Was ist rettender Glaube?

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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lutz
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Beitragvon lutz » 20.06.2010 00:06

Calvins Position kann sehr gut online gelesen werden – nämlich hier:
http://www.calvin-institutio.de/display ... lementId=2

Und gerade das dritte Buch befasst sich mit:
„Auf welche Weise wir der Gnade Christi teilhaftig werden, was für Früchte uns daraus erwachsen und was für Wirkungen sich daraus ergeben“

Also mehr Seiten – als in einigen wenigen Stunden überhaupt lesbar sind.
Und darin finden wir u. a.:
Im zweiten Kapitel des dritten Buches, Lektion 2:
2
Dieses Übel (nämlich die Verkehrung des Glaubensbegriffs) haben wir, wie unendlich vieles andere, billig den Scholastikern zu verdanken. Sie haben vor Christus sozusagen einen Vorhang gezogen und ihn so verdeckt. Schauen wir aber nicht stracks auf ihn, so müssen wir ja immerzu auf allerlei Irrwegen hin- und herlaufen.
Abgesehen aber davon, dass sie mit ihrer finsteren Beschreibung vom Wesen des Glaubens dessen ganze Kraft schwächen, ja zunichte machen, haben sie sich auch das Gerede von dem „eingewickelten“ Glauben (fides implicita) ersonnen. Mit diesem Namen zieren sie die gröbste Unwissenheit und täuschen so das arme Volk auf die verderblichste Weise. Ja, dieses Gerede – ich will richtiger und offener aussprechen, um was es sich handelt! – begräbt nicht allein den wahren Glauben, sondern zerstört ihn von Grund auf. Heißt das denn noch glauben, wenn man keinerlei Erkenntnis hat und seinen Sinn bloß gehorsam der Kirche unterwirft? Nein, der Glaube ruht nicht auf Unwissenheit, sondern auf Erkenntnis; und zwar handelt es sich dabei nicht bloß um die Erkenntnis Gottes, sondern auch um die des göttlichen Willens. Wir erlangen nämlich das Heil nicht dadurch, dass wir bereit sind, alles, was die Kirche uns zu glauben vorschreibt, als wahr anzunehmen, oder ihr die Aufgabe zuschieben, zu forschen und kennenzulernen, sondern nur dann, wenn wir erkennen, dass Gott um der Versöhnung willen, die durch Christus geschehen ist, unser gnädiger Vater ist, und dass Christus uns zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zum Leben gegeben ist. Durch diese Erkenntnis, sage ich, und nicht durch Unterwerfung unseres Sinnes, erlangen wir den Zutritt zum Himmelreich. Denn wenn der Apostel sagt: „Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig“ (Röm 10, 10), so zeigt er damit deutlich: es ist nicht genug, wenn einer im Sinne des „eingewickelten“ Glaubens glaubt, was er gar nicht versteht und was er auch nicht untersucht; nein, er fordert eine „entwickelte“ (explicita) Erkenntnis der göttlichen Güte, auf der unsere Gerechtigkeit ruht.
In diesem dritten Buche finden wir z. Bsp. im 2. Kapitel, Lektion 13 auch so etwas:
13
Wir müssen auch bedenken, dass das Wort „Glaube“ verschiedene Bedeutung haben kann. Oft bedeutet es nämlich so viel wie „die gesunde Lehre der Frömmigkeit“. So an der bereits kürzlich angeführten Stelle (1. Tim 4, 6). In dem gleichen Briefe will der Apostel Paulus an einer Stelle solche Leute zu Diakonen haben, „die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben“ (1. Tim 3, 9). Ebenso ist das Wort 1. Tim 4, 1 gebraucht, wo Paulus ankündigt, es würden (in den letzten Zeiten) „etliche vom Glauben abtreten“.
Auf der anderen Seite aber sagt er von Timotheus, er sei „auferzogen in den Worten des Glaubens“ (1. Tim 4, 6). Hierher gehört auch die Stelle, wo er von den „ungeistlichen, losen Geschwätzen und dem Gezänke der falsch berühmten Kunst“ redet, die viele zum Abfall vom Glauben verführt haben (1. Tim 6, 20.21); solche Leute nennt er an anderer Stelle „untüchtig zum Glauben“ (2. Tim 3, 8). Wenn er ebenso dem Titus aufträgt, die Glieder der Gemeinde zu ermahnen, „dass sie gesund seien im Glauben“ (Tit 1, 13; 2, 2), so versteht er unter „Gesundheit“ des Glaubens nichts anderes als Reinheit der Lehre, die ja durch den Leichtsinn der Menschen leicht in Verfall gerät und entartet. Weil nämlich in Christus, den der Glaube doch in Besitz hat, „verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kol 2, 3), so wird der Glaube billigerweise auf den gesamten Umfang der himmlischen Lehre bezogen, von der er eben nicht zu trennen ist!
Dagegen beschränkt sich der Glaube zuweilen auch auf einen einzelnen, besonderen Fall, so z. B. wenn Matthäus berichtet, Christus habe den „Glauben“ der Männer gesehen, die den Gichtbrüchigen durch das Dach herunterließen (Matth 9, 2), oder wenn Christus selber ausruft, er habe in Israel nicht solchen Glauben gefunden, wie der Hauptmann zu Kapernaum ihn an den Tag gelegt hatte (Matth 8, 10). Dabei ist wohl anzunehmen, dass er ausschließlich an die Heilung seines Sohnes (Calvin bezieht sich hier auf Joh 4, 47 ff.) gedacht hat: die Sorge um ihn hatte eben sein Herz ganz mit Beschlag belegt. Aber weil er sich allein an Christi Wink und Antwort genügen lässt und nicht noch seine leibliche Gegenwart erbittet, deshalb rühmt Christus seinen Glauben so gewaltig.
