Marie Durand

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Jörg
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Marie Durand

Beitragvon Jörg » 04.10.2011 04:26

Die Hugenottin Marie Durand

Wenn ein Mensch bereit ist, schon mit 15 Jahren um des Herrn willen ins Gefängnis zu gehen und 38 Jahre darin ausharrt, muss er es mit der Hingabe an Christus sehr ernst meinen. Marie Durand hat ihr Leben für Christus „aufs Spiel“ gesetzt.

Historischer Hintergrund

Mit der Machtergreifung Ludwigs XIV. im Jahr 1661 wurden in Frankreich die Hugenotten (französische Protestanten) erneut unterdrückt. Man versuchte ihre Rückkehr zur Katholischen Kirche mit brutalen Mitteln zu erzwingen. Als im Jahr 1685 der König das Edikt von Nantes widerrief, war dem Protestantismus in Frankreich jede Daseinsberechtigung entzogen. Eine Massenflucht der Hugenotten setzte ein. Hunderttausende verließen das Land. Für diejenigen, die zurückblieben, brach eine äußerst harte Zeit an. Viele verloren Hab und Gut, ihre Freiheit oder sogar ihr Leben.

Die Durands

Auch der gläubige Entienne Durand und seine Frau Claudine Gamonet aus Le Bouchet-de-Pranles (Südfrankreich) waren Hugenotten. Sie hatten zwei Kinder: Pierre Durand (*1700) und Marie Durand (*1715). Da in ihrem Haus unerlaubte Versammlungen stattfanden, wurden sie 1729 eingekerkert. Pierre, der segensreich im Verborgenen als Prediger wirkte, wurde drei Jahre später gefasst und hingerichtet. Marie wurde am 17.04.1730 um ihres Glaubens willen verhaftet. Sie war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt und seit drei Wochen verheiratet. Ihr Mann kam in die Festung von Brescou, erlangte aber 20 Jahre später unter der Bedingung, das Land zu verlassen, die Freiheit – Marie sah ihren Mann nach der Gefangennahme nie wieder. Sie selbst wurde nach Aigues-Mortes deportiert und dort in dem „Turm der Constance“ untergebracht. Dieser Turm wurde für sie Gefängnis und zugleich Ort der Bewährung.

Der Turm der Constance

Bis heute gilt der „Tour de Constance“ als Wahrzeichen von Aigues-Mortes, einer Stadt, die in einem salzigen Sumpfgebiet am Mittelmeer liegt. Weithin ist das mächtige, aus der flachen Landschaft aufstrebende Bauwerk sichtbar. Der Turm enthält zwei kreisrunde, übereinander gelegene Gewölbe, die eine Höhe und einen Durchmesser von elf Metern haben. In der Mitte der Decke dieser Rundräume ist jeweils ein Luft- und Lichtloch. Diese beiden Schächte liegen genau übereinander, sind mit einem Randmäuerchen eingefasst und mit einem Gitter bedeckt. Über Jahrhunderte wurden hier Gefangene untergebracht, ab 1686 auch Hugenotten. 1724 wurde es zum Frauengefängnis erklärt. Das Elend hinter den sechs Meter dicken Mauern war groß. Stickige Luft, grausame Eintönigkeit, trübes Licht, schlechte Versorgung und starke Feuchtigkeit machten das Leben zu einer Qual. Im Winter erging es den Gefangenen noch miserabler als im Sommer. Der Bretterverschlag, der notdürftig vor Wind und Kälte schützte, hielt das ersehnte Licht noch mehr zurück. Der beißende Rauch des offenen Feuers konnte dann auch kaum mehr abziehen, reizte zum Husten und brannte in den Augen. „Lebendig begraben“ – das war das grausame Los der Gefangenen.

Im Turm gefangen

In diese Welt wurde Marie Durand an einem heißen Apriltag hineingestoßen. So geriet sie in den endlos scheinenden Strom der Trostlosigkeit, in dem sich zu diesem Zeitpunkt noch weitere 28 Personen befanden (zwei davon waren Kinder, die im Turm geboren wurden). Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr fristete sie nun ihr Dasein in dem feuchten Dämmerdunkel. Wie leicht hätte sie sich daraus befreien können! Sie hätte „nur“ zum Katholizismus zurückkehren müssen, dann wäre sie wieder in der sonnigen Freiheit gewesen. Doch das wollte sie nicht – nein, um keinen Preis wollte sie die erkannte Wahrheit verleugnen. Dazu ermutigte sie auch die anderen Frauen, zu deren Führerin sie mit der Zeit geworden war. So harrten die Frauen tapfer aus. Nur wenige hielten dem Druck nicht stand. Dazu gehörte auch die 1743 eingelieferte Isabeau Guibal. Sie bat um Erlaubnis zur Messe in die Kirche gehen zu dürfen (was den Gefangenen natürlich gern zugebilligt wurde) und distanzierte sich von den anderen Häftlingen. Die Bemühungen Marie Durands an ihr blieben erfolglos. „Das sind die schwersten Heimsuchungen, die über uns kommen können“, seufzte Marie Durand, „viel schwerer als Krankheit oder Tod. Darum, liebe Schwestern, widersteht und betet, dass nicht auch wir noch in der Anfechtung fallen.“ Damals geschah es, dass sie mit der Spitze einer Schere in das steinerne Umfassungsmäuerchen des Luft- und Lichtschachtes das mahnende Wort einkratzte: RESISTER („Widerstehen“). Heute noch ergreift diese Inschrift den gläubigen Besucher des Turmes und appelliert an ihn, dem Teufel zu widerstehen (vgl. Eph 6,13; Jak 4,7; 1. Pet 5,9). RESISTER! Immer wieder musste Marie Durand sich selbst und den anderen Frauen dies zurufen; immer wieder fielen ihre Blicke in dem Halbdunkel auf dieses Wort. Und sie widerstand! Sie gab der Versuchung nicht nach, ihren Herrn zu verleugnen. Auch dann nicht, wenn sich erneut die Hoffnung auf eine Begnadigung zerschlug, der Wind eisig durch die Luftscharten blies, die rheumatischen Beschwerden sie peinigten, das Wasser an den Wänden herunterlief, das Sumpffieber sie schüttelte, eine schwere Erkältung nicht abklang oder eine der Leidensgenossinnen im Elend starb.
Am 11.04.1768 betrat gegen Abend ein Herr den Turm und überreichte Marie Durand ein gerolltes Papier: Sie war begnadigt worden! Marie Durand war nach 38 Jahren Haft eine freie Frau. Gezeichnet von jahrelangen Leiden und Entbehrungen kehrte die nun 53-Jährige in ihre alte Heimat zurück und lebte dort noch einige Jahre zurückgezogen und bescheiden. Acht Jahre später starb sie, im Juli 1776. Ihre letzten Worte sollen gewesen sein: „Die Krone des Lebens“. Ja, diese Krone wird sie empfangen, denn sie bewährte sich in der Erprobung und war auch bereit, für ihren Herrn zu sterben (vgl. Jak 1,12; Off 2,20). Sind wir nicht beschämt, wenn wir diese Hingabe sehen? Bewegt uns nicht die Standhaftigkeit dieser Frau, die (mit manchen anderen) dieses „steinerne Grab“ zu einem Denkmal der Glaubenstreue gemacht hat? Es sollte uns ein Ansporn sein, dem Herrn treuer nachzufolgen, für Ihn auf Annehmlichkeiten zu verzichten, vor Schwierigkeiten nicht in die Knie zu gehen und Ablehnung zu erdulden.

Quelle: http://www.bibelstudium.de/index.php?ar ... rie+Durand
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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