geht weiter. Ich bin nach wie vor ein vernunft- und moralbegabtes Geschöpf. Ich bin dazu berufen, Gott zu lieben, und manchmal tue ich das, aber manchmal nicht. Und so gelten Paulus Ausführungen in Kap. 7 sicherlich dem Ungläubigen, aber auch mir und allen anderen Gläubigen. Lassen wir dieses Kapitel zu unserem Herzen sprechen.

Quelle: Francis Schaeffer - Allein durch Christus - 189f - Hänssler (Hervorhebungen von mir)
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jose
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Römer 8, eine zukünftige Erlösung?

Beitragvon Jose » 05.05.2011 17:28

Vieles, was in deinem Beitrag zu lesen ist, finde ich wirklich sehr lesenswert und wichtig zu beachten. Dieser Aussage kann ich aber nicht voll zustimmen:
Jörg hat geschrieben:Es gibt eine zukünftige Erlösung, die Paulus in Kap. 8 anspricht, die mir die Vollkommenheit bringen wird.
Auch ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gotteskind hier auf Erden bereits sündlos wandeln kann, aber dennoch dürfen wir mit Christus mehr und mehr lernen zu überwinden. Es wäre tragisch, wenn wir hier auf Erden immer in dem Zustand leben müssten: "Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?" Röm 7,24. Römer 8 redet nicht nur von einem zukünftigen Stand, lesen wir doch auch: "So sind wir nun, Brüder, nicht dem Fleisch Schuldner, um nach dem Fleisch zu leben; denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben" Röm 8,12-13.

Es gibt viele Gläubige, die immer wieder sündigen und irgendwann resignieren und meinen, sie würden es nicht schaffen, im Kampf gegen die Versuchung zu überwinden. Aber wir müssen die Worte sehr ernst nehmen: "Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht erfüllen" Gal 5,16, den die Forderung Gottes an uns lautet: "Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt" Vers 24. Der Kampf geht hier auf Erden sicherlich nie zu Ende, aber wir dürfen Tag für Tag in Jesu Bild umgestaltet werden und die Sünde in unseren Gliedern überwinden. Es muss in uns gesehen werden, was wir hier lesen: "Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mancherlei Begierden und Lüsten, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst, einander hassend" Titus 3,3. Unser Trost darf sein, dass Gott hierbei sehr gnädig ist und Seine Kinder zuerst nach ihrem aufrichtigen Verlangen richtet und nicht nach dem, was sie bereits im Glauben ergriffen haben.


Zeugnis:
Als ich gläubig wurde erkannte ich für mich, dass Rauchen Sünde ist. Als Gotteskind wollte ich auch hierin ein Zeugnis für meinen Herrn sein. Leider hatte ich zwei oder drei Rückfälle, aber irgendwann durfte ich mit Gottes Gnade überwinden. Seit über 25 Jahre rauche ich nicht mehr. Einmal erzählte mir ein lieber Glaubensbruder, er würde so gerne aufhören zu rauchen, aber er würde es nicht schaffen. Da konnte ich nur für ihn beten, dass der Herr ihm den Sieg schenkt.

José
Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, nach der rev. Elberfelder (PC-Ausgabe)

Jörg
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Re: Römer 8, eine zukünftige Erlösung?

Beitragvon Jörg » 05.05.2011 18:11

Jose hat geschrieben:Vieles, was in deinem Beitrag zu lesen ist, finde ich wirklich sehr lesenswert und wichtig zu beachten. Dieser Aussage kann ich aber nicht voll zustimmen:
Jörg hat geschrieben:Es gibt eine zukünftige Erlösung, die Paulus in Kap. 8 anspricht, die mir die Vollkommenheit bringen wird.
José, ich glaube, du hast die Aussage Schaeffers missverstanden! Das wird an folgendem Abschnitt deutlich:

“Dieses 8. Kapitel, das so eingehend den Heiligen Geist behandelt, macht auch sehr klar, dass wir noch keineswegs vollkommen sind. Der Tag der endgültigen Erlösung ist noch in der Zukunft, aber das ändert nichts daran, dass wir dazu berufen sind, schon in diesem gegenwärtigen Leben im Glauben teilzuhaben an der Realität der Macht des gekreuzigten, auferstandenen, siegreichen Christus.” (Francis Schaeffer - Allein durch Christus - Seite 209 - Hänssler)

