"Missionale Gemeinde" biblisch?

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Joel213
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"Missionale Gemeinde" biblisch?

Beitragvon Joel213 » 01.01.2012 13:58

Hallo,
in habe schon mehrmals in Blogs Warnungen vor der "Emerging Church" und ihren mannigfaltigen theologischen Vorstellungen gelesen. Es wird oft gesagt was da so "böse" und "falsch" ist, aber so gut wie nie wie es ihrer Ansicht nach biblisch "gut" und "richtig" wäre. Insbesondere zur "Missionalen Gemeinde" stellen sich mir da einige Fragen. Mir ist noch nicht 100% klar, was damit im Detail gemeint ist und was daran genau unbiblisch ist. Mal ein Beilspiel entnommen von http://narjesus.wordpress.com:

"[...] und Teile der Theologie des „Konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ aus den 1980er-Jahren – eine Lehre, die aus guten theologischen Gründen nie im evangelikal-charismatischen Bereich zu Hause war – begegnen einem jetzt mitten im evangelikalen Haus als „missionale“ Déjà-vu-Erlebnisse in Gestalt des „Missio Dei“- und „Reich Gottes“-Denkens der Emergenten Bewegung, wobei mit Jim Wallis von den Sojourners sogar einer der damaligen „Konziliaren“ erneut an vorderster Front erscheint."

Wenn ich jetzt mal nach "Missio Dei" bei Wikipedia kucke, steht da:
"In der Vorstellung der missio dei wird die Mission trinitarisch verankert: Gott Vater sendet seinen Sohn Jesus Christus. Vater und Sohn senden den Heiligen Geist zur Versöhnung der Welt. Christus sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21 EU). Durch diese trinitarische Verankerung der Mission, die auch von orthodoxen und katholischen Kirchen begrüßt wurde, sollen Engführungen und Einseitigkeiten überwunden werden. Mission ist nicht mehr eine Veranstaltung der Kirche, sondern die Kirche unterstellt sich der Mission Gottes, der Zuwendung Gottes zur Welt. Gott selbst ist das Subjekt der Mission. Mission ist damit ein Handeln mit globaler Dimension, denn der Heilswille Gottes bezieht sich dabei nicht nur auf die Menschen, sondern auf seine gesamte Schöpfung. Mission verfolgt damit letztendlich das Ziel von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung."

Kann mir vielleicht einer verständlich erklären, warum das jetzt "böse" und "falsch" ist und was man biblisch "gut" und "richtig" machen sollte? Ich könnte mir jetzt rein vom Text vorstellen, das befürchtet wird, dass die Verkündigung des Evangeliums zu kurz kommen könnte und stattdessen Hilfsprojekte ohne frohe Botschaft durchgeführt werden. Aber das wäre für mich nicht zwingend, da ja das Ziel "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpung" nur durch Jesus Christus wirklich real werden kann. Und da ja laut Definition der "Mission Dei" nur Gott das Subjekt der Mission wäre und der Mensch der Handelnde, sehe ich da jetzt garnicht so sehr das Problem. Wäre schön wenn mir da mal jemand weiterhelfen könnte. Vielen Dank!

RKubsch
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Beitragvon RKubsch » 01.01.2012 16:51

@Joel: Die "Missio Dei" ist weder böse noch falsch. Sie besagt vor allem, dass Gott selbst seine Mission vorantreibt. Dort, wo innerhalb der missionalen Kreise dieser Aspekt hervorgehoben wird, geschieht dies zurecht. Richtig ist es auch, wenn Christsein von der Konzentration auf "Errettung" befreit wird. Es geht bei der Nachfolge Jesu nicht nur um das persönliche Heil, sondern um vielmehr (siehe dazu auch: http://www.theoblog.de/wp-content/uploa ... sseits.pdf ).

Problematisch wird eine "missionalen Theologie", wo das Erlösungswerk von Jesus Christus durch die Betonung von gesellschaftlicher Veränderung verdrängt wird. Dann geht es weniger um die Verkündigung des Evangeliums, als vielmehr um die Veränderung von Strukturen etc. Manchmal wird dabei sogar vergessen, dass Gott diese Welt wegen der Sünde verflucht hat. Es gibt sogar Freunde, die behaupten, die Hauptaufgabe der Christen bestehe darin, die Obrigkeit darauf hinzuweisen, dass Jesus Herr sei. In missionalen Kreisen wird deshalb wenig über unser Sündersein und eine notwendige Herzenveränderung gesprochen, vielmehr wird der politische o. diakonische Auftrag betont.

Eine hilfreiche Abhandlung zum Thema ist: Michael S. Horten: Missionale Gemeinde oder neues Mönchtum?. Du kannst sie hier herunterladen:

http://www.theoblog.de/michael-horton-m ... tum/11848/

Ich empfehle außerdem:
http://www.theoblog.de/vom-nutzen-der-» ... ie«/15637/

Gilbert möchte mit seinem Buch gerade positiv beschreiben, was Evangelium ist (ohne dabei auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen und den Glauben zu privatisieren).

