Allversöhnung, Arminianismus, Calvinismus und bibl. Lehre

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Gast

Allversöhnung, Arminianismus, Calvinismus und bibl. Lehre

Beitragvon Gast » 03.04.2011 08:29

Ich habe ja jetzt schon mehrmals aus dem Buch von Donald A. Carson "Ach, Herr, wie lange noch?" zitiert.

Der Mann hat sich anscheinend Mühe gegeben Gott und sein Wort verstehen zu wollen.

Eigentlich geht es in diesem Buch um die Frage des Leides, aber er behandelt damit auch Fragen und Themen, die andere Dinge des christlichen Lebens betreffen. Z.B. zeigt er wie man zu falschen Auslegungen der Bibel kommt und einem Text seine eigene Interpretation überstülpen kann.

Dabei nennt er zum einen "Die rücksichtlose Definition", dann zum zweiten "Der Triumph gegenseitiger Vernichtung" und zum dritten "Die zu frühe Schaffung von Rastern"

Der letzte Punkt bedeutet, dass weil wir in unserem Kopf ein Modell oder Raster entworfen haben, werden wir manchmal zu schnell in der Interpretation eines Abschnittes oder Verses. Wir sagen dann dies kann nur so gedeutet werden, weil andere Stellen bereits das gesagt haben.

Er schreibt auf Seite 220-221 folgendes:

"Nehmen wir ein weiteres Beispiel, den Bibelvers 2.Petrus 3,9: " Er übt mit euch Geduld, da er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass jeder zur Buße gelangt."
Es gibt vier mögliche Deutungen des Verses:
1. Gott will, dass jedermann zur Buße gelangt; darum wird zuletzt jedermann gerettet werden, denn niemand kann den Willen Gottes vereiteln.
2. Gott will, dass jedermann zur Buße gelangt, aber er ist - aus welchen Gründen auch immer - nicht imstande, dies zu bewerkstelligen, da einige Menschen offensichtlich nicht gerettet werden.
3. Aus dem Kontext geht hervor, dass das Wort "jeder" im Sinne von "jeder Erwählte" zu ergänzen ist.
4. Hier wird die rettungswillige Haltung Gottes gegenüber der ganzen Welt festgehalten: Er ist der Gott, der will, dass jedermann ohne Ausnahme gerettet werde. Da jedoch die Bibel an anderer Stelle in einem anderen Sinn vom "Willen" oder von den "Wünschen" Gottes spricht, dürfen wir uns nicht auf 2.Petr 3,9 als Beleg für unsere eigene Auffassung von der Erwählung oder der Willensfreiheit berufen.

Ein Allversöhner würde vermutlich die erste Position vorziehen. Indem er sich auf diese und andere Stellen beruft, konstruiert er ein "Raster", und jede Bibelstelle, in der von Menschen die Rede ist, die nicht gerettet werden - und es gibt davon viele - , muss er irgendwie wegerklären. Ein anderer ist der Meinung, die zweite Deutungsmöglichkeit sei richtig. Nach dieser Sichtweise hat Gott alles in seiner Macht Stehende bereits getan. Die Erlösung des Menschen hänge nun voll und ganz von seiner "Willensfreiheit" ab (wobei Willensfreiheit hier im kontrakausalen Sinn aufgefasst wird; s. oben). Das Raster wird konstruiert, und alles, was die Bibel über Erwählung oder Gnadenwahl zu sagen hat, wird herausgefiltert. Das Ergebnis ist, dass Gott keine echte Wahl mehr trifft, sondern bestenfalls im voraus eine Art Genehmigung erteilt. Für die dritte und die vierte Deutungsmöglichkeit könnte man ein ähnliches Vorgehen nachweisen.