Oben habe ich auch bereits dargelegt, wie bei Paulus „Glaube“ so viel bedeuten kann wie die Gabe, Wunder zu tun (vgl. Sekt. 9); die kann aber auch Leuten zuteil werden, die nicht durch den Geist Gottes wiedergeboren sind und Gott auch nicht im Ernste fürchten.
An anderer Stelle ist „Glaube“ bei Paulus auch gleichbedeutend mit der Unterweisung, durch die wir im Glauben unterrichtet werden. Wenn er nämlich schreibt, der Glaube werde einst aufhören (1. Kor 13, 10; wörtlich sagt das die Stelle nicht!), so müssen wir das ohne Zweifel auf das Predigtamt der Kirche beziehen, das ja heute unserer Schwachheit noch von Nutzen ist. In all diesen (bisher genannten) Ausdrucksformen besteht offenbar eine Entsprechung.
Wenn dann aber weiterhin das Wort „Glaube“ im uneigentlichen Sinne auch da angewandt wird, wo falsche Aussagen und trügerische Ansprüche gemacht werden, so ist das eine Namensübertragung, die nicht härter ist, als die Verwendung des Ausdrucks „Gottesfurcht“ zur Bezeichnung des verkehrten und verderbten Gottesdienstes! So hören wir in der heiligen Geschichte mehrfach, die ausländischen Völker, die man in Samaria und den umliegenden Gegenden angesiedelt hatte, hätten erdichtete Götter und den Gott Israels „gefürchtet“! (2. Kön 17, 24 ff.). Und dabei bedeutet doch das, was sie taten, nichts Geringeres, als dass sie Himmel und Erde miteinander vermischten!
Wir fragen aber hier, was das für ein Glaube ist, der Gottes Kinder von den Ungläubigen unterscheidet, der uns Gott als Vater anrufen lässt, durch den wir vom Tode zum Leben dringen, durch den Christus, das ewige Heil und Leben, in uns wohnt. Kraft und Wesen dieses Glaubens hoffe ich nun kurz und klar dargelegt zu haben.
Wir finden im dritten Buch, im 24. Kapitel, Lektion 7 folgendes:
7
Man wir aber entgegnen:
Es kommt doch Tag für Tag vor, dass Menschen, die Christus zu gehören schienen, wieder von ihm weichen und zu Fall kommen. Ja, eben an der Stelle, an der Christus erklärt, es sei keiner von denen verloren gegangen, die ihm von dem Vater gegeben worden waren – da nimmt er doch „das verlorene Kind“ aus! (Joh 17, 12). – Dies ist zwar wahr; aber ebenso wahr ist es auch, dass diese Menschen nie und nimmer mit jener Herzenszuversicht an Christus gehangen haben, in der uns – wie ich behaupte – die Gewissheit der Erwählung bekräftigt wird! „Sie sind von uns ausgegangen“, sagt Johannes, „aber sie waren nicht von uns. Denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben“ (1. Joh 2, 19). Ich leugne auch nicht, dass sich an ihnen gleiche Merkzeichen der Berufung wie an den Auserwählten finden; aber die unerschütterliche Festigkeit der Erwählung, welche ich die Gläubigen aus dem Wort des Evangeliums zu nehmen heiße, die gestehe ich ihnen durchaus nicht zu! Deshalb sollen uns dergleichen Beispiele nie und nimmer davon abbringen, uns ruhig auf die Verheißung des Herrn zu stützen, in der er uns kundtut, dass alle, die ihn in wahrem Glauben annehmen, ihm vom Vater gegeben sind, und dass keiner von ihnen verloren gehen wird, da er doch ihr Hüter und Hirte ist (Joh 3, 16; 6, 39). Von Judas wird übrigens nachher gleich die Rede sein.
Paulus (1. Kor 10, 12; Röm 11, 20 ff.) warnt die Christen nicht einfach vor Sicherheit schlechthin, sondern vor jener lässigen, ungebundenen Sicherheit des Fleisches, die Aufgeblasenheit, Anmaßung und Verachtung der anderen mit sich bringt, die die Demut und Ehrerbietung vor Gott auslöscht, und die den Menschen dazu bringt, die empfangene Gnade zu vergessen! Denn er redet (Röm 11, 20 ff.) die Heiden an und lehrt sie, sie sollten die Juden nicht hoffärtig und unmenschlich schmähen, weil diese nun enterbt und sie selbst an ihrer Statt eingesetzt worden seien.
Er verlangt nun auch „Frucht“ von ihnen; aber das ist nicht eine solche, die sie erschrecken und wankend machen, sondern die uns lehren soll, demütig Gottes Gnade anzuschauen, und die, wie an anderer Stelle bereits ausgeführt wurde, der Zuversicht zu ihm keinerlei Abbruch tun soll. Zudem redet er nicht einzelne an, sondern eben die Parteien im Ganzen. Denn die Kirche war in zwei Parteien zerteilt, und der Wetteifer unter ihnen führte zum Zwiespalt. Da ermahnt nun Paulus die Heiden: wenn sie an die Stelle des heiligen Eigentumsvolkes aufgenommen seien, dann müsse ihnen das eine Ursache zur Furcht und zur Bescheidenheit sein.
Aber unter ihnen waren viele eitle Leute, und es war von Nutzen, ihr leeres Prahlen zu dämpfen. – Übrigens haben wir anderwärts gesehen, dass unsere Hoffnung auch die Zukunft umfasst, selbst über den Tod hinaus, und dass zu ihrem Wesen nichts so sehr im Widerspruch steht, als im Zweifel sein, was denn in Zukunft mit uns geschehen solle.
Lutz