Liebe Grüße, Ron

Zur EmCh siehe a. hier: http://www.theoblog.de/wp-content/uploa ... rev121.pdf

lutz
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Beitragvon lutz » 01.01.2012 18:25

Hallo Joel,
was ist falsch an „ganzheitlicher Mission“? Welche Aufgabe hat eigentlich die Gemeinde des Herrn Jesus Christus nach der Schrift?
Das ist nicht nur für dich ein gar nicht so leicht zu durchschauendes Feld. Immerhin werden biblische Begriffe und Formulierungen verwendet – interessant ist es, wenn diese hinterfragt werden.
Eine sehr herausfordernde Bibelarbeit hat auch R. Senk auf seiner Gemeindewebseite veröffentlicht: http://www.begowl.de/artikel/Missio.pdf
(MISSION – GOTTES PRIORITÄT FÜR DIE GEMEINDE?, Eine biblisch-theologische Untersuchung, Von Ronald Senk)

Nachfolgend liste ich dir mal Zitate auf, ohne sie zu kommentieren. Vielleicht sind die ein fasslicherer Einstieg in die Thematik.

Obwohl „Missio Dei“ in diesem Buch als Wortkombination keine große Rolle spielt, so beschäftigt es sich doch ziemlich ausführlich mit „ganzheitlicher Mission“, „globaler Transformation“ und auch darin eingebettet der „Emergent Church“.

http://www.cbuch.de/Erdmann-Der-Griff-zur-Macht-p3502/
(Martin Erdmann, Der Griff zur Macht, Betanien)

Zitat:
„Das traditionelle Christentum lehrt: Das Evangelium des ewigen Heils bezieht sich auf den Glauben an Jesus Christus und dessen vergossenes Blut am Kreuz. Die Betonung liegt einerseits auf der Buße, also der Sinnesänderung und Abwendung vom Bösen, und andererseits auf der Bekehrung, also der Hinwendung des Menschen zu Gott. Das Königtum Gottes ist in dieser Zeit der Gnade ein geistlicher Bereich, der durch die evangelistische Verkündigung des Wortes Gottes vergrößert wird. Christus machte zweifellos deutlich, dass sein Reich „nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36) ist, sondern eine geistliche Herrschaft über die Herzen der Gläubigen (Luk. 17, 20 – 21). Matthew Henry, der bekannte englische Bibelausleger, schrieb 1706 über die auferlegte Pflicht der Evangelisation:

Christus beabsichtigte, dass sein Evangelium weder durch Feuer und Schwert propagiert werden sollte noch durch den Zorn der Menschen als Exekutoren der richtenden Gerechtigkeit Gottes. Wenn wir Gott in den höchsten Tönen loben, sollten wir einen Olivenzweig des Friedens in Händen halten. Die Siege Christi werden dank der Kraft des Evangeliums und der Gnade über die geistlichen Feinde errungen. Darin zeichnen sich die Gläubigen mehr als Überwinder aus. Das Wort Gottes ist das zweischneidige Schwert (Hebr. 4, 12), das Schwert des Geistes (Eph. 6, 17).

Der Dominionismus lehrt: Das Evangelium des Heils bewirkt die Einführung des „Königreichs Gottes“ als ein irdisches Reich der Herrschaft Christi, das in der jetzigen Zeit aufgerichtet werden soll. Einige Dominionisten vergleichen das Königreich des Neuen Testaments mit dem Israel des Alten Testaments. Sie fühlen sich demnach berechtigt, das Schwert zu ergreifen oder andere Methoden der Strafjustiz zu wählen, um Krieg gegen die Feinde des „christlichen“ Königreiches zu führen. Menschen, die sich der Herrschaft Gottes nicht unterordnen, müssen gezwungen werden, ins Königreich zu kommen. Die Kirche besitzt nun die gleiche juristische Gewalt, wie sie in der Bibel dem triumphalen Jesus Christus bei seiner Wiederkunft zugeschrieben wird. …

Die Theologie des Dominionismus setzt sich aus drei Grundannahmen zusammen:
1. Satan nahm nach dem Sündenfall widerrechtlich die herrschaftliche Stellung über die Welt ein, die eigentlich dem Menschen vorbehalten war.
2. Die Kirche ist Gottes Instrument, um Satan die Herrschaft wieder abzunehmen.
3. Die Wiederkunft Jesu wird solange hinausgezögert, bis die Kirche die Herrschaft über alle staatlichen und sozialen Institutionen der Welt errungen hat. …
“ (S. 28 /29)

http://issuu.com/betanien/docs/griffzurmacht
(Kapitel 1 bis 3 als Leseprobe)

Lutz

lutz
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Beitragvon lutz » 01.01.2012 18:26

Hier liste ich mal einige Aussagen, die auch damit zu tun haben.
Das sind sämtlich Links und Aussagen der Befürworter.