Theologen haben seit langem darauf hingewiesen, dass biblische Aussagen über den Willen oder das Wollen Gottes unterschiedlich zu deuten sind. Wenn es heißt, dass Gott etwas will, ist manchmal nicht mehr gemeint als sein decretum absolutum oder Ratschluss, das heißt, sein wirkendes Vollbringen dessen, was sich ereignet. Was Gott im Himmel und auf der Erde will, das trifft ein. Er bewirkt alle Dinge in Übereinstimmung mit dem Ratschluss seines Willens. Andererseits setzt die Bibel den Willen Gottes manchmal mit seinen Wünschen gleich. So ist es der Wille Gottes, dass wir Christen heilig seien (1. Thessalonicher 4,3):
Es bedarf jedoch keiner großartigen Beobachtungsgabe, um feststellen zu können, dass der göttliche Ratschluss, das decretum absolutum, hier nicht gemeint sein kann. An anderer Stelle wiederum ist von der Zulassung Gottes die Rede, so beispielsweise dort, wo Gott dem Satan die Genehmigung erteilt, Hiob zu plagen. In ähnlicher Weise überlässt Gott Sünder ihren eigenen bösen Wegen (Römer 1,24.26.28); und in diesem Sinn ist es gemeint, wenn wir lesen, dass Gott sein Volk nicht gern bzw. nicht "von Herzen" betrübt (Klagelieder 3,33): Er lässt zwar zu, dass es geschieht, aber es entspricht nicht seinem Herzenswunsch. Weil Gott "langsam zum Zorn" und "reich an Erbarmen" ist, lässt er nur widerstrebend sein Volk leiden.

Auf die Gefahr hin, das Ganze zu vereinfachen, möchte ich dennoch folgendes feststellen: Spricht die Bibel vom Willen Gottes im Sinne seiner Allwirksamkeit oder seines Ratschlusses, so werden an der betreffenden Stelle die Transzendenz und das freie Walten Gottes in den Mittelpunkt gerückt; setzt sie jedoch den Willen Gottes mit einem - möglicherweise unerfüllten - Wunsch Gottes gleich, so stehen an dieser Stelle die Personalität Gottes sowie seine Fähigkeit, Wechselbeziehungen einzugehen, im Vordergrund."


Ich finde das Buch genial, weil es ausgewogene Kost ist. Carson hat den goldenen Mittelweg gefunden. Das gefällt mir. Es ist klar, dass der Arminianismus nicht korrekt sein kann, aber auch der Calvinismus, wenn er zum Hypercalvinismus wird, führt zu einem starren System und fehlende Lebendigkeit in der Beziehung mit Gott.

Gruß und gesegneten Sonntag
Samuel

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 03.04.2011 11:58

Samuel hat geschrieben:Es ist klar, dass der Arminianismus nicht korrekt sein kann, aber auch der Calvinismus, wenn er zum Hypercalvinismus wird, führt zu einem starren System und fehlende Lebendigkeit in der Beziehung mit Gott.
Genau von diesen beiden Seiten ist C.H.Spurgeon in seinem Leben am meisten angegriffen worden, warum wohl?
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Gast

Beitragvon Gast » 03.04.2011 16:59

Das Problem ist, dass wir das was hier Forum meistens unter Calvinismus bezeichnen, eher Hyper-Calvinismus nennen sollten. Wir sollten den 5 Punkten des Calvinismus 5 Punkte des Handelns des Menschen gegenüber stellen, dann wären wir wieder beim Calvinismus der Bibel.

Ich will mich nicht mehr als Calvinist bezeichnen, höchstens als biblischer Calvinist. Ach nein, darauf will ich auch verzichten, ich will mich doch viel lieber ganz einfach nur Christ nennen. Dass ist die höchste Ehre die ich mir geben kann, wenn ich den Namen des hochgelobten Gottessohnes tragen darf. Größere Würde kann mir nicht zuteil werden, wenn ich diesen außerordentlich ehrenhaften Namen äußerlich und innerlich führe.
Gruß und Segen
Samuel

Jose
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Spurgeon zwischen was?