Lieben Gruß

Jörg
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 06.05.2011 19:01

Aus der Vorlesung über den Römerbrief von Martin Luther:

Zu Vers 17: »So tue nun nicht ich es« usw. Hat denn die trügerische Metaphysik des Aristoteles und die in der menschlichen Tradition stehende Philosophie unsere Theologen etwa nicht in die Irre geführt? Weil sie wußten, daß die Sünde durch die Taufe oder durch die Buße beseitigt wird, so haben sie gemeint, es sei widersinnig, wenn der Apostel sage: »Sondern die Sünde, die in mir wohnt.« Daher liefert ihnen dieses Wort hauptsächlich den Anstoß dafür, auf die falsche und schädliche Meinung zu verfallen, der Apostel habe hier natürlich nicht als er selbst, sondern in der Rolle des fleischlichen Menschen gesprochen, und im Widerspruch mit einer Reihe von offenkundigen Aussagen in vielen seiner Briefe schwätzen sie, der Apostel habe überhaupt keine Sünde gehabt. Diese unsinnige Anschauung führte zu einem so verderblichen Grad von Verblendung, daß jene, die die Taufe oder die Absolution empfangen hatten, sich wegen der erworbenen Gerechtigkeit sicher fühlten, weil sie glaubten, damit auf der Stelle jeder Sünde ledig geworden zu sein und sich dabei beruhigten, ohne noch weiter einen Finger zu rühren, waren sie sich doch keiner Sünde bewußt, die sie mit Seufzen und Tränen, mit Trauern und Mühen hätten überwinden und austreiben müssen.

Also ist die Sünde im geistlichen Menschen ein Rest als Betätigungsfeld für die Gnade, zur Demütigung des Hochmuts, zur Unterdrückung der Anmaßung; für den, der sich nicht eifrig bemüht, ihn zu überwinden, ist das ohne Zweifel schon (ausreichender) Grund für seine Verdammnis, auch wenn er sonst nicht gesündigt hat. Denn wir sind nicht zum Müßiggang berufen, sondern zum Kampf gegen die Leidenschaften. Diese wären nicht ohne Schuld (es sind nämlich Sünden im echten Sinne, und zwar verdammenswerte), wenn nicht Gottes Barmherzigkeit von ihrer Zurechnung absähe. Doch rechnet er sie nur denen nicht zu, die in mannhaftem Kampf und mit dem Gebet um die Gnade Gottes gegen ihre Fehler zu Felde ziehen. Wer daher zur Beichte geht, der soll nicht meinen, daß er seine Bürde niedergelegt habe, um ein ruhiges Leben zu führen, sondern er soll wissen, daß er für Gott in den Kriegsdienst tritt, wenn er seine Last niedergelegt hat und eine andere Bürde für Gott gegen den Teufel und seine ihm eigenen Vergehen auf sich nimmt. Wenn er das nicht weiß, so wird er sehr bald rückfällig werden. Wer also nicht weiterkämpfen will, wozu strebt er danach, losgesprochen und der Streitmacht Christi zugeschrieben zu werden?

Zu Vers 24: »Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« Dieses Wort gibt noch genauer als die vorhergehenden ein Bild des geistlichen Menschen an, denn er seufzt und leidet und sehnt sich nach Erlösung. Auf jeden Fall aber nennt nur der sich elend, der geistlich ist. Denn vollkommene Selbsterkenntnis heißt vollkommene Demut, vollkommene Demut aber heißt vollkommene Weisheit, vollkommene Weisheit heißt vollkommen geistlich zu sein. Darum sagt der vollkommen geistliche Mensch: »Ich elender Mensch.« Der fleischliche Mensch aber sehnt sich nicht nach seiner Erlösung und Auflösung, sondern hat die größte Angst vor der Auflösung im Tode und ist unfähig, sein Elend zu erkennen. Wenn Paulus hier nun sagt: »Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?«, dann sagt er dasselbe, was er an anderer Stelle in die Worte faßt: »Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein« (Phil. 1, 23). Und daher ist es unbegreiflich, daß jemand auf den Gedanken verfallen konnte, der Apostel spreche diese Worte in der Rolle des alten und fleischlichen Menschen – Worte von solcher Vollkommenheit! –, als habe der Apostel nur Gutes über sich denken und sagen dürfen, wie ein Heuchler, d.h. als habe er sich selbst nur preisen dürfen und den Sünder (in sich) leugnen müssen; damit hätte er die Gnade nicht erstrebenswert gemacht, sondern geleugnet.
Es ist fürwahr tröstlich zu hören, daß ein solcher Apostel noch in dasselbe Seufzen und Elend verstrickt ist, wie es uns zustößt, solange wir Gott zu gehorchen begehren.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 585-587
(vgl. Luther-W Bd. 1, S. 190-191) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]
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Beitragvon Jörg » 06.05.2011 20:44