http://www.gesellschaftstransformation. ... 148996.pdf
Besonders hilfreich ist eine soziologische Perspektive jedoch für den missionalen Auftrag, sich an Gottes ‚missio Dei‘, seiner Verwirklichung seines ganzheitlichen Heilsplans zu beteiligen. Einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit beispielsweise kann eine Gemeinde nur leisten, wenn sie sich nicht nur (!) darum kümmert, die Opfer ungerechter gesellschaftlicher Strukturen zu verarzten, sondern strategisch ansetzt an den Entstehungsbedingungen und strukturellen Wurzeln von Ungerechtigkeit.
http://www.gesellschaftstransformation. ... 398602.pdf
Das Wort Gesellschaftstransformation ist in der deutschen Gemeindelandschaft noch nicht sehr weit verbreitet, obwohl es eines der zentralen Begriffe in einer weltweiten Diskussion ist. So stand der letzte Lausanner Kongress für Weltmission 2004, in dem evangelikale Christen aus über 50 verschiedene Länder teilnahmen, unter dem Thema verschiedener Transformationsprozesse. Transformation beschreibt die konkreten Veränderungen,
die durch das anbrechende Reich Gottes auf der Erde sichtbar werden. Diese Veränderungen umfassen das ganze Leben des Menschen (Geist, Seele & Leib) und finden konkret innerhalb unserer realen Gesellschaft statt.
Der Gedanke der Gesellschaftstransformation versucht nun wieder die Ganzheitlichkeit des Heils in den Blick zu bekommen und zu fördern, über die Individualbekehrung hinauszugehen und zum einen den Menschen als Ganzes (Leib, Seele & Geist) zum Heil zu führen und darüber hinaus strukturell Veränderungen auf verschiedenen
Ebenen herbeizuführen (politisch, ethisch und sozial).
Gesellschaftstransformation beschreibt Veränderungsprozesse, die aus einer Integration von Mission und sozialem Wandel erwachsen. Diese ganzheitlichen Prozesse zeigen sich im Wachstum von Gerechtigkeit und zielen auf ein ganzheitliches Heil (Schalom) ab. Gesellschaftstransformation bewirkt somit eine missionale Gestaltung von Christsein und christlichen Gemeinden, in der sich verändernden Wirklichkeit dieser Welt. Theologisch beschreibt Gesellschaftstransformation die inkarnatorische Dimension von Liebe und Tat im
ganzheitlichen Prozess der Transformation im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. Diese Veränderungen umfassen sowohl die physisch-materielle, die spirituelle als auch die psychische und soziale Dimension des menschlichen Lebens. Es geht also um Stadtteile, Dörfer und ganze Regionen und wie wir Christen so gesellschaftsverändernd leben können, dass wir ein Teil des Ganzen werden.
Lutz

PS: Siehe dazu auch meinen Beitrag vom 24. 09. 2011 (20:33 Uhr) (unter „Aktuelle Sachthemen“, „Emerging Church – ein neuer Weg oder Irrweg)
http://www.betanien.de/forum/viewtopic.php?t=1429
Als Bibelleser wirst du überrascht sein, wie J. Reimer bspw. „Gemeinde“ definiert – auch wenn dir der Name an sich nichts sagen sollte.

Joel213
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Beitragvon Joel213 » 01.01.2012 23:30

Danke für die vielen Links. Ich werde die demnächst alle mal sichten.

Aber nochmal kurz zum Verständnis für mich, möchte ich das bisher geschriebene mal zusammen fassen: Also eine "Missionale Gemeinde" möchte auch in die Gesellschaft einwirken. Nicht nur oberflächlich verarzten, sondern das Übel an der Wurzel anpacken. Beispiele nach meinem Verständnis wären jetzt, dass man nicht nur ne Armenküche aufmacht sondern sich auch politisch dafür einsetzt, dass es nicht mehr soviel Armut gibt. Oder nicht nur Schwangerenkonfliktberatung anbieten, sondern sich dafür politisch einsetzen das Abtreibung verboten bzw. vermindert wird. Wenn ich diese politischen Ziele erreiche, verändere (transformiere) ich die Gesellschaft ein Stückchen. Bezeugen Christen mit solch einen Verhalten der Gesellschaft nicht die Liebe Gottes? Hört sicht doch garnicht mal so schlecht an finde ich. Also wenn die Verkündigung des Evangeliums weiterhin noch gegeben ist in der Gemeinde, spricht doch nichts gegen so einen "missionalen Lebensstil" oder?

lutz
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Beitragvon lutz » 01.01.2012 23:37

Joel, du musst aufpassen.
Was du als persönlichen Lebensstil hast und was der Auftrag der Gemeinde ist.
Politiker können durchaus Christen sein und insofern wirkt sich ihr Glaube natürlich auch aus.

Hier geht es darum nicht - hier geht (bei meinen Links) es bspw. darum alle Christen verbindlich als von Gott berufen für gesellschaftliche Zwecke verpflichtend einzuspannen.
Das Ziel ist gigantisch und für jemanden, der davon überhaupt keine Ahnung hat - fast unglaublich, haarsträubend ....
Über den "missionalen Gedanken" erreicht man sehr viel Akzeptanz - irgendwie ist das das Herzstück so vieler.

Ja, lies dir alles in Ruhe durch. Das ist nur eine Auswahl.

Lutz


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