Beitragvon Jose » 03.04.2011 17:21

Joschie hat geschrieben:
Samuel hat geschrieben:Es ist klar, dass der Arminianismus nicht korrekt sein kann, aber auch der Calvinismus, wenn er zum Hypercalvinismus wird, führt zu einem starren System und fehlende Lebendigkeit in der Beziehung mit Gott.
Genau von diesen beiden Seiten ist C.H.Spurgeon in seinem Leben am meisten angegriffen worden, warum wohl?
Gruß Joschie
Von welchen zwei Seiten wurde Spurgeon am meisten angegriffen? Von Calvinismus und Hyper-Calvinismus oder von Arminianismus und Calvinismus?

José

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Beitragvon Der Pilgrim » 03.04.2011 19:46

Samuel A. hat geschrieben:Das Problem ist, dass wir das was hier Forum meistens unter Calvinismus bezeichnen, eher Hyper-Calvinismus nennen sollten.
Hallo Samuel,
Woran machst du denn das genau fest? Ich teile diese Einschätzung nicht mit dir. Ein Hyper-Calvinist ist nach meinem Wissensstand jemand, der es nicht für nötig hält, dass man anderen Menschen das Evangelium predigt oder für sie betet, da er nicht glaubt, dass die Menschen feste Bestandteile von Gottes Heilsplan sind und deswegen auch Verantwortung und Aufgaben besitzen. Damit widersetzt er sich jedoch den klaren Befehlen Gottes, der uns ja aufgetragen hat, das Evangelium zu predigen. Welcher Aussage hier im Forum entnimmst du denn solches Gedankengut?
Freundliche Grüße und Gottes Segen
Simon
Simon W.

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 03.04.2011 20:04

Jose hat geschrieben:Von welchen zwei Seiten wurde Spurgeon am meisten angegriffen? Von Calvinismus und Hyper-Calvinismus oder von Arminianismus und Calvinismus?
Vom Hyper-Calvinismus und Arminianismus.
Joschie
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Gast

Beitragvon Gast » 03.04.2011 20:27

Ich weiß leider immer noch nicht wie ich aus anderen Threads zitieren kann. Folgende Aussagen sind in diesem Forum öfters gefallen:

In Joh 3,16 kann das Wort "Welt" nicht "alle Menschen" bedeuten. Aber das Wort "Welt" meint in diesem Zusammenhang die Menschheit, nicht Erwählte, nicht vorausgesehene Gläubige, sondern alle Menschen.

Dann wurde auch behauptet, dass der Vers 1.Tim 2,4 "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden", bedeutet "Menschen aus allen Stämmen" und nicht etwa das "Gottes wirklich Wunsch es ist, dass wirklich alle Menschen gerettet werden".

In 1 Joh 2,2 wird "ganze Welt" so interpretiert dass Jesus nicht ein Sühnopfer für alle Menschen ist, sondern für "erwählte Heiden".

Das ist meiner Ansicht nach Hypercalvinismus. Natürlich kann er noch stärker ausgeprägt sein, aber es ist schon eine leichtere Form.

Hypercalvinisten behaupten auch, dass nur diese Interpretation von Gottes Vorherwissen und der Errettung von Sündern wahr sein kann:

"In der vergangenen Ewigkeit hat Gott gewisse Personen in dem Sinn erkannt, dass er sich souverän entschloss sie zu segnen."

Folgende Interpretation ist aber auch wahr:

"Gott wusste im Voraus, wer an Christus als seinen Herrn und Erlöser glauben würde, und seine Auswahl dieser Personen basierte auf diesem Vorherwissen"

Bei der ersten Interpretation liegt die Betonung bei der Errettung auf Gottes Souveränität und bei der zweiten auf der Verantwortung des Menschen, dass sie Buße tun und glauben.
("So ist Gott" - William Mac Donald, S. 125)

Wir sollten beide Seiten lehren. Wenn das Calvinismus ist, dann bin ich Calvinist, ansonsten nicht.
Gruß und Segen
Samuel
Zuletzt geändert von Gast am 04.04.2011 07:57, insgesamt 2-mal geändert.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 03.04.2011 20:58