Noch eine Ergänzung zu vorigem Beitrag:

Zu Vers 25: »So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleische dem Gesetz der Sünde.« Dies ist das deutlichste Wort von allen. Man beachte, wie ein und derselbe Mensch zugleich dem Gesetz Gottes und dem Gesetz der Sünde dient, wie er gleichzeitig gerecht ist und doch sündigt. Er sagt ja nicht: Mein Geist dient dem Gesetz Gottes, und auch nicht: Mein Fleisch dient dem Gesetz der Sünde, sondern sagt: Ich, der ganze Mensch, dieselbe Person, bin beiden dienstbar. Darum sagt er einerseits Dank dafür, daß er dem Gesetz Gottes dient, andererseits aber fleht er um Erbarmen, weil er dem Gesetz der Sünde dient. Wer möchte von einem fleischlichen Menschen aussagen, daß er dem Gesetz Gottes dient? Nun richte dein Augenmerk auf das, was ich oben gesagt habe, daß nämlich die Heiligen zur gleichen Zeit, da sie gerecht sind, auch Sünder sind: sie sind gerecht, weil sie an Christus glauben, dessen Gerechtigkeit sie deckt und ihnen zugerechnet wird, Sünder aber, weil sie das Gesetz nicht erfüllen und nicht frei sind von Begierde, sondern den Kranken vergleichbar, die in ärztlicher Behandlung stehen. Sie sind dem Befund nach zwar krank, im Ansatz aber und in ihrem Hoffen schon gesund oder besser gesagt gesund gemacht worden, d.h. auf dem Wege zur Gesundung; es ist für sie aber höchst schädlich, wenn sie von der vermeintlichen Gesundheit schon Gebrauch machen, weil dann ein noch schlimmerer Rückfall erfolgt.

Dieses (falsche) Vertrauen auf das Wissen (um die eigene Gerechtigkeit) ist also der Grund dafür, daß der Apostel oben in Kap. 2 sich so entschieden gegen jene wendet, die zum eigenen Vorteil gerecht waren und sich zum Richter aufwarfen über jene, die böse Taten vollbrachten, obwohl sie selbst das gleiche taten, selbst stahlen, obwohl sie lehrten, man dürfe nicht stehlen usw. Denn selbst wenn er von ihren äußeren Werken nichts wußte, so war er sich doch völlig sicher, daß sie im Innersten ihres Herzens gegen das Gesetz handeln, solange sie außerhalb der Gnade stehen. Denn wenn schon der geistliche Mensch nicht tut, was er soll, obwohl er doch tun will, was er soll, um wieviel mehr wird der fleischliche Mensch, der nicht tun will, was er soll, sondern dazu gezwungen wird, nicht tun, was er soll. In diesem Sinne heißt es: »Der geistliche Mensch urteilt über alle von sich aus, über ihn selbst wird aber von keinem geurteilt« (vgl. 1. Kor. 2, 15). Nun verstehen wir endlich auch jenes Wort Davids (Ps. 32, 6): »Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zu gegebener Zeit«, und warum Christus sein Weib, die Synagoge, wegen ihrer Häßlichkeit verschmäht hat, deshalb nämlich, weil sie diese ihre Unzulänglichkeit nicht zugeben und vor der göttlichen Barmherzigkeit bekennen will, sondern sich gerecht und heilig dünkt.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 588-589
(vgl. Luther-W Bd. 1, S. 191-192) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]
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