lutz
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Beitragvon lutz » 20.06.2010 00:46

Joschie hat unter „Bücher und Medien“ eine überaus nützliche verlinkte Sammlung „Material zur Bibelarbeit“.
Dort findet man noch mehr Material über Calvin.

So sind dort auch Auslegungen verlinkt, die frei zum Lesen angeboten werden.
Die Apostelgeschichte ist auch vertreten:
Apg. 16:
V. 31. Glaube an den Herrn Jesum Christum. Es ist eine kurze und scheinbar nur zu selbstverständliche und doch erschöpfende Beschreibung des Heilsweges, dass man an Christus glauben soll. Denn dieser eine Christus schließt alle Seligkeiten und das ewige Leben vollkommen in sich und bietet sie uns durch das Evangelium an; wir aber ergreifen sie im Glauben, wie ich zu 15, 9 dargelegt habe. Zwei Stücke sind hier zu bemerken. Erstlich ist Christus der einzige Zielpunkt des Glaubens; die Gedanken der Menschen können also nur unstet umherschweifen, wenn sie von ihm ablenken. Zum andern ist zu bemerken, dass es zum Heil ausreicht, wenn wir nur Christus durch den Glauben ergreifen. Doch beschreibt das nächste Glied, welches Lukas alsbald beifügt, das Wesen des Glaubens noch genauer. Paulus und Silas heißen den Kerkermeister an den Sohn Gottes glauben. Aber begnügen sie sich mit diesem einen knappen Wort? Ganz im Gegenteil fügt Lukas im weiteren Bericht hinzu (V. 32): und sagten ihm das Wort des Herrn. Wir sehen also, wie der Glaube nicht eine oberflächliche und unfruchtbare Meinung betreffs unbekannter Dinge ist, sondern eine klare und deutliche Erkenntnis Christi, die man aus dem Evangelium schöpft. Wo keine Predigt des Evangeliums ist, wird auch kein Glaube Bestand behalten. Alles in allem: Lukas verbindet den Glauben mit der Predigt und der Lehre, und nachdem er kurz des Glaubens Erwähnung getan, berichtet er erläuternd über seine wahre und rechte Art. Statt des unentwickelten Glaubens, von welchem die Papisten schwätzen, wollen wir also den aus Gottes Wort entwickelten Glauben festhalten, der uns die Kraft Christi zur Entfaltung bringt.
Lutz

Jose
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Re: Was ist rettender Glaube?

Beitragvon Jose » 23.06.2010 09:57

Joschie hat geschrieben:Ich habe mit den Begriff rettender Glaube so meine Probleme! Was versteht man genau darunter?
Zu meinem vorherigen Beitrag möchte ich noch eine Begebenheit im NT erwähnen, die mich jedes Mal aufs Neue bewegt. Hier findet man den Begriff "rettender Glaube" zwar nicht, aber das Zeugnis eines großen Glaubens.

Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau Mt 15, 21-28
"Und Jesus ging von dort weg und zog sich in die Gegenden von Tyrus und Sidon zurück; und siehe, eine kanaanäische Frau, die aus jenem Gebiet herkam, schrie und sprach: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen. Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Und seine Jünger traten hinzu und baten ihn und sprachen: Entlaß sie! Denn sie schreit hinter uns her. Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Er antwortete und sprach: Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen. Sie aber sprach: Ja, Herr; doch es essen ja auch die Hunde von den Krumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an."

Durch ihren Glauben erreichte dieser Frau beim Herrn, dass ihre Tochter geheilt wurde. Sie hatte einen Glauben, der mit der Barmherzigkeit des Herrn Jesus rechnete und wusste, dass ER sie aus ihrer Not erretten kann!
Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, nach der rev. Elberfelder (PC-Ausgabe)


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