Samuel hat geschrieben:Natürlich kann er noch stärker ausgeprägt sein, aber es ist schon eine leichtere Form.
Das mag natürlich deine Meinung sein, wie du ja schreibst, aber nach der gewöhnlichen Definition ist das "normaler" Calvinismus. Und ich weiß auch nicht, in wie fern man überhaupt von "starkem" oder "schwachen" Hypercalvinismus reden kann, eigentlich ist das ein Begriff, der - zumindest für mich - schon das absolute Extrem darstellt.
Samuel hat geschrieben:Folgende Interpretation ist aber auch war:
"Gott wusste im Voraus, wer an Christus als seinen Herrn und Erlöser glauben würde, und seine Auswahl dieser Personen basierte auf diesem Vorherwissen"
Was meinst du jetzt genau mit "wahr"? Dass diese Interpretation "calvinistisch" ist? Um so etwas beurteilen zu müssen, muss man aber doch Calvin selber heranziehen (immerhin ist er ja nicht von Ungefähr her der Namensgeber für den "Calvinismus" :wink:) und Calvin lehnt diese These explizit ab:

Die Vorbestimmung, kraft deren Gott die einen zur Hoffnung auf das Leben als seine Kinder annimmt, die anderen aber dem ewigen Tode berantwortet, wagt keiner, der als fromm gelten will, rundweg zu estreiten, nein, man verwickelt sie nur in viele Spitzfindigkeiten; vor allem tun das die, welche das Vorherwissen (praescientia) für ihre Ursache erklären (Institutio III,21,5)

Unter Vorsehung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.
(Institutio III, 21).

Vorsehung - das muß der Leser festhalten - bedeutet also nicht, daß Gott müßig im Himmel betrachtete, was auf Erden vor sich geht, ondern im Gegenteil, daß er gewissermaßen das Ruder hält und also alle Ereignisse lenkt. (Institutio III,16,4)

Calvin macht immer wieder deutlich, dass Vorherbestimmung für ihn nicht bedeutet, dass Gott die Ereignisse vorhersieht und dann im Voraus etwa seine Entschlüsse macht; nein, vielmehr hat nach Calvin Gott alle Dinge vor der Schaffung der Welt in rechter Weise angeordnet - und dazu gehört auch die Verwerfung und die Erlösung. Das ist der Calvinismus, wie ihn Calvin selber also vertritt. Du kannst natürlich gerne an das "Vorherwissen" und die darauf basierte Personenwahl glauben, aber dann musst du zumindest zugeben, dass das kein Calvinismus ist und damit auch, dass die, die an eine Vorherbestimmung glauben, keine Hypercalvinisten sind :wink:
Samuel hat geschrieben:Wenn das Calvinismus ist, dann bin ich Calvinist, ansonsten nicht.
Also wenn du die erste Aussage abstreitest, dann bist du wohl kein Calvinist. Ich kenne auch viele Arminianer, die der 2. Aussage von dir ohne Einschränkungen zustimmen würde. Ich glaube mit einer ähnlichen Denkweise interpretieren Arminianer z.B. auch die von Calvinisten oft verwendete Stellen zur Erwählung wie Römer 9 u.a.

Freundliche Grüße und Gottes Segen,
Simon
Simon W.

Gast

Beitragvon Gast » 03.04.2011 21:51

Mit wahr meine ich biblisch wahr. Calvin lehnte dies also ab, also bin ich kein Calvinist.

Grüße und Segen
Samuel

lutz
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Beitragvon lutz » 04.04.2011 18:22

Samuel A. hat geschrieben:
Folgende Interpretation ist aber auch wahr:
"Gott wusste im Voraus, wer an Christus als seinen Herrn und Erlöser glauben würde, und seine Auswahl dieser Personen basierte auf diesem Vorherwissen"
Da gibt es aber einige Möglichkeiten diesen Satz zu verstehen.
Gängig ist z. B. die:
Vorherwissen im Sinne eines passiven in die Zukunft schauen, danach richtet sich dann das aktive Handeln Gottes (Auswahl).

In diesem Falle liegt die Betonung nicht einfach darauf, dass der Mensch verantwortlich ist. In diesem Fall wird vom Menschen etwas vorausgesetzt.

Die Dordrechter Lehrregeln sind da eindeutig.
http://confessio.reformata.de/drei-form ... lehrregeln
Erstes Lehrstück: Von der göttlichen Vorherbestimmung
Artikel 9
Ebendiese Erwählung ist nicht geschehen nach vorhergesehenem Glauben und gläubigem Gehorsam, nach Frömmigkeit oder irgendeiner anderen guten Eigenschaft oder Beschaffenheit, als wenn ein Grund oder eine Bedingung in dem zu erwählenden Menschen vorher erforderlich wäre, sondern zum Glauben, zu gläubigem Gehorsam, zur Frömmigkeit usw. Und deshalb ist die Erwählung die Quelle jedes seligmachenden Gutes, aus der Glaube, Frömmigkeit und die übrigen heilbringenden Gaben, das ewige Leben selbst endlich wie ihre Früchte und Wirkungen hervorgehen, nach dem Wort des Apostels: »Er hat uns erwählt, [nicht weil wir waren, sondern] daß wir wären fromm und schuldlos vor ihm in Liebe« (Eph 1, 4).
Artikel 10
Der Grund dieser Erwählung aus Gnade aber ist allein das Wohlgefallen Gottes, nicht darin bestehend, daß er bestimmte Eigenschaften oder Handlungen der Menschen aus allen möglichen Bedingungen zur Bedingung des Heils auserwählte, sondern darin, daß er gewisse, bestimmte Personen aus der allgemeinen Menge der Sünder sich zum Eigentum nahm, wie geschrieben steht: »Ehe die Kinder geboren waren und noch weder etwas Gutes noch Böses getan hatten usw., wurde gesagt [nämlich der Rebekka]: Der Ältere wird dem Jüngeren dienen, wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau gehaßt« (Rom 9, 11–13). Und: »Es glaubten, so viele zum ewigen Leben verordnet waren« (Apg 13, 48).


Und in dem, was als unbiblisch verworfen wurde, heißt es:

5. Die lehren:
»Die unvollständige und nichtentscheidende Erwählung einzelner Personen zur Seligkeit sei geschehen wegen vorhergesehenen Glaubens, Buße, angefangener oder eine Zeitlang fortgesetzter Frömmigkeit und Gottesfurcht, die vollständige aber und entscheidende wegen der bis zum Ende ausdauernden Beharrlichkeit im vorhergesehenen Glauben, in der Buße, Frömmigkeit und Gottesfurcht; und dies sei auch die durch Gnade erlangte evangelische Würdigkeit, wegen derer derjenige, der erwählt würde, würdiger sei als der, der nicht erwählt würde; und so seien ferner Glaube, Gehorsam im Glauben, Frömmigkeit, Gottesfurcht und Beharrlichkeit nicht Früchte oder Wirkungen der unveränderlichen Erwählung zur Herrlichkeit, sondern unerläßliche Bedingungen und Ursachen, welche bei dem zu Erwählenden vollständig vorausverlangt und als vollbracht vorhergesehen wären.«

Dies widerstreitet der ganzen Schrift, welche diese sowie andere Aussprüche uns zu hören und zu beherzigen gibt: »Die Erwählung ist nicht aus den Werken, sondern aus dem Rufenden« (Rom 9, 11). »Es glaubten, so viele verordnet waren zum ewigen Leben« (Apg 13, 48). »Er hat uns in sich erwählt, daß wir heilig seien« (Eph 1, 4). »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt« (Joh 15, 16). »Wenn aus Gnade, so nicht aus Werken« (Rom 11, 6). »Darin besteht die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und seinen Sohn gesandt« (1.Joh 4, 10).


Wenn die Dordrechter Lehrregeln für dich zum „Hypercalvinismus“ gehören, dann musst du dich auf extreme Sprachverwirrung einstellen. Das weicht vom allgemeinen Sprachgebrauch erheblich ab. Der Begriff „Calvinismus“ hat im allgemeinen Sprachgebrauch festgeschriebene Inhalte. Solche Inhalte erwartet man dann auch, wenn der Begriff gebraucht wird.

Lutz

lutz
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Beitragvon lutz » 04.04.2011 18:26

Samuel A. hat geschrieben: Ich will mich nicht mehr als Calvinist bezeichnen, höchstens als biblischer Calvinist. Ach nein, darauf will ich auch verzichten, ...
Dann mal zurück zum Buch und zum Thema: Allversöhnung, Arminianismus, Calvinismus und biblische Lehre.

Steht Carson mit seiner Vereinbarkeitsthese auf dem Boden der Bibel oder nicht?
Wo unterscheidet sich Carson´ s Vereinbarkeitsthese von dem, was „Calvinismus“ im allgemeinen Sprachgebrauch in diesem Zusammenhang lehrt?

Carson´ s „Ach, Herr wie lange noch?“ und die „Erörterung der Vereinbarkeitsthese“ (S. 209 ff.):
Vereinbarkeitsthese bedeutet hier, dass die Bibel ausdrücklich lehrt oder stillschweigend voraussetzt:
1. Der allmächtige Gott waltet souverän und frei, doch wirkt sich seine Herrschaft niemals so aus, dass dabei die Verantwortung des Menschen beschnitten, minimiert oder gänzlich aufgehoben würde.
2. Menschen sind moralisch verantwortliche Wesen – sie treffen sinnvolle Entscheidungen, rebellieren, gehorchen, glauben, widersetzen sich usw. und werden zu Recht für diese Handlungsweise verantwortlich gemacht: Dies wirkt sich jedoch nie so aus, dass Gott dadurch eingeschränkt würde. (S. 197)
Zuerst betont Carson, dass nur wenige Vertreter dieser These so unvorsichtig sind, zu behaupten, sie wüssten genau, wie diese beiden Aussagen zusammenpassen.
Er sagt, man könne nur zeigen, dass sie nicht notwendig im Widerspruch zueinander stehen. Er sagt aber auch, dass es unmöglich ist festzustellen, wie sie logisch zusammenhängen, weil sie zu viele unbekannte Faktoren aufweisen.

Carson entfaltet hier einige Punkte:
Vereinbarkeitsthese und „Gott ist gut“ bedeutet, dass Gott niemals für das Böse moralisch verantwortlich zu machen ist. Wer sündigt ist selbst für seine Sünde verantwortlich.
„… Gott steht so hinter dem Übel, dass es sich nicht außerhalb der Grenzen seiner Weltregierung ereignen kann, jedoch nicht so, dass Gott für das Übel moralisch verantwortlich zu machen ist. Für das Übel sind stets untergeordnet Handelnde, Zweitursachen, verantwortlich.“ (S. 210)
Das Gute hingegen ist Gott zuzuschreiben. „Tue ich aber Gutes, dann steht Gott dahinter, der in mir beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (S. 210)

Ist die Vereinbarkeitsthese wahr, dann sind jeder christlichen Definition der Willensfreiheit zwei Grenzen gesetzt.
Was der Mensch tut, tut er willig, dafür wird er zur Rechenschaft gezogen – aber dieser Wille schränkt Gott nicht ein.
Nach dem Sündenfall kann man über Willensfreiheit nicht sprechen ohne diesen Fall zu berücksichtigen. Sklave der Sünde ist eine Lehre der Schrift.
Echte Willensfreiheit besteht darin, Gott ohne Vorbehalt zu gehorchen. Echte Willensfreiheit besteht nicht darin, anders zu handeln – sondern darin Gott in jedem Augenblick zu gefallen. In Jesus (speziell in den Aussagen des Johannesevangeliums) sehen wir den höchsten Ausdruck echter Willensfreiheit.

Die Vereinbarkeitsthese ist aufs engste damit verknüpft, dass „der Gott, der sich in der Bibel und vor allem in der Person seines Sohnes offenbart, sowohl transzendent als personhaft ist.“ (S. 213)
Alles wofür wir zu Rechenschaft gezogen werden, wird durch die Gebote und Verbote Gottes bestimmt. Das setzt voraus, dass es sich um einen personalen Gott handelt und nicht um eine unpersönliche Kraft. Einer unpersönlichen Kraft gegenüber wäre man nicht rechenschaftspflichtig. Gott ist aber nicht in gleicher weise personhaft wie Menschen Personen sind.

Jetzt kommt das „Raum-Zeit-Problem“.
Transzendent heißt auch, Gott lebt jenseits oder außerhalb von Zeit und Raum. Er gibt sich innerhalb von Zeit und Raum dem Menschen zu erkennen. „Er hat sich entschieden, sich uns in Raum und Zeit zu offenbaren, weil wir nur so ihn verstehen können.“(S. 214)
„Ich sehe, dass Gott sich als ein personales Wesen offenbart hat, habe aber keine Ahnung, wie ein personaler Gott gleichzeitig auch transzendent sein kann.“ (S. 214)

Nun beschäftigt sich das Buch nicht mit dem Thema „Erwählung“. Dennoch findet man Abstecher. Unter dem Unterpunkt „Evangelisation“ (S. 235 ff.):
„…Man zieht aus bestimmten biblischen Aussagen Schlüsse und verwendet diese, um andere ebenso deutliche biblische Aussagen zu verwässern. Die Lösung dieses Problems besteht wieder einmal darin, den biblischen Lehren den Platz in unserem Leben und Denken einzuräumen, der ihnen auch in der Schrift zukommt. …
Wir haben bereits festgestellt, dass die Erwählungslehre in Apostelgeschichte 18, 9 f. als Anreiz zur Evangelisation dient und keinesfalls wie ein Hemmschuh wirkt. …
Aus Sicht der Kirchengeschichte betrachtet, gibt es keinen Zusammenhang zwischen einem Festhalten an den klaren biblischen Aussagen über die Erwählung und einem Abkühlen des evangelistischen Eifers. …
Eine weitere Aufgabe der Erwählungslehre besteht in der Überwindung menschlichen Hochmuts. ….
Auch in Römer 9 wird die Erwählung mit Gottes freier Gnade in Verbindung gebracht: „ich werde begnadigen, wen ich begnadige, und werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme“ (V. 15; rev. Elberfelder Übers.). Damit ist nicht gesagt, dass den Erwählten der rettende Glaube aufoktroyiert wird oder dass Menschen gegen ihren Willen gezwungen werden, sich zu einem Glauben zu bekennen, den sie im Herzen gar nicht besitzen…
Der Nachdruck, der auf gehorsames Hören gelegt wird, dient in einigen Fällen zur Erkenntnis von Schuld und Verantwortung…
Dieser kurze Abstecher dient als Illustration für eine viel grundsätzlichere Ermahnung im Umgang mit dem „eisernen Bestand der Schrift“:
Man könnte noch sehr viel mehr zu diesem Thema sagen, doch ging es mir hier lediglich um die recht einfache Wahrheit: Achten wir sorgfältig darauf, die Aussagen über die Geheimnisse, die zum eisernen Bestand der Schrift und der biblischen Offenbarung über das Wesen Gottes gehören, nur so anzuwenden, wie sie in der Schrift angewandt werden. So werden diese Geheimnisse nicht missdeutet.“


Lutz

PS: Es sei außerdem auf die ausführlichen Zitate hier:
http://www.betanien.de/forum/viewtopic. ... 3&start=30
(Gottes Souveränität vs. Verantwortung des Menschen; unter "reform. gesinnt") verwiesen